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Allertiefste Menschlichkeit

Vor 80 Jahren starb Ernst Barlach
Andreas Rehnolt (epd)
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Ernst Barlach: Selbstporträt, 1928
© Wikipedia

»Kunst ist eine Sache allertiefster Menschlichkeit.« Dieser Satz des Bildhauers, Zeichners und Schriftstellers Ernst Barlach steht für das Werk eines Künstlers, dem es in seinen Arbeiten um zeitlos gültige Aussagen ging. Dabei sparte der 1870 in Wedel geborene Arztsohn eine kritische Sicht auf die Gegenwart nicht aus. Vor 80 Jahren, am 24. Oktober 1938, starb er in Rostock an den Folgen eines Herzinfarkts.

Seine Plastiken, Zeichnungen und auch seine nicht so bekannten zahlreichen Dramen spiegeln die soziale Not und widersetzen sich bürgerlichen Konventionen. Viele seiner Plastiken befinden sich heute in katholischen oder protestantischen Kirchen, unter anderem in Köln, Marburg, Bremen, Lübeck, Kiel, Münster, Magdeburg – und natürlich im mecklenburgischen Güstrow, wo Barlach seit 1910 lebte.

Im Kirchenschiff des Doms hängt eine seiner bekanntesten Bronzeplastiken, der »Schwebende«, die der Künstler ursprünglich als Ehrenmal für die Opfer des Ersten Weltkrieges geschaffen hatte. Bei dem Werk in Güstrow handelt es sich mittlerweile um einen Abguss: Das Original wurde 1937 aus der Kirche geholt und während des Zweiten Weltkriegs für neue Kanonen eingeschmolzen.

Doch die Nazis, die 1937 ein Ausstellungsverbot verhängten und seine Kunst als »entartet« verfemten, schafften es nicht, Barlachs Werk zu vernichten. Das Original-Werkmodell seines »Schwebenden« überstand versteckt die Wirren des Krieges. Seit 1952 hängt in der evangelischen Antoniter-Citykirche in Köln ein Zweitguss. Ein von diesem abgenommener weiterer Guss wurde 1953 der Domgemeinde in Güstrow als Geschenk der Evangelischen Gemeinde Köln übergeben.

Der »Schwebende« trägt die Gesichtszüge von Barlachs Künstlerkollegin Käthe Kollwitz (1867–1945) und gilt als eines seiner Schlüsselwerke. Als Plädoyer gegen Krieg und Gewalt geschaffen, war diese Arbeit eine revolutionäre Neuerung.

Damals gängige Kriegerdenkmale dienten der Glorifizierung der Gestorbenen und sollten für weitere Generationen Anreize zum »Heldentod« geben, wie die Kölner Kirchenführerin Antje Löhr-Sieberg erklärt. Kein Wunder, dass die Nationalsozialisten 1937 Barlachs unheroischen »Schwebenden« und viele andere seiner Werke entfernen ließen.

Zwar hatte Barlach noch 1934 in einem von ihm unterzeichneten Bekenntnis betont, er gehöre »zu des Führers Gefolgschaft«. Doch für die Nazis war er ab diesem Jahr ein Schöpfer »entarteter Kunst« - nicht zuletzt durch seine damals entstandene Plastik des niedergeschlagenen »Wanderers im Wind«, mit der er sich gegen die nationalsozialistische Ideologie stellte. Überhaupt passten der Kulturideologie der Nazis Barlachs Darstellungen von Bauern und Bettlern nicht. Viele prägende Motive hatte er 1906 auf einer Reise mit seinem Bruder nach Russland gesammelt.

Seine künstlerische Arbeit setzte er auch nach dem Ausstellungsverbot fort, wandte sich weiter der existenziellen Einsamkeit des Einzelnen zu. Versehrte, Geächtete und Notleidende, Randfiguren der Gesellschaft, blieben seine Hauptmotive.

»Gott verbirgt sich hinter allem, und in allem sind schmale Spalten, durch die er scheint – scheint und blitzt«, erklärte Barlach einmal. Doch hat er sich nie von der Kirche vereinnahmen lassen, wie Jürgen Doppelstein von der Ernst-Barlach-Gesellschaft betonte.

Der größte zusammenhängende Werkbestand an bildhauerischen, grafischen und schriftlichen Arbeiten, Skizzen und Entwürfen Barlachs befindet sich heute in Güstrow. Dazu zählen etwa 320 plastische Arbeiten, 1.400 Zeichnungen, 200 Druckgraphiken sowie jeweils mehr als 100 Skizzenbücher und literarische Manuskripte. 1953 wurde in Güstrow in der Gertrudenkapelle ein Ausstellungsraum eröffnet, in dem etwa der »Lesende Klosterschüler« von 1930 oder die 1937 entstandene Holzfigur »Der Zweifler« stehen.

Ein Ernst-Barlach-Museum wurde 1987 im Geburtshaus des Künstlers in Wedel in Schleswig-Holstein eröffnet. Es wird wie das Barlach-Museum Ratzeburg von der Hamburger Ernst-Barlach-Gesellschaft betrieben. In Ratzeburg – der Stadt von Barlachs Kindheit – ist der Künstler auch begraben.

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