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Mythos Schwarzenberg – 42 Tage im Niemandsland

(epd)
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Schwarzenberg, Erzgebirge, Freie Republik, Unbesetzte Zone
© Marco Barnebeck/pixelio.de

"Bescheinigung" steht über drei dürren Zeilen auf einem sauber gelochten DIN-A5-Papier, datiert vom 14. Juni 1945: "Der Inhaber dieses Ausweises, Herr Willy Irmisch, (...) ist zum Tragen einer Schusswaffe berechtigt." Unterschrift: Irmisch. Es ist die Selbstermächtigung des vom Schwarzenberger "Aktionssausschuss" eingesetzten Bürgermeisters – ausgestellt trotz eines Entwaffnungsbefehls des Alliierten Kontrollrates in Berlin.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs, im April und Mai 1945, wurden in vielen deutschen Städten sogenannte Aktions- und Antifaschistische Ausschüsse gebildet, auch parallel zur Besetzung des Landes. 1976 listete der Historiker Lutz Niethammer 135 Städte, Stadtteile oder Gemeinden auf, in denen solche Gremien "mit entsprechendem regionalem Wirkungsraum" existierten. Ihre Ziele waren laut Niethammer: Verhaftung von NS-Funktionären, Schutz vor Plünderungen, Verteilung von Lebensmitteln, Säuberung der Verwaltung von Nazis und geordnete Rückführung von Flüchtlingen und ehemaligen Kriegsgefangenen.

Meist waren es Vertreter der Arbeiterparteien SPD und KPD, die aktiv wurden – so auch in der Gegend um Schwarzenberg im westlichen Erzgebirge. Dort war ein kleiner Landstrich nach der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 zunächst nicht unter alliierte Kontrolle gestellt worden. Gemäß der Vereinbarung der Alliierten in Jalta über den Zuschnitt der Besatzungszonen zogen sich die Amerikaner aus der bereits eroberten Region wieder zurück – und die russische Kommandantur blieb noch in Annaberg weiter östlich. Das änderte sich erst ab dem 20. Juni, als mit den ersten Anweisungen der sowjetischen Kommandantur die Zeit im Niemandsland vorbei war.

In der Zwischenzeit verwaltete der "Antifaschistische Aktionsausschuss" Schwarzenberg, den am 11. Mai 1945 vier Kommunisten und zwei Sozialdemokraten gebildet hatten. Er setzte einen Tag später Bürgermeister Ernst Rietzsch ab, der seit 1937 der NSDAP angehört hatte. Nachfolger wurde das kommunistische Ausschussmitglied Irmisch. Der Ausschuss übernahm die Schlüsselpositionen in der Stadtverwaltung und benannte neue Leiter für Post, Bahn und das örtliche Elektrizitätswerk. Er versuchte, der täglichen Not Herr zu werden, konfiszierte und verteilte Lebensmittel, besorgte Medikamente, versuchte sich an der Rückführung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern und gab gar eigenes Notgeld heraus.

Bis heute nicht abschließend erforscht sind aber die Enteignungen und Verhaftungen, die der Ausschuss veranlasste. Dabei wurden auch von der NS-Ideologie unbelastete Bürger sowie Geschäftsleute bei den sowjetischen Kommandanturen angezeigt, verhaftet und deportiert und kamen in Internierungslagern um. Die selbst ausgestellte "Bescheinigung" zum Waffentragen von Irmisch wirft ein Schlaglicht darauf, wie die Mitglieder des Ausschusses agierten.

In der Bewertung der Ereignisse liegen die Meinungen im Rückblick weit auseinander: Auf der einen Seite wird das zupackende, ja heroische Engagement der Schwarzenberger Bürger gewürdigt und als politisch fortschrittlich beschrieben. Die DDR-Geschichtsschreibung klassifizierte die Vorgänge als uneigennützig, gerecht und demokratisch.

Lenore Lobeck, eine Schwarzenberger Autorin, schreibt seit Jahren gegen das an, was sie Legendenbildung nennt. Die treibe bis heute merkwürdige Blüten – ausgelöst auch durch den Schriftsteller Stefan Heym, der 1984 mit seinem Roman "Schwarzenberg" der Epoche den Anstrich eines basisdemokratischen Sozialismusexperiments gegeben habe. Sie spricht von einer "Diskrepanz zwischen dem Mythos von der Enklave der Freiheit und der vor Ort erlebten Repression". Ihr Urteil lautet: "Die ergriffene Eigeninitiative der Schwarzenberger Protagonisten im Mai 1945 zielte von Anfang an auf die Errichtung der kommunistischen Herrschaft ab." Verhaftungen "gehörten repräsentativ zum Handlungsmuster der damaligen Aktionsausschüsse".

1995 entstand der "Schwarzenberger Kunst- und Kulturverein", heute "Kunstzone e.V.", der die "Freie Republik Schwarzenberg" ausrief - und der Fiktion ein neues Kapital hinzufügte. Die Mitglieder luden ein zu Lesungen, Ausstellungen und Stadtfesten. Und sie verkaufen, ganz geschäftstüchtig, Pässe der fiktiven Republik, Bücher, CDs, T-Shirts. Laut Mitgründer Jörg Beier, Chef der Kneipe und Galerie "Zur Freien Republik Schwarzenberg" in der Altstadt, geschah das bewusst in Erinnerung an die legendäre besatzungsfreie Zeit: "Es war einmalig in Deutschland, dass ohne Zutun von Siegermächten von innen heraus ein demokratischer Ansatz geschaffen wurde."

Noch heute interessiere viele Besucher das daraus resultierende Gedankenspiel, was aus Deutschland geworden wäre, wenn es aus eigener Kraft eine neue Gesellschaftsordnung hätte aufbauen können. Diese Vision, sagt Beier, "auch mit einem gewissen Witz und Humor und einer Spur Lokalpatriotismus unter die Leute zu bringen, ist eine Art Selbstverpflichtung."

Diese Sicht teilt Lokalhistoriker Friedrich H. Hofmann nicht: "Mit Historie hat das nichts zu tun, sondern es dient vor allem dem Kommerz", kritisiert der einstige Schulleiter. Die Folge sei: Das Schlagwort der "Freien Republik" werde – nicht nur in den Medien – weiter wie eine Wahrheit verbreitet.

Weitere Informationen:

Lenore Lobeck: Die Schwarzenberg-Legende – Geschichte und Mythos im Niemandsland, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2020

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