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Was am Grab nicht verzweifeln lässt

Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Johannes 3, Verse 14–15
Christian Tiede
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Christian Tiede ist Pfarrer der Kirchgemeinde St. Petri Bautzen. © Holger Hinz

Nirgendwo geht der Blick so sehr in die Tiefe, wie an einem Grab. Letzter Abschied, nachdem der Sarg abgesenkt worden ist. Irgendwann ist man an der Reihe zwischen all den Trauernden, geht nach vorn, unsicher die Schritte. In der Hand eine Rose als letzter Gruß. Am Grab ist plötzlich zum Greifen nah, was in den Tagen zuvor noch vollkommen unfassbar war. Und doch bleibt es unendlich weit weg, ist noch immer nicht zu verstehen. Ein paar ungeordnete Gedanken, der Versuch, nicht zu verzweifeln, ein kurzes Gebet vielleicht und dann löst sich die Rose aus der Hand, fällt hinein in die Tiefe. So als würde sie ins Bodenlose fallen.

Mitten in der Nacht, so erzählt das Johannesevangelium, kommt Nikodemus zu Jesus. Den Pharisäer und Schriftgelehrten treibt die Frage um, wie das zugeht mit dem Reich Gottes. »Wie kann ein Mensch neu geboren werden, wenn er alt ist« möchte er wissen. Darf ich noch etwas vom Leben erwarten, auch wenn schon soviel Leben auf mir lastet? Kann ich noch einmal neu beginnen? Wie ist das mit dem ewigen Leben?

Es ist wohl nicht ohne Grund, dass Nikodemus mitten in der Nacht kommt. Denn was ihn umtreibt sind die dunklen Nachtgedanken der Seele. Sie rauben ihm den Schlaf, sie lassen ihn keine Ruhe finden. Drängende Gedanken, die sich oft unerwartet einstellen und dann stürzen sie ins Bodenlose.

Jesus verwickelt Nikodemus in ein Gespräch, bringt ihn auf neue Gedanken. Er nimmt sich Zeit, fragt zurück. Und es ist, als wenn er allein dadurch neue Zeit eröffnet. Und dann ändert Jesus die Blickrichtung. Wieder nach oben. In die Weite. Auf den Karfreitag folgt der Ostermorgen.

Quelle
DER SONNTAG, Nr. 15 | 14.4.2019 Artikel drucken Artikel im ePaper anzeigen

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