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Pionier der Ökologie und unerschrockener Forscher

epd
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Alexander von Humboldt
Vor 250 Jahren wurde Alexander von Humboldt geboren © Wikipedia

Für ihn bildete die Natur ein Netz, in dem alles mit allem zusammenhängt. Mit dieser interdisziplinären Vielseitigkeit rannte Alexander von Humboldt (1769–1859) schon bei einem geistesverwandten Zeitgenossen offene Türen ein: »Wohin man rührt, er ist überall zu Hause«, schrieb Johann Wolfgang von Goethe. 250 Jahre nach seiner Geburt schätzen Botaniker den Weltreisenden als Pionier der Pflanzengeografie, Idealisten den Revolutionär als unermüdlichen Kämpfer für die »allgemeine Humanisierung«, Pädagogen den Mäzen als uneigennützigen Förderer junger Talente, und Umweltschützer ihn als ersten Ökologen. Das Elitäre war ihm fremd.

Am 14. September 1769 kam Alexander von Humboldt in Berlin als Spross einer wohlhabenden preußischen Familie zur Welt. Niemand sonst hat die Weltkarte so nachhaltig mit seinem Namen markiert: Sei es der Humboldtstrom westlich vor Südamerika, der Berg Pico Humboldt in Venezuela, der Humboldt Peak in Colorado – Städte, Bezirke, fast 300 Pflanzen und mehr als hundert Tiere erinnern an den Naturforscher.

Seine Biografin Andrea Wulf (»Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur«) nennt seine Ansichten »alarmierend prophetisch«. »In der großen Verkettung der Ursachen und Wirkungen darf kein Stoff, keine Thätigkeit isoliert betrachtet werden«, schrieb der Forscher. Er sprach auch von »menschlichem Unfug«, der die Naturordnung störe.

Und der Schweizer Humboldt-Kenner Oliver Lubrich stellt fest: »Was wir heute wieder entdecken, das ist diese vollkommen kreative, unerwartete Fähigkeit, Botanik mit Migration zusammen zu denken, oder sozioökonomische Faktoren mit meteorologischen, um dann den Klimawandel zu begreifen.« Mit einem internationalen Team hat Lubrich sechs Jahre lang nach größtenteils vergessenen Texten des Natur- und Kulturforschers gesucht. Im Juli wurde die »Berner Ausgabe Sämtlicher Schriften« Humboldts in zehn Bänden veröffentlicht.

Als er am 6. Mai 1859 in Berlin starb, war Alexander von Humboldt fast 90 Jahre alt. Er hatte die Wirkung elektrischer Aale in Südamerika am eigenen Leib überprüft, das Lianen-Gift Curare getrunken, um zu beweisen, dass es nur durch direkten Blutkontakt tödlich wirkt. Mit Rokoko-Stiefelchen war er zähneklappernd auf den 6.267 Meter hohen Chimborazo in Ecuador gestiegen, bis er etwa 600 Meter vor dem Gipfel umkehren musste.

Anders als sein philologisch orientierter älterer Bruder Wilhelm von Humboldt interessierte er sich früh für Naturgeschichte. An den Universitäten Frankfurt an der Oder und Göttingen studierte er Naturwissenschaften, besuchte 1790 das revolutionäre Paris, ging dann aber seiner verwitweten Mutter zuliebe als Student der Staatswirtschaftslehre nach Hamburg und an die Bergakademie ins sächsische Freiberg, um sich auf den höheren Staatsdienst vorzubereiten.

Als Bergassessor und Oberbergmeister gründete er auf eigene Kosten eine Bergschule zur kostenlosen Ausbildung der Bergarbeiter, für die er auch Atemschutzgeräte und Grubenlampen entwickelte. Nach dem Tod der Mutter 1796 war er ein freier Mann – und reich genug, um seinen Abschied einzureichen. Er brach nach Paris auf, wo er dem Botaniker Aimé Bonpland begegnete.

Mit ihm brach er zu einer Expedition nach Venezuela auf. Dort lernte er auch die Sklaverei kennen. »Er hat sie so harsch kritisiert, dass die Engländer ihn später nicht nach Indien gehen ließen«, kommentiert Neil MacGregor, einst Gründungsintendant des Berliner Humboldtforums.

Humboldt fuhr den Orinoco hinauf und entdeckte – was der Wissenschaftswelt zu beweisen war – einen Wasserarm, der das Flusssystem des Orinoco mit dem des Amazonas verband. Die Quelle des Orinoco blieb zwar weiterhin unbekannt, doch zwischen »indianischen Tigern« und mehr »Mücken als Luft« sammelte Humboldt etwa 60.000 Pflanzen, darunter 3.600 unbekannte Arten.

Er setzte nach Kuba über, reiste nach Kolumbien, Ecuador und Peru, wo er den Guano als Dünger entdeckte, dann nach Mexiko und wurde schließlich in den USA von Präsident Thomas Jefferson empfangen. Napoleon soll eifersüchtig gewesen sein, als die Pariser den Heimkehrer 1804 begeistert begrüßten. In der französischen Hauptstadt wertete Humboldt die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Reise in 33 Bänden aus.

Als seine finanziellen Mittel 1827 erschöpft waren, folgte er dem Ruf des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. ins ungeliebte Berlin, um sein Leben als revolutionärer Sympathisant mit den Bezügen eines königlichen Kammerherrn zu fristen. Als Geologe nahm Humboldt 1829 noch einmal an einer Expedition teil: Im Auftrag des Zaren sollte er die Diamantenvorkommen in Sibirien untersuchen. Sein Lebenswerk, eine »physische Weltbeschreibung«, die unter dem Titel »Kosmos« erschien, konnte er nicht mehr vollenden.

Alexander von Humboldt liegt in der Familiengruft im Park von Schloss Tegel begraben. Heute scheint er aktueller denn je: »Sein Begriff der Natur als globales Netzwerk untermauert unser Denken«, schreibt seine Biografin Wulf.

Information:
Andrea Wulf: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt. C. Bertelsmann Verlag 2019
Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur. C. Bertelsmann Verlag 2016
Alexander von Humboldt: Sämtliche Schriften, dtv 2019
Alexander von Humboldt: Der unbekannte Kosmos (8 CDs), Der Hörverlag 2019

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