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Gott im Rücken, Welt vor Augen

Kirchentag: Grün war die Farbe des Protestantentreffens in Dortmund – und grün ist die Farbe der Hoffnung. Es gelang, ein deutliches Zeichen zu setzen. Und dabei das Feiern nicht zu versäumen.
Von Stefan Seidel
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© Foto: DEKT/Kriens

Es war, als hätten die Protestanten Dortmund gekapert, als sie vergangene Woche den 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag feierten. 121 000 Teilnehmer färbten die Ruhrgebietsmetropole mit Kirchentagsschals grün. An vielen Ecken brachten Singegruppen und Posaunenchöre Gospel und Choräle unters Volk. Gesänge, Gebete und Gespräche verwandelten Dortmund in fröhliches Kirchentagsland.

»Was für ein Vertrauen« hieß das Motto – und es wurde gelebt. An vollen U-Bahnstationen wurde nicht gedrängelt und viele Polizeibeamte genossen sichtlich die ausgesprochen entspannte Großveranstaltung. Ja, das typische Kirchentagsgefühl konnte aufkommen: dass man sich als Christenheit doch nicht nur als »Häuflein klein« fühlen muss. Kirchentag – das ist immer auch Selbstvergewisserung, Gemeinschaftssuche, Groß-Rüstzeit. Und das Erleben von Gänsehaut-Momenten. Etwa wenn die Journalistin Dunja Hayali bei einer Bibelarbeit ein Umdenken in der Flüchtlingspolitik fordert und in die volle Halle ruft: »Was ist mit uns passiert, dass wir die, die Menschen retten wollen, kriminalisieren?« Oder wenn der Journalist Heribert Prantl in der dicht besetzten Westfalenhalle unter Applaus sagt: »Die aktuelle europäische Asylpolitik ist unbarmherzig, tödlich, eine Schande.«

Es war eines der Hauptthemen des Kirchentages: der Umgang mit Flucht und Fluchtursachen. Auf rund 100 der 2400 Veranstaltungen ging es um Wege, die Migration menschenfreundlich zu gestalten. So warb der Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando, für die Initiative »Sichere Häfen«, mit der sich auch viele deutsche Städte für die Aufnahme von Bootsflüchtlingen aussprechen – bislang erfolglos. »Die Bereitschaft und die Möglichkeiten sind da, niemand kann mehr sagen, wir können Flüchtlinge nicht aufnehmen«, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und ergänzte: »Europa verliert seine Seele, wenn wir so weitermachen.«

Kirchentagsteilnehmer verabschiedeten eine Resolution, in der sie die EKD und die Landeskirchen aufforderten, selbst ein Rettungsschiff in die »tödlichsten Gewässer der Welt« zu schicken. Bei einem Kirchentags-Großkonzert auf dem überfüllten Hansaplatz mit dem Sänger Adel Tawil hielten die 15 000 Besucherinnen und Besucher fünf Schweigeminuten für die bislang 18 000 im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlinge. Allerorten war zu spüren, dass es ein Bedürfnis gab, ein klares Zeichen für den Schutz der Menschenwürde und die Einhaltung von Barmherzigkeit und Solidarität zu setzen – und dabei zu sehen, zu hören und zu spüren, dass man mit dieser oftmals als »Gutmenschentum« verunglimpften Position bei Weitem nicht alleine ist.

Der zweite Hauptakzent galt der Klimafrage. »Die Extremwetterereignisse sind nur ein Vorgeschmack auf das, was uns bevorsteht, wenn keine radikale Umkehr in der Klimapolitik geschieht«, sagte der Klimaexperte Uwe Schneidewind auf einem Podium. Doch warnte er vor einer apokalyptischen Haltung. Eine Umkehr sei noch möglich. Mit Blick auf die fortschreitende Energiewende und Mobilitätsreform halte er es für möglich, dass die Umstellung ganz schnell geschehen könnte. Die Hoffnung sollte wieder genährt werden. Zahlreiche Redner und Teilnehmer solidarisierten sich mit der »Fridays For Future«-Bewegung und forderten von der Regierung deutlichere Maßnahmen für den Klimaschutz.

Doch auch geistliche Angebote standen hoch im Kurs, wie Seminare zum Herzensgebet, Andachten mit Ikonenmeditation oder Bibliodrama. Dem Kirchentag ist es gelungen, aus dem Schatten des Reformationsjubiläums zu treten und wieder ein Zeichen in die Gesellschaft zu senden. Dieses könnte man mit einem Satz aus dem Vortrag Heribert Prandls zusammenfassen: »Die Kraft der Hoffnung ist die Kraft gegen die Angst.«

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