Ringen um die Einheit der Kirche

28. Februar 2013 von Redaktion DER SONNTAG  
Abgelegt unter Sachsen

hand-in-hand

Vertreter aus Kirchenbezirken sollen den Gesprächsprozess ins Land tragen – in Meißen bereiteten sie sich darauf vor.
 

Je zwei Vertreter von 15 der 18 sächsischen Kirchenbezirke trafen sich am vergangenen Wochenende in der Evangelischen Akademie Meißen zu einer Tagung. Sie sollen den Gesprächsprozess zum Thema homo­sexuelle Partnerschaften im Pfarrhaus in ihren Regionen begleiten.

»Die Synode hat das Landeskirchenamt beauftragt, den dreijährigen Gesprächsprozess zu organisieren«, sagte Tabea Köbsch von der Steuerungsgruppe des Landeskirchenamts (LKA) dem SONNTAG. Deshalb seien die Multiplikatoren »ganz wichtige Personen«, so Köbsch. Sie sollen mit den Gemeinden Kontakt aufnehmen, ihnen mit Informationen und Beratung zur Seite stehen, Gespräche moderieren, Referenten vermitteln oder Veranstaltungen zum Thema organisieren.

»Vor allem sollen sie festhalten, was in den Kirchenbezirken stattfindet«, so Tabea Köbsch, »damit die Ergebnisse der regionalen Gespräche nach drei Jahren in den Bericht an die Landessynode einfließen können«.

Insbesondere solle es aber darum gehen, in den Gemeinden ein Gespräch darüber anzuregen, welche Gemeinsamkeiten uns auch bei unterschiedlicher Auslegung der Bibel eine Kirche sein lassen. Deshalb wurde auf der Tagung vor allem theologisch gearbeitet. Über das Thema »Einheit der Kirche«, sprach der frühere Thüringer Landesbischof Christoph Kähler.

Er sagte: »Die Einheit der Kirche besteht nicht in einer zentral angeordneten Uniformität, sondern kann nur in den verschiedenen Ausprägungen der Frömmigkeit, des formulierten Glaubens und des verantwortlichen Verhaltens gesucht, entdeckt und gepflegt werden.« Um die Einheit der Kirche müsse gerungen werden wie um den Glauben insgesamt.

Zum Bibelverständnis sagte der frühere Theologieprofessor Kähler: »Für die Einheit und Weite des christlichen Glaubens setzt die Bibel die Maßstäbe selbst.« Gerade die Vielfalt der Schrift zwinge zum Abwägen, »was unter Christen zwingend gemeinsam bekannt werden soll und was der – unter Umständen schmerzlichen – unterschiedlichen Deutung und Lösung offen steht«.

Landesbischof Jochen Bohl bedankte sich bei den Multiplikatoren für deren Bereitschaft zur Begleitung des Gesprächsprozesses, der von allen Beteiligten ergebnisoffen geführt werden sollte.

Christine Reuther

Die Multiplikatoren stehen in Kürze auf der Homepage der Landeskirche unter »Gesprächsprozess«:www.evlks.de
Thesen zum Gesprächsprozess unter: www.evlks.de/publikationen/texte/20336.html

Keine Erschütterungen

Podium in der Leipziger Bethanienkirche (v. l.): Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer, Professor Wolfgang Ratzmann, Bischof Jochen Bohl, Pfarrer Carsten Rentzing und Moderator Andreas Roth, nicht im Bild: Jörg Michel. Fotos: A. Kühne

Podium in der Leipziger Bethanienkirche (v. l.): Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer, Professor Wolfgang Ratzmann, Bischof Jochen Bohl, Pfarrer Carsten Rentzing und Moderator Andreas Roth, nicht im Bild: Jörg Michel. Fotos: A. Kühne

 
In Leipzig wird über homosexuelle Partnerschaften im Pfarrhaus unaufgeregt diskutiert.
 

Zur zweiten Podiumsdiskussion zum Thema »Wie lesen wir die Bibel – und welche Kirche wollen wir sein« waren am 30. Januar etwa 150 Gäste der Einladung des Sonntag in die Bethanienkirche in Leipzig-Schleußig gefolgt. Im Gegensatz zur ersten Diskussion in Chemnitz herrschte im Leipziger Publikum eine deutliche Zustimmung zur Öffnung der Pfarrhäuser für homosexuelle Partnerschaften.

Hörbar war dies besonders bei der Wortmeldung von Pfarrerin Ulrike Franke aus Leipzig. Die Theologin erhielt den stärksten Applaus des Abends, als sie sagte: »Ich liebe seit 21 Jahren meine Frau. Ich bin dankbar für den Kirchenleitungsbeschluss, weil ich deshalb meine Beziehung nicht mehr verstecken muss.« Mit ähnlichen Worten äußerte sie sich auch einen Tag später bei der Diskussion in Plauen.

