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Seelennotstand im Alter

Allein: Immer mehr Sachsen leben im hohen Alter in Pflege­heimen – doch Pfarrer und Ehrenamtliche kommen kaum hinterher. Gibt es neue Wege der Seelsorge für Senioren?
Andreas Roth
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© Steffen Giersch

Über den Notstand in der Pflege wird seit Wochen heftig diskutiert. Doch über den Notstand in der Sorge für die Seelen alter Menschen in den Heimen spricht kaum jemand. Dabei lassen schon Zahlen das Ausmaß dieser Not erahnen: Allein zwischen 2001 und 2015 stieg die Zahl der Pflegebedürftigen in sächsischen Heimen von 33 000 auf 54 000 – obwohl die Bevölkerung schrumpft.

Gerade aus Regionen wie dem Erzgebirge und der Lausitz wandern die Jüngeren ab und zurück bleiben die Alten. Die Zahl der Pflegeheime in Sachsen kletterte auf über 885 und wird weiter wachsen. Die Landeskirche indes beschäftigt bisher nur fünf Pfarrer als Seelsorger für alte Menschen in diakonischen Einrichtungen der Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz. Auf dem Land und in den nicht-kirchlichen Heimen sind der jeweilige Ortspfarrer sowie ehrenamtliche Besuchsdienste gefragt – wenn es sie gibt und wenn sie es schaffen.

Die Landeskirche habe schon vor Jahren geprüft, ob Pfarrer ähnlich wie in der Krankenhausseelsorge auch für Pflegeheime von deren Betreibern und der Kirche gemeinsam finanziert werden könnten, sagt Frank del Chin, Referent für Seelsorge im Landeskirchenamt. »Doch wir sind am Ende davon abgekommen, weil die Strukturen in der Altenhilfe mit vielen unterschiedlichen Trägern viel komplexer sind als bei Krankenhäusern. Wir haben deshalb entschieden, dass die Altenseelsorge nicht von der Landeskirche zentral gesteuert wird mit eigenen Pfarrstellen – sondern von den Kirchgemeinden, die am nächsten dran sind.« Deshalb bieten Evangelische Erwachsenenbildung, Ehrenamtsakademie und Seelsorgeinstitut Weiterbildung für Ehrenamtliche in den Besuchsdiensten an. Und eine neu eingerichtete halbe Pfarrstelle soll ab Herbst in der ganzen Landeskirche Pfarrer für die Seelsorge mit Senioren fortbilden.

»Das Thema wird flächendeckend verdrängt. Die Hauptamtlichen verlassen sich sehr auf die Ehrenamtlichen«, kritisiert Sabine Schmerschneider, Pädagogische Leiterin der Evangelischen Erwachsenenbildung, die viele Jahre die Seniorenarbeit in der Landeskirche koordinierte. »Es gibt nur einzelne Pfarrer und Ehrenamtliche, die wissen, wie dringend es ist, weil sich viele Menschen im Alter auch in Kirchgemeinden verlassen und vergessen fühlen.«

Die Strukturreform der Landeskirche wird dies absehbar noch verschärfen: Noch weniger Pfarrer werden noch mehr zu tun haben – und Ehrenamtliche ebenso. »Wir können nicht immer mehr Mitarbeiter anstellen und Arbeitsgebiete erweitern, denn wir stehen unter einem Finanzierungsdruck«, erläutert Seelsorge-Referent Frank del Chin. »Aber Kirchenbezirke und Gemeinden können für die Altenseelsorge Stellen schaffen oder umwidmen. Es wäre dabei zu prüfen, ob Pflegeeinrichtungen zu Kostenerstattungen bereit sind oder auf verlässlicher Spendenbasis Teilstellen eingerichtet werden können.« So tun es schon heute die Kirchenbezirke Leipzig und Chemnitz oder auch Kirchgemeinden in Dresden und Meißen.

»Wir müssen auf allen Ebenen neu denken«, fordert Sabine Schmerschneider. Eine Möglichkeit wäre, zusammen mit Heimbetreibern und Mitteln der Pflegekassen für soziale Betreuung auch christliche Angebote zu finanzieren.

