Eskalation mit Ansage

Zeitgleich: Gebete für Erkrankte und Demonstration von Corona-Leugnern
Johannes Süßmann (epd)/so
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Leipzig, Gebet, Andacht, Corona-Leugner, Querdenken, Corona, Anti-Corona-Proteste
Am Sonnabend fand in der katholischen Propsteikirche am Leipziger Ring ein ökumenischer Gottesdienst statt – mit Andachten, Gebet für den Frieden in der Stadt und für die von der Covid-19-Erkrankung betroffenen Menschen und ihre Angehörigen. Zeitgleich demonstrierten die Corona-Leugner im Zentrum der Stadt. © Uwe Winkler

Es ist ziemlich genau 18 Uhr am Samstagabend, als die Demonstranten der "Querdenken"-Bewegung auch die letzte Auflage verletzen. Mit Macht durchbrechen die Gegner der Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie eine Absperrung am Leipziger Hauptbahnhof. Die Polizei spricht später von "zahlreichen Übergriffen auf Einsatzkräfte". Zehntausende strömen über den Innenstadtring, skandieren "Frieden, Freiheit, keine Diktatur" und "Wir sind das Volk". Ganz so hatten es sich die Veranstalter wohl vorgestellt mit ihrer Ankündigung, an die Demonstrationen gegen das DDR-Regime vom Herbst 1989 anknüpfen zu wollen.

Zur Bilanz dieses Demo-Tages gehören auch Ausschreitungen und Dutzende attackierte Medienvertreter – und dazu womöglich das im Voraus von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) befürchtete "riesige Corona-Verbreitungs-Event".

Die Stadt Leipzig wollte diese Eskalation vermeiden, hatte die Versammlung der Corona-Leugner am Freitag auf das Messegelände am Stadtrand verlegt, das Verwaltungsgericht bestätigte das. Doch die nächste Instanz, das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Bautzen, verkündete am Samstagmorgen, die Veranstaltung dürfe nun doch auf dem zentralen Augustusplatz stattfinden. Als Auflagen erließ es eine Beschränkung auf maximal 16.000 Teilnehmer, Maskenpflicht, Abstandsgebot - und dass die Demonstration nicht laufen darf, sondern "ortsfest" sein muss, wie es auch Sachsens Corona-Verordnung fordert.

Auf dem Augustusplatz wird schon vor Beginn um 13 Uhr klar, dass kaum etwas davon gehalten werden wird. Die Polizei zählte 20.000 Teilnehmer, die Forschungsgruppe "Durchgezählt" sogar 45.000 Menschen. Maske trägt so gut wie niemand, auch an Abstandhalten ist angesichts der Menschenmenge nicht zu denken – und spätestens um 18 Uhr ist es auch um die "Ortsfestigkeit" geschehen.

Die Polizei sagt mehrmals die Auflagen durch, greift aber nicht ein. Dafür gibt es etwas weiter den Innenstadtring hinunter schon am frühen Nachmittag Scharmützel gewaltbereiter Hooligans und Neonazis mit Antifa-Aktivisten und der Polizei. Es kommt zu Schlägereien und Jagdszenen, ein Rechter blutet am Auge, auch ein Stein soll geflogen sein. Die Polizei riegelt den linken Gegenprotest ab, will die Gruppen trennen. Sachsens Verfassungsschutz hatte zuvor vor der Unterwanderung von "Querdenken" durch Rechtsextremisten gewarnt, auch vor entsprechendem Gewaltpotenzial.

Auf dem Augustusplatz wechseln sich derweil esoterische Meditationen mit Friedensschlagern und semiprominenten Rednern ab, die sich offenbar ins Lager der Corona-Leugner begeben haben – so sprechen etwa der evangelische Pfarrer Christoph Wonneberger, der während der friedlichen Revolution 1989 eine wichtige Rolle spielte, und der Fußball-Weltmeister von 1990, Thomas Berthold. In der Menge stehen Friedensbewegte neben Verschwörungsideologen, Hooligans neben Impfgegnerinnen, wehen Reichs- neben Friedensflaggen. Viel Schwäbisch ist zu hören.

Nach zweieinhalb Stunden verkündet die Stadt die Auflösung wegen Missachtung der Auflagen. Die Masse reagiert mit Buh-Rufen und skandiert "Wir sind das Volk", zieht nach einer Weile weiter auf den Ring. Später durchbrechen Demonstranten dann die Sperre am Hauptbahnhof, ziehen um den Ring, fluten die Innenstadt, rufen "Oh, wie ist das schön". Auch wenn der überwiegende Teil der Versammlung aus zwar Corona leugnenden, aber friedlichen Menschen bestanden haben mag, fallen aus der Menge heraus immer wieder aggressive Parolen gegenüber Gegendemonstranten und Journalisten. Die Polizei eskortiert sie freundlich, bis in die Nacht sind Demonstranten in Leipzig unterwegs. 

Seit Monaten unternehmen weite Teile der Gesellschaft große Anstrengungen, um eine Pandemie einzudämmen. In Hanau wurde Ende August eine Gedenkdemonstration für die Opfer eines rassistischen Anschlags mit weit weniger Teilnehmern unter Verweis auf die Corona-Lage verboten. Angesichts dessen stehen die Verantwortlichen von Leipzig nun in der Kritik und werden aufgefordert zu erklären, warum dort zehntausende Maskenverweigerer mit Unterstützung rechter Schläger machen durften, was sie wollten. Sachsens Grüne, immerhin an der Regierung beteiligt, erklärten noch am Abend, das Nichthandeln von Roland Wöller (CDU) "als Innenminister ist nicht mehr tragbar". Der gab die Verantwortung in einer ersten Reaktion in der "Leipziger Volkszeitung" dem Oberverwaltungsgericht.

Leipziger Christinnen und Christen setzten am Sonnabend zeitgleich ein Zeichen für Verantwortung, Respekt, Solidarität und gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Pandemie. In der Propsteikirche, der Thomaskirche und der Nikolaikirche fanden ökumenische Gottesdienste und Andachten mit Gebet für den Frieden in der Stadt und die von der Covid-19-Erkrankung betroffenen Menschen und ihre Angehörigen statt. Das teilte der Kirchenbezirk mit. »Wir betrachten mit Sorge die Zahl der Personen, die die Pandemie leugnen, verharmlosen und Schutzmaßnahmen ablehnen«, hieß es. 

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