0

Der Unbequeme

Der frühere DDR-Bürgerrechtler, Pfarrer und Abrüstungsminister Rainer Eppelmann wird heute 75 Jahre alt
epd
  • Artikel empfehlen:
10. März 1990 in Leipzig: Demo vor dem Alten Rathaus auf dem Markt; Rainer Eppelmann spricht vom Balkon des Alten Rathauses im Wahlkampf für den Demokratischen Aufbruch DA, v.li. Karlheinz Bauer (Bezirksvorsitzender DA Leipzig, Gabriele Sajonz (DA-Spitzenkandidatin im Bezirk Leipzig zur Volkskammerwahl), Rainer Eppelmann, G. Kleinschmidt. © Bernd Heinze

Eigentlich wollte er Architektur studieren, gestand Rainer Eppelmann einmal in einem Interview. Dann kam der Mauerbau und dem damals 18-jährigen Sohn aus einer Ost-Berliner Handwerkerfamilie blieb kurz vor dem Abitur der Weg in sein Gymnasium im Westteil der Stadt versperrt. Er brach die Schule ab, jobbte zunächst als Dachdecker, absolvierte dann eine Maurerlehre und begann schließlich ein Theologiestudium an der Ost-Berliner kirchlichen Fachhochschule »Paulinum«. 1974 trat er seine erste Pfarrstelle in der Samaritergemeinde in Berlin-Friedrichshain an.

»Ich wäre vielleicht ein leidlich guter Architekt geworden«, bilanzierte der heutige Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mehr als fünf Jahrzehnte später. »So aber bin ich Pfarrer geworden. Besser hätte es mich gar nicht erwischen können.« Für ihn sei der 13. August 1961, der Tag, an dem der Mauerbau begann, am Ende doch ein Segen gewesen. Am Rosenmontag, dem 12. Februar, wird Eppelmann 75 Jahre alt.

Als er 1969 sein Theologiestudium aufnahm, hatte er aus Sicht des SED-Regimes mit widerspenstigem Verhalten bereits reichlich verbrannte Erde hinterlassen. Drei Jahre zuvor, 1966, verweigerte er nicht nur den Dienst an der Waffe in der NVA, sondern auch das Gelöbnis in den waffenlosen Baueinheiten der DDR-Volksarmee. Dafür wanderte er acht Monate in den Knast.

Viel mehr als ein beruflicher Werdegang unter dem Dach der evangelischen Kirche blieb ihm bei diesen Vorbedingungen in der DDR nicht übrig. Auch als Kirchenmann eckte er an. Der Gemeindepfarrer und Kreisjugendpfarrer politisierte seine Arbeit, öffnete seine Kirche für unangepasste Jugendliche. Legendär wurden Eppelmanns Blues-Messen mit zuletzt Tausenden von Teilnehmern, in denen Bands im geschützten Raum der Samariterkirche unzensiert auftreten durften.

Die Blues-Messen missfielen nicht nur der Staatsmacht, sondern auch der Kirchenleitung. Der »Bund der Evangelischen Kirche in der DDR« wollte den für 1987 in Aussicht gestellten Kirchentag nicht gefährden und entschloss sich im Herbst 1986 schließlich, sie einzustellen.

Eppelmann veranstaltete Friedensseminare und Mahnwachen, schrieb offene Briefe und Eingaben, verfasste 1982 mit dem SED-Dissidenten Robert Havemann den »Berliner Appell« zum »Frieden schaffen ohne Waffen«. So wuchs er in den 80er Jahren zeitweise zum »Staatsfeind Nr.1« der DDR-Oberen heran. Aus Stasi-Unterlagen ging später hervor, dass Offiziere des DDR-Geheimdienstes sogar seine Ermordung planten. Er nervte Polizei und Justiz mit Anzeigen, wegen der Verwanzung seiner Wohnung durch die Stasi oder wegen Fälschung der Kommunalwahlen von 1989.

Eppelmann wurde zu einer der Schlüsselfiguren der friedensbewegten DDR-Opposition und unterhielt rege Kontakte zu Politikern und Journalisten aus dem Westen. Als das SED-Regime zu erodieren begann, gründet er im Oktober 1989 die Partei »Demokratischer Aufbruch« mit, für die er 1990 in die frei gewählte DDR-Volkskammer zieht. Unter dem letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maizière (CDU) wird der Pfarrer Abrüstungs- und Verteidigungsminister.

Wie das SED-System fiel mit dem Mauerfall auch die vermeintlich homogene Opposition in der DDR auseinander. Eppelmann gehörte zu dem eher bürgerlichen Flügel, der gegen eine rasche Wiedervereinigung wenige Einwände hatte. Den absoluten Tabu-Bruch für die pazifistisch gesinnten DDR-Bürgerrechtler beging der kernige Ex-Pfarrer aber, als er sich im Frühjahr 1990 für einen Verbleib Gesamtdeutschlands in der Nato aussprach. »Rainer Eppelmann, Ich schäme mich für Dich!«, ließ Havemanns Witwe Katja via Zeitungsanzeige den ehemaligen Weggefährten wissen.

Nach dem 3. Oktober 1990 zog Eppelmann für die CDU in den Bundestag und leitete ab 1992 die beiden Enquete-Kommissionen zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Sechs Jahre lang steuerte er die Kommission durch die raue See von Geschichtsklitterung und aufkommender Ost-Larmoyanz. Aus den Kommissionen ging 1998 schließlich die Stiftung Aufarbeitung hervor, deren Vorstandsvorsitzender er bis heute ist.

»Obwohl ich ja nun selbst in der DDR gelebt habe, haben mich die Ausmaße der Menschenverachtung des SED-Regimes immer wieder überrascht«, sagte Eppelmann 20 Jahre später. Seiner eigenen Kirche warf er in den 90er Jahren eine zu große Nähe zu den DDR-Machthabern vor: Zu oft hätten die Kirchenoberen zu Missständen im eigenen Land geschwiegen.

Diskutieren Sie mit

Folgen Sie Sonntag Sachsen:

Aktuelle Veranstaltungen
  • , – Olbernhau
  • Orgelkonzert
  • Kirche Dörnthal
  • , – Dresden
  • Traugottesdienst
  • Frauenkirche
  • , – Leipzig
  • Gottesdienst für PädagogInnen und ErzieherInnen
  • Matthäi-Haus
Audio-Podcast

Der Twitter-Sonntagticker
Sonntag Sachsen @sonntagticker
111 Jahre Kirchliche #Frauenarbeit in der Sächischen Landeskirche – ein Grund zum Feiern, auch wenn noch einiges be… https://t.co/Ff6DF9tHVe
heute
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Pilgern auf dem #Lutherweg in Sachsen mit dem evangelischen Landesbischof #Rentzing mit Landtagspräsident #Rößler:… https://t.co/fGLs0aVjeQ
vor 2 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Geld aus dem SED-Vermögen für die #Busmannkapelle #Dresden – sie ist Gedenk- und Erinnerungsort an die älteste Kirc… https://t.co/ncqXSYP1gy
vor 2 Tagen
Sonntag Sachsen @sonntagticker
Morgen starten in #Sachsen viele #Erstklässler ihre #Schulzeit. Die einen starten mit reich bepackter #Zuckertüte,… https://t.co/T8e3VA7bEE
vor 5 Tagen