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so_01-2014

Nr. 1 vom 5. Januar 2014 2. Sonntag nach Weihnachten Gerhard Schöne, Pfarrerssohn und Liedermacher: »Ich war ein Vaterkind. Mein Vater imponierte mir mit seinem Universalwissen, mit seiner Klugheit und Sorgfalt, mit der er die Dinge anging. Egal, ob im von uns Kindern so genannten Bunker, in den er sich für seine Li- nolschnitte und Handwerksarbeiten zurückzog, am Schreibtisch, an dem er an den Worten und Sätzen für seine Predigten und Geschichten feilte, oder auf der Kanzel. Hier war er streng. Ich erinnere mich der Blicke, mit denen er uns strafte, wenn wir oben auf der Empore wieder einmal zu laut wurden, und damit auch die erschrockene Gemeinde zur nötigen Aufmerk- samkeit antrieb. Wir waren keine Vorzeigekinder. (...) An der Liebe zu uns hat das nicht genagt. Das Elternhaus ist weniger als Pfarrhaus denn als Elternhaus in Erinnerung geblieben.« (Aus: Leben nach Luther. Das evangelische Pfarrhaus gestern, heute und morgen. Themenheft zur Ausstellung.) Friedrich Nietzsche (1844–1900), Pfarrerssohn und Re- ligionskritiker: »Mein Vater, 1813 geboren, starb 1849. Er lebte, bevor er das Pfarramt der Gemeinde Röcken übernahm, auf dem Altenburger Schlosse. Ich betrachte es als ein großes Vorrecht, einen solchen Vater gehabt zu haben: Es scheint mir sogar, dass sich damit alles erklärt, was ich sonst an Vorrechten habe – das Leben, das große Ja zum Leben nicht eingerechnet. Vor allem, dass es für mich keiner Absicht dazu bedarf, sondern eines bloßen Ab- wartens, um unfreiwillig in eine Welt hoher und zarter Dinge einzutreten: Ich bin dort zu Hause, meine innerste Leidenschaft wird dort erst frei. Dass ich für dieses Vorrecht beinahe mit dem Leben zahlte, ist gewiss kein unbilliger Handel. – Um nur etwas von meinem Zarathustra zu verstehen, muss man vielleicht ähnlich bedingt sein, wie ich es bin – mit einem Fuß jenseits des Lebens.« (Aus: Friedrich Nietzsche: Ecce homo. Wie man wird, was man ist, 1888). Stephan Dorgerloh, Pfarrerssohn, Pfarrer und Kultusminister von Sachsen-Anhalt: »Lesen, musizieren, werkeln, debattieren, singen, reisen, lernen und spielen sind rückblickend einige prägende Zutaten meiner Pfarrhauskindheit. Ich sang im Kinderchor und musste täglich Geige üben; dazu gab es Ausflüge zu Klöstern und Schlössern mit nicht enden wollenden Parkspaziergängen. Aber auch Gemeindefeste und Krippenspiele, Adventssingen und Junge Gemeinde gehörten dazu. Immer war etwas beizutragen, ob als Verkündigungsengel oder an der Gitarre. Wir Kinder waren selten nur dabei, sondern immer mittendrin. (...) Ich erinnere mich an das väterliche Pfarrhaus nicht nur als offenes Haus, sondern auch als einen öffentlichen Ort der Begegnung und (politischen) Debatten, von Gesprächen und Feiern.« (Aus: Leben nach Luther. Das evange- lische Pfarrhaus gestern, heute und morgen. Themenheft zur Ausstellung). Kultur 11 Kultur kurz Kirchenmusiker fordern Mindestlohn Berlin (epd) – Die Kirchenmusi- ker im Deutschen Musikrat fordern Mindeststandards bei der Hono- rierung von Freiberuflern. Die ein- mütige Forderung sei angesichts der »desaströsen sozialen Lage« vieler freiberuflicher Musiker ein zukunftsweisender Schritt, erklärte der Generalsekretär des Musikrates, Christian Höppner. Die Entschei- dungsträger in der evangelischen und katholischen Kirche seien auf- gerufen, bei der Bezahlung freier Musiker ihrer sozialen und kultu- rellen Verantwortung gerecht zu werden. Die Deutsche Orchesterverei- nigung hatte zuvor entsprechende Mindeststandards erarbeitet: Sie be- ziehen sich auf Entgelte von Proben und Aufführungen, Pausenregelun- gen sowie die Vergütung von Fahrt- und Übernachtungskosten. 900 000 Euro für den Erhalt von Kirchen Hannover (epd) – Die Stiftung KiBa will im kommenden Jahr minde- stens 900 000 Euro zur Instandset- zung und Erhaltung von Kirchen zur Verfügung stellen. Insgesamt sollen 79 Projekte deutschlandweit gefördert werden, wie die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Bau- denkmäler in Deutschland (Stif- tung KiBa) vor Weihnachten in Hannover mitteilte. Von den ge- förderten Kirchen liegen 66 in Ost- deutschland. Christmette wie im 16. Jahrhundert Leipzig (epd) – Wenige Tage nach Weihnachten hat die Thomaskir- che in Leipzig am 29. Dezember eine Christmette nach dem Kom- ponisten Michael Praetorius gefei- ert. Die Gestaltung des ungewöhn- lichen Gottesdienstes orientiere sich an der Messe zur Weihnachts- zeit im 16. Jahrhundert, teilte die Thomaskirchgemeinde mit. In der Christmette werde ausschließlich musiziert und gesungen. Grund- lage sind Motetten und Choralsät- ze des Wolfenbütteler Hofkapell- meisters Praetorius (1571-1621). In Norddeutschland war es in der Zeit nach der Reformation üblich, sol- che Gottesdienste zu feiern. Dazu