Protest mit Picknick
4. März 2011 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen, Westsachsen
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Pfarrer Stephan Brenner hat den Friedensbus ins Leben gerufen. Nun will er in Chemnitzer Stadtbussen Postkarten vom Bus als Friedensgruß verteilen. Einen Teil hebt er jedoch auf: für den Kirchentag in Dresden. (Foto: Andreas Seidel)
Am 5. März gedenkt Chemnitz der Bombardierung von 1945 – und wehrt sich gegen Nazis.
Nach den rechten Aufmärschen in Dresden am 13. und 19. Februar richtet sich die Aufmerksamkeit nun auf den 5. März in Chemnitz. Dieser Gedenktag der Stadtbombardierung vor 66 Jahren wird seit neun Jahren mit zahlreichen Aktionen als »Chemnitzer Friedenstag« begangen.
Die Neonazis haben Demonstrationen angemeldet und versuchen diese wie 2010 per Gerichtsbeschluss genehmigen zu lassen. Dagegen wendet sich wieder ein »Chemnitzer Bündnis für Frieden und Toleranz – kein Platz für Nazis«, das dazu aufruft, sich »kreativ, bunt und lautstark den Nazis entgegenzustellen«. Ein entsprechender Aufruf zum friedlichen Protest wurde von fast 300 Persönlichkeiten und Institutionen unterzeichnet.
Auch Superintendent Andreas Conzendorf gehört dazu. Er sei »kein Freund lauter Demonstrationen«, sagt er. Aber Schweigen sei auch nicht immer möglich. »Unser Volk und Land hat fast 50 Jahre mit radikalen politischen Verhältnissen zu tun gehabt. Wir haben allen Grund, jede Art von Radikalismus abzulehnen.«
Der am 4. März 2010 erstmalig auf Tour geschickte Friedensbus – ein Stadtbus, geschmückt mit Kinderbildern zum Thema Frieden – ist jetzt auch auf Postkarten zu sehen. Sechs Motive zeigen ihn an unterschiedlichen Orten der Stadt, zum Beispiel am Karl-Marx-Monument. Schon am Donnerstag vor dem Friedenstag werden Pfarrer Stephan Brenner, der Initiator des Busses, und Stefan Tschök, Pressesprecher der Chemnitzer Verkehrsgesellschaft, solche Karten an die Fahrgäste des Linienbusses verteilen.
Dass sich auch die Kirchgemeinden stärker ins Friedenstagsprogramm einbringen, wünscht sich Thomas Troebs, Vorsitzender des Kirchenvorstands der Lutherkirchgemeinde. Dort wurde im Gottesdienst zur Beteiligung am friedlichen Protest auf dem Theaterplatz aufgerufen. Es soll ein Picknick als Protest gegen den Marsch der Neonazis werden. »Bringen Sie Essen und Trinken mit, am besten für ein, zwei Personen und mehr«, heißt es in einem Aufruf des Chemnitzer Bündnisses für Frieden und Toleranz. Für das nächste Jahr kann sich Thomas Troebs Gebets- und Mahnwachen ähnlich wie in Dresden gut vorstellen.
Katharina Weyandt
Friedenstag in Chemnitz
Freitag, 4. März, 16 Uhr, Rathaus: Verleihung des Friedenspreises;
17.30 Uhr, Neumarkt: Eröffnung des Friedenskreuzes;
19 Uhr, Altes Heizhaus: Podiumsdiskussion zur Gedenkkultur mit dem ehemaligen Superintendenten Christoph Magirius, Thiemo Kirmse (Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen) und Professor Dr. Teresa Pinheiro (TU Chemnitz);
21.15 Uhr, Altes Heizhaus: »Vergessene jiddische Lieder«;
Sonnabend, 5. März, ab 8 Uhr auf dem Theaterplatz: Demokratie-Picknick, Begleitprogramm mit Opernchor, Chemnitzer Synagogalchor, Aktionen, Reden von Künstlern, Politikern und Prominenten;
12 Uhr, Petrikirche: Friedensgebet mit Pfarrer Christoph Weber;
20 Uhr, Jakobikirche: Friedensgottesdienst mit der Theatergruppe der St.-Pauli-Kreuz-Kirchgemeinde, Predigt Pfarrer Carsten Rast.
Die Macht des Wassers
13. August 2010 von Redaktion DER SONNTAG
Abgelegt unter Sachsen
Die Schäden sind enorm, die Menschen verzweifelt: Nach der Flut geht es ans Aufräumen.