Im Landeskirchenamt hat man das bisher noch nicht ausgelotet – und auch deutschlandweit sei das Neuland, so der EKD-Seelsorge-Referent Andreas Jensen. Dabei könnte man sich auf das für die Altenpflege grundlegende Sozialgesetzbuch XI berufen. Als Pflichten für Pflegeeinrichtungen gelten dort: »Kranke, gebrechliche und pflegebedürftige Menschen zu pflegen, zu betreuen, zu trösten und sie im Sterben zu begleiten«.

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3 Lesermeinungen zu Seelennotstand im Alter
Britta schreibt:
06. September 2018, 7:55

Dann sollte die ev. Kirche eben endlich mal anfangen, ihre Gelder nicht fuer kirchenfremde Zwecke zu verpulvern, wie Flieger ueber dem Mittelmeer, sondern sich um die Seelsorge der wirklich Verlassenen kuemmern und dies nicht versuchen, auf andere abzuwaelzen. Schliesslich haben auch die meisten der alten Leutchen Kirchensteuer etc. gezahlt und ihnen ist fast alles zu verdanken, was wir heutzutage als selbstverstaendlich ansehen. Gut, dass es mal einen Artikel dazu gibt, denn man hat zuweilen den Eindruck, am Anfang und am Ende des Lebens ist man der Kirche voellig egal.

Gert Flessing schreibt:
06. September 2018, 9:39

Ich finde es gut, dass dieses Thema angesprochen wird. Auch, weil ich selbst ja nun nicht mehr jung bin und den Weg, den ich zu gehen habe, abschätzen kann.
Aber ebenso, weil ich weiß, was es bedeutet, das Menschen am Ende ihres Lebens spüren: Ich bin nicht von der Kirche verlassen.
In den achtziger Jahren war ich für ein Kreispflegeheim in Brandenburg zuständig. Regelmäßig wurde dort Gottesdienst gehalten. Anschließend nahm ich mir die zeit, durch die Zimmer zu gehen und mit denen, die es wünschten, zu sprechen, bei anderen, die hand zu halten oder ihnen einen Segen zuzusprechen.
Das Heim war nun nicht etwa besonders christlich, aber der besuch des Pfarrers gehörte zu den Selbstverständlichkeiten und während ich da war, ruhte auch alles andere, was an Verrichtungen eventuell zu tun wäre.
Auch späte, hier in Sachsen, habe ich Pflegeheime erlebt, ja eines sogar mit eingeweiht. Aber ich habe in unserer Zeit wesentlich mehr Ressentiments, von Seiten des Personals und teilweise auch der Leitungskräfte, erfahren müssen. Es war keine Selbstverständlichkeit mehr und in einem Heim, das sogar einen (viel zu kleinen) Andachtsraum, mit einem wunderschönen Buntglasfenster, hatte, wurde dieser Raum ein oder zwei Mal genutzt.
Ich denke schon, dass unsere Kirche hier eine große Aufgabe hat und die hängt nicht immer nur mit fehlendem kirchlichen Personal, sondern manchmal mit ganz anderen dingen zusammen.
Gert Flessing

Britta schreibt:
06. September 2018, 12:22

Lieber Herr Flessing,
vielen Dank fuer Ihren Erfahrungsbericht. Ja, wenn man bedenkt, dass zu eigentlich atheistischen DDR-Zeiten der Zugang zum Altersheim problemsloser als in unserer heutigen Toleranz-fuer-alles-aber-bitte-kein-Bekenntnis-Zeit war, deckt sich das mit dem, was man z.B. als Kirchenchor bei traditionellen Weihnachtsliedersingen im Krankenhaus erlebt. Ein Hoffnungaschimmer ist, dass der diesjaehrige Konfirmandenjahrgang unter unserem tuechtigen Vakanzpfarrer dreimal so viele Konfirmanden umfasst, als im Mai konfirmiert wurden. Denn sonst sind auch die oben beschriebenen Verhaeltnisse ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, die sich mit Haenden und Fuessen gegen ihre Wurzeln wehrt und nicht mehr das christliche Abendland sein will.
Viele Gruesse
Britta

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