gehörten auch Psalmen, liturgische Gesänge, gesungene Lesungen, das Glaubensbekenntnis und Vater­ unser. Cranach-Kunstpreis für 2015 geplant Kronach/Wittenberg (epd) – Zum 500. Geburtstag von Lucas Cra- nach dem Jüngeren (1515–1586) wird ein Internationaler Kunstpreis ausgeschrieben. Der mit 6000 Euro dotierte Lucas-Cranach-Preis soll 2015 in Wittenberg verliehen wer- den, teilte die Städtekooperation »Wege zu Cranach« im fränkischen Kronach mit. Die formelle Ausschreibung zu »Cranach 2.0» wurde für Ende Ja- nuar angekündigt. Anlass ist das Themenjahr »Bild und Bibel« in der Dekade zum Reformationsjubilä- um 2017. Ausstellung:  »Leben nach Luther« zeigt in Berlin Licht- und Schattenseiten des Protestantismus m n t g G. s t. Der Mond steht still Frost zieht durchs Feld nach Gottes Will beginnt die Welt ein neues Jahr wie‘s alte war so soll auch‘s neue von Gottes Schenken erfüllt sein, und Treue. Hans Jochen Vogel (1943–2005) Gedicht der Woche Protestanten gelten als sittsame Hüter der Moral. Zu Recht? Eine Berliner Ausstellung erzählt vom »Leben nach Luther« – und von Größe und Elend des evangelischen Pfarrhauses. Von Stefan Seidel D iese Ausstellung ist mutig. Die Darstellung der 500-jäh- rigen evangelischen Kulturge- schichte im Deutschen Historischen Museum in Berlin geschieht unge- schminkt. Das »Leben nach Luther« liegt in gewisser Weise auf der Psy- chologen-Couch – und wird analysiert. Dabei treten – wie bei jeder Psycho- analyse – Licht und Schatten zutage. Die Ausstellung ist keine Werbe- schau für die Evangelische Kirche ge- worden – dafür eine Auseinanderset- zungmitdemglorreichenundzugleich schweren Erbe des evangelischen Christentums. Außenstehende müs- sen nach dem Besuch der Ausstel- lung denken: Der Protestantismus ist doch eine recht freudlose Angelegen- heit. Auf sämtlichen Pfarrer- und Pfarr- frauenporträts blicken einem ernste Gesichter entgegen. Und überall sind da Bücher: in den Studierstuben der Pfarrer ebenso wie in den Händen der Gottesdienstbesucher. Es wird deutlich: Die evangelischen Pfarrhäuser waren ein Motor der Bil- dung – und ein Hort der Tugend. Man reibt sich die Augen, welche berühm- ten Dichter und Denker, Erfinder und Politiker aus Pfarrhäusern stammen: Die Namen reichen von Gotthold Eph- raim Lessing und Friedrich Dürren- mattbiszuAngelaMerkelundJoachim Gauck. Auch die »Problemkinder« des Pfarrhauses werden nicht verschwie- gen: NS-Führer Horst Wessel und RAF- Terroristin Gudrun Ensslin. Die Stren- ge, mit denen bis ins vorige Jahrhun- dert hinein Bildung und Moral im Pfarrhaus vermittelt wurden, schlugen auch um in Ideologie und Hass. Nein, Herzenswärme, Milde und Freude scheinen nicht die Sache des Protestantismus zu sein. Es ist bezeich- nend, welche Erfindungen und Ent- deckungen aus dem Pfarrhaus stam- men: Superintendent Jakob Christian Schäffer erfand 1766 die Waschma- schine, der Pfarrerssohn Carl von Lin- de 1871 eine Kältemaschine. Pfarrer Oscar Fraas erforschte die Eiszeit und der Pfarrerssohn Alfred Wegner Grön- land. Protestanten zog es zur Reinheit und zum Unterkühlten. Askese, Moral und Bildung vermögen den Menschen zu Höchstleistungen zu führen. Die sächsische Landeskirche scheint in Sachen protestantischer Glaubensstrenge übrigens seit jeher Spitzenreiter zu sein. Vom Dresdner Superintendenten Karl Wilhelm Diet- rich Vorwerck (1870–1920) wird ein TugendkatalogfürevangelischePfarrer ausgestellt. Darin heißt es, der Pfarrer solle sein »ein Held, der sich selbst be- zwungen; ein Quell von heiligem Le- ben; ein Herr dem eigenen Verlangen; der Trägheit feind.« Und auch der erbittert geführte Kampf vieler sächsischer Protestan- ten gegen die Öffnung der Pfarrhäuser für gleichgeschlechtliche Paare ist der Ausstellung ein Bericht wert. Es ist keine Frage: die Geschichte des evangelischen Pfarrhauses, mit dessen Erfindung Luther einst eine Weltreligion revolutionierte, ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Was wäre die Welt ohne die Geistesgrö- ßen, die ihm entstammten? Doch es gibt auch eine andere Moral von der Geschicht’: »Wer nicht genießt, wird ungenießbar.«InSachenLebensfreude besteht im Protestantismus ein gewis- ser Nachholbedarf. Ausstellung »Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarr- hauses« bis 2. März, täglich 10 bis 18 Uhr im Deutschen Historischen Museum Ber- lin. Ein Katalog zur Ausstellung ist für 25 Euro und ein Themenheft für 3 Euro erhältlich. 8 www.dhm.de Bilder aus der Ausstellung »Leben nach Luther«. Links: »Die Pfarrerskinder« in einem Gemälde von Johann Peter Hasenclever, um 1847. Rechts: Eine »Blues- Messe« mit Pfarrer Rainer Eppelmann in der Berliner Samariterkirche 1985. Fotos: Stiftung Sammlung Vollmer; Harald Hauswald Streng und strebsam sollst du sein

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