Das Wasser der Neiße hat sich zurückgezogen. Nun schaut Schwester Elisabeth auf die Verwüstung im Kloster St. Marienthal. Die über 775 Jahre alte Anlage wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. (Foto: Matthias Weber)
Ein Baumstamm liegt vorm Brunnen im Kloster St. Marienthal. Einige hundert Kilo schwer, gut 80 Zentimeter im Durchmesser. Die Flut hat ihn Sonnabendnacht hier angespült. Vielleicht bleibt er als Mahnmal liegen. Als Erinnerung an ein Hochwasser, das die Menschen entlang der Neiße so noch nicht erlebt haben – auch die 15 Schwestern des Zisterzienserinnenklosters nahe Zittau nicht. Schon 1897 und 1981 stand das Wasser in der historischen Anlage. »Aber so schlimm war es noch nie«, sagt Schwester Elisabeth. Sonnabendnachmittag trafen erste Warnungen im Kloster ein, das Hochwasser werde hier ankommen.
Die über 775 Jahre alte Anlage liegt direkt an der Neiße, darum wurden schnell mobile Schutzwände errichtet. Doch als die Flutwelle gegen 22 Uhr Ostritz und Marienthal erreicht, spült das Wasser einfach darüber hinweg. In Sekunden steht die schlammige Brühe rund 2,30 Meter hoch. Erst gegen Morgen fließt sie ab. Der Schaden beträgt mehrere Millionen Euro. Das wiegt besonders schwer, denn das Zisterzienserkloster wurde in den letzten Jahren für über 20 Millionen Euro saniert. Nun geht die Arbeit von neuem los (Spendenkonto 4 573 048 003, Volksbank Niederschlesien, BLZ 855 910 00, Kennwort: »Hilfe für Marienthal«).
Marienthal ist allerdings nur ein Beispiel für die Katastrophe, die über die Landkreise Görlitz und Bautzen hereingebrochen ist. Entlang der Neiße standen zahlreiche Orte teilweise oder komplett unter Wasser. Die historische Görlitzer Altstadt ist voller Schlamm. Viele Häuser sind unbewohnbar. Montag waren noch immer 600 Menschen aus ihren Häusern evakuiert. Dienstag traf die Flutwelle in Bad Muskau ein. Das Weltkulturerbe Pückler-Park wurde teilweise überflutet. Etwa 80 Menschen aus umliegenden Dörfern mussten in Sicherheit gebracht werden.
Die sonst so unerschütterlichen Menschen in der Oberlausitz stehen vielfach unter Schock. Einsatzkräfte wissen nicht, wo sie zuerst anpacken sollen. Michael Deckwart ist bei der Freiwilligen Feuerwehr in Ostritz und zugleich Hausmeister im schwer zerstörten Kloster St. Marienthal. »Ich eile immer nur von einer Stelle zur nächsten«, sagt er. Geschlafen hat Michael Deckwart in den letzten Tagen kaum.
Noch schlimmer kam es für Feuerwehrleute in Neukirchen. Dort war der Dorfbach wie in vielen erzgebirgischen Tälern nahe Chemnitz am frühen Sonnabend überraschend schnell angestiegen. Als die Rettungskräfte einen Keller leerpumpen wollten, entdeckten sie drei Menschen – gestorben bei dem Versuch, ihre Waschmaschine zu retten. »Das war für die Feuerwehrleute sehr belastend, denn damit hatten sie nicht gerechnet«, sagt die Leiterin der Chemnitzer Notfallseelsorge Monika Seidel, die nach dem Einsatz mit drei der freiwilligen Feuerwehrmänner sprach.
»Im Gottesdienst am Sonntag haben wir für die Toten und ihre Angehörigen gebetet«, sagt der Neukirchner Pfarrer Kay Weißflog. »Mehr konnten wir nicht machen.«
In Burkhardtsdorf und in Chemnitz-Harthau fiel wegen der Flut die feierliche Schuleinführung ins Wasser. Die Gottesdienste am Sonntag wurden so zum einzigen feierlichen Ritual für die Erstklässler. »Die Eltern waren froh, dass wenigstens das stattfand«, sagt Johannes Hofmann, Pfarrer in Chemnitz-Harthau. Auch der Keller seines Pfarrhauses mit der Heizungsanlage wurde von der Chemnitz überflutet und zerstört.
Am Tag danach ging der Pfarrer in Dienstkleidung durch den Stadtteil, um seine Hilfe anzubieten. »Doch die Leute waren mit dem Aufräumen beschäftigt und hatten da noch keinen Nerv, über das Erlebte zu sprechen. Das kommt später.«

Chaos und Verwüstung in der Apostelkirche von Zittau. Das Wasser des über die Ufer getretenen Flüsschens Mandau drang in die Kirche ein. (Foto: Gemeinde)
In Bertsdorf bei Zittau sind das Pfarrhaus und die ohnehin wegen Einsturzgefahr gesperrte Kirche verschont geblieben, sagt Ulrike Möbius, die mit ihrem Mann im Pfarrhaus wohnt. Allerdings habe es das Dorf selbst schwer getroffen. Das Pfarrerehepaar im Ruhestand war den ganzen Sonntag unterwegs um zu helfen. »Wir haben gestaunt: Überall hatten Menschen die selbe Idee, packten mit an. Ich hoffe, das bleibt auch weiterhin so«, sagt Ulrike Möbius.
Irmela Hennig und Andreas Roth
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