Den unaufgeregten Eindruck von Leipzig unterstrich der Pfarrer der Leipziger Thomaskirche, Christian Wolff: »In Leipzig hat es keine Erschütterung durch den Kirchenleitungsbeschluss gegeben«, sagte er als erster Redner aus dem Publikum.

Zuvor aber diskutierten Befürworter und Gegner auf dem Podium miteinander. Die Bibelstellen zu Homosexualität seien von »unmissverständlicher Klarheit«, so Pfarrer Carsten Rentzing. Er sehe keine Veranlassung, die Heilige Schrift »gegen den eindeutigen Tenor von Altem und Neuem Testament auszulegen«, sagte der Vertreter der Bekenntnisinitiative. Er wehrte sich gegen entsprechende Bestrebungen der »akademischen Theologie« und sieht einen »garstigen Graben zur Gemeindetheologie«. In seiner Gemeinde habe er den Widerspruch schnell überwunden.

Eine allgemeine Schelte für die universitäre Theologie sei unangemessen, sagte Landesbischof Jochen Bohl. »In Gemeinden herrscht manchmal auch Unwilligkeit, sich der Bibel so zuzuwenden, dass sie Quelle des Erkenntnisgewinns sein kann. Wir wachsen im Glauben, dabei hilft uns die Theologie«, so der Bischof. Oberlandeskirchenrat Dietrich Bauer sagte zu Pfarrer Rentzing: »Ich glaube nicht, dass wir uns einig werden, wie diese Bibelstellen richtig ausgelegt werden.«

Nicht nach der richtigen Auslegung sondern nach der richtigen Position der Bekenntnisinitiative fragte ein Mann aus Dresden, der sich als schwul bezeichnete. „Ich fühle mich nicht wohl bei den Diskussionen, fühle mich als Spielball“, sagte der Gast. „Was haben Sie vor mit uns?“, wollte er schließlich wissen, „was sind ihre Positionen?“ Pfarrer Rentzing antwortete, dass er sich diese Frage nach einer ähnlichen Äußerung in Chemnitz auch schon gestellt habe. „Wir haben Ihnen nichts anzubieten, aber Jesus hat etwas anzubieten. Das Evangelium gilt auch Ihnen“, sagte Rentzing.

Am Rande der Veranstaltung diskutierten Gäste auch über den Rauswurf des Theo-Kreises aus der Leipziger Peterskirche (der Sonntag berichtete). Dabei gab es neben Zustimmung zur Entscheidung des Kirchenvorstandes auch ablehnende Stimmen. Pfarrer Falk Klemm, einer der Sprecher der Bekenntnisinitiative, empfand den Vorgang als »schmerzlich«, da »hier Kirchengemeinschaft aufgekündigt wird«. Nach seinem Wissen sei es aber ein Einzelfall in der Landeskirche Sachsens.

David Keller vom Theo-Kreis hatte mit Bedauern »die verletzenden Statements aus der Petersgemeinde wahrgenommen«. »Unsere Position ist laut Landesbischof eine legitime Position innerhalb der Landeskirche. Wir sind gern jederzeit zum Gespräch mit dem Vorstand der Peterskirchgemeinde bereit«, sagte Keller.

Das Missionswerk in Leipzig teilte nach dem Artikel mit, dass es seine Kapelle dem Theo-Kreis »nicht als Alternative« zur Verfügung stelle. Sie stünde Mitarbeitern und Bewohnern der Häuser des Missionswerkes offen. Unter ihnen befänden sich Theologiestudenten des Theo-Kreises, die sie für deren Veranstaltungen nutzen. »Aus der Nutzung als Gottesdienstraum kann aber keine Identifikation der Ausrichtung des Theo-Kreises mit den Zielen des Evangelisch-Lutherischen Missionswerkes Leipzig gezogen werden«, so Direktor Volker Dally.

Uwe Naumann

Ist die Kirche grün?

25. September 2012 von DER SONNTAG  
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Die grüne Spitzenpolitikerin und Präses der EKD-Synode Katrin Göring-Eckardt auf einem Podium mit Landesbischof Jochen Bohl beim Kirchentag 2011 in Dresden.

Die grüne Spitzenpolitikerin und Präses der EKD-Synode Katrin Göring-Eckardt auf einem Podium mit Landesbischof Jochen Bohl beim Kirchentag 2011 in Dresden.


Seit die Ober-Protestantin Katrin Göring-Eckardt nach dem Spitzenamt der Grünen greift, tobt eine Debatte in der Kirche: Wie politisch darf die Kirche sein?


An ihr scheiden sich derzeit die Geister: Katrin Göring-Eckardt. Zieht die Vorsteherin der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit ihrer Spitzenkanditatur für die Grünen ihre Kirche in den rot-grünen Wahlkampf? Für manche bestätigt sich nun, was sie lange vermuteten: Die Kirche ist den rot-grünen Parteien zu nahe. »Die Kirche sympathisiert in der Tat eher mit der SPD und den Grünen«, meint der Leipziger CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere Mitarbeiter des Landesjugendpfarramts Thