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Wie geht es durchs Nadelöhr?

Gott und Geld: Viel dreht sich im Leben um das Finanzielle. Auch die Kirche pflegt ihr Geld und ringt um dessen gute Verteilung und Anlage. Doch Jesus übte harsche Geldkritik. Wieviel Reichtum ist gut? Und wann ist weniger mehr?
Von Stefan Seidel
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© Foto: NESRUDHEEN/Fotolia; Qyzz/Fotolia; Montage: so

Oft gibt es böses Blut, wenn es um's Geld geht. Da entzweit ein Erbstreit eine Familie. Da wird derjenige missgünstig beäugt, der hohe Gehälter und Bonuszahlungen kassiert – oder derjenige, der angeblich über Gebühr Sozialleistungen empfängt. Irgendetwas scheint tatsächlich im ­Argen zu liegen, wenn die 374 größten internationalen Konzerne zusammen 655 Milliarden Finanzreserven haben – und alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt.

Jesus fand in der Bibel klare Worte für den Umgang mit Geld. Vom »reichen Jüngling«, der ihm nachfolgen wollte, fordert er: »Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen!« Und: »Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt« (Lukas 18,22.25). Doch wer ist der »reiche Jüngling« heute? Deutschland ist das viertreich­ste Land der Welt – und offenbar auf der Sonnenseite des Lebens. Denn während die Zahl der hungernden Menschen nach der Finanzkrise 2008 um 69 Millionen wuchs, blieben die Kühlschränke hierzulande wohl gefüllt. Dennoch grassiert die Angst vor dem Zu-kurz-kommen.

Der Sozialpsychologe Erich Fromm diagnostizierte bereits 1976, dass die reichen westlichen Gesellschaften zu sehr am Ideal des »Habens« orientiert seien und darüber krank würden. Denn das Streben nach immer mehr Besitz führe in Enge, Zwänge und Depression. Seine Formel lautete »Je mehr ›Haben‹, desto weniger ›Sein‹« und er empfahl, das Horten aufzugeben und Freude aus dem Geben und Teilen zu schöpfen. Damit stünde freilich der gegenwärtige Grundsatz in Frage, dass allein das Wachstum, der Markt und der Profit selig mache.

Es ist leicht, die Frage von Geld und Reichtum zur Frage der anderen zu machen. Da sind die Superreichen, die gemahnt gehören. Oder die geläuterten Ex-Reichen, die im Verlust ihres Reichtums zur Vernunft gekommen sind (siehe Seite 3). Doch wer ist der »reiche Jüngling«? Herr, bin ich’s? Das Nadelöhr ist bedrohlich eng. Ob einer, dem die Segnungen des Wohlstands erreichten, hindurchpasst? Ob eine Kirche, die große Geldsummen auch auf dem Finanzmarkt bewegt, hindurchpasst? Ob ein Land, das sich dem Teilen und Solidarischsein verschließt, hindurchpasst?

Die Frage nach dem Geld hat es in sich. An den starken Worten Jesu – »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!« – ist schwer vorbeizukommen. Für Jesus scheint der Reichtum aus zwei Gründen problematisch: weil es Arme und Armgemachte gibt – und weil der Reichtum oder das Geld zu einem Leben jenseits von Gott verführt. Dass man meint, sich selbst retten und absichern zu können. Das Geld steht dann dem echten Glauben im Weg, ganz und gar aus und in Gott zu leben. Es geht offenbar beim »reichen Jüngling« darum anzuerkennen: Gott allein ist groß und mächtig – und daraus zu leben ist der »wahre Schatz« und lässt sorgenfreier und freigiebiger sein.

Auch die französische Philosophin Simone Weil (1909–1943) sah im Geld die Gefahr eines Gegengottes: »Überall, wo das Geld eindringt, zerstört es die Wurzeln, indem es alle anderen Triebkräfte durch das Verlangen nach Bereicherung ersetzt«, schrieb sie einmal. Obwohl sie tief in den Christusglauben hineingewachsen war, scheute sie bis zuletzt einen Kircheneintritt. Denn die Kirche verliere durch ihren Besitz und die Ferne von den Armen ihre Glaubwürdigkeit. »Ich habe mir manchmal gesagt, dass ich mich sofort bekehren würde, wenn man an den Kirchentüren anschlüge, dass der Eintritt jedem verboten ist, dessen Gehalt über dem oder jenem Betrag (einem geringen Betrag) liegt …«, so Simone Weil gemäß ihrer Biografin Simone Pétrement. Das Nadelöhr-Wort Jesu bleibt eine Provokation.

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