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Die Geister sind noch da

Deutsch-tschechische Literatur: »Winterbergs letzte Reise«, der aktuelle Roman des Schriftstellers Jaroslav Rudiš (46), ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und eine ebenso witzige wie berührende Donquichotterie über Schuld, den Tod und Erinnerung.
Die Fragen stellte Olaf Schmidt
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Kandidat für den Leipziger Buchpreis: Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudi (46) Foto: Peter von Felbert © Peter von Felbert

Herr Rudiš, warum haben Sie den Roman auf Deutsch geschrieben?

Jaroslav Rudiš: Von Anfang an habe ich über diese Geschichte nur auf Deutsch nachgedacht. Sie bezieht sich auf einen guten deutschen Freund von mir, der gerne Mitteleuropa mit einem Baedeker von 1913 bereist. Und Mehrsprachigkeit gehört einfach zu Mitteleuropa. Vor dem Krieg gab es in der Tschechoslowakei fünf Millionen Tschechen, drei Millionen Deutsche und zwei Millionen Slowaken. Die Deutschen waren in meinem Land keine Minderheit.

Winterberg ist ein Habsburg-Nostalgiker. Wie erinnern sich die Tschechen an diese Epoche?

Wir reden oft über die tschechische Geschichte und denken dabei nur an uns, die 400-jährige Zugehörigkeit zum Habsburgerreich wird dabei fast ausgeblendet. Das ist schade und ungerecht. Diese vergessene Vergangenheit wollte ich mit Winterberg zurückholen.

Warum erwähnt Winterberg immerzu die Sachsen, die 1866 an der Seite Österreichs die Schlacht bei Königgrätz verloren haben?

Winterbergs sagt immer wieder: Königgrätz geht mitten durch mein Herz. Das ist ein Satz, der alles zusammengefasst, was ich für mein Schreiben brauche. Das ist ein wenig verrückt, ein wenig melancholisch, ein wenig lustig auch. Ich bin ja ganz in der Nähe von Königgrätz geboren. Zehn Meter vom Grab meines Großvaters gibt es ein Denkmal für 40 gefallene Sachsen. Daher habe ich die Sachsen im Roman so hervorgehoben. In den Familien sind die alten Geschichten noch lebendig. Schließlich mussten die Einheimischen all die Leichen begraben. Aber die Geister sind noch da.

Im Roman geht es um Schuld, Sterben, Tod, aber Religion spielt kaum eine Rolle.

Nein, ich komme aus einer typischen sozialistischen Familie. Mein Großvater war ein überzeugter stalinistischer Kommunist. Meine Oma war auch in der Partei, aber ging in die Kirche. Nicht allzu oft, weil das den Opa so geärgert hat, aber sie war wirklich eine gläubige Frau, davon bin ich überzeugt. Ich habe sie einmal gefragt: Du Oma, wie geht das zusammen? Und sie hat geantwortet: Jaro, ich bin einfach eine schlechte Christin und eine schlechte Kommunistin.

Warum ist gerade in Tschechien das Christentum so zurückgegangen?

Es wäre zu kurz gegriffen, alles auf den Kommunismus zu schieben. Nach dem Untergang des Habsburgerreiches sind zum Beispiel massenhaft Leute aus der katholischen Kirche ausgetreten. Katholisch hieß eben auch österreichisch. Es war auch ein politische Entscheidung, sich von dem Alten zu trennen: Wir haben eine moderne neue Republik, wir haben Demokratie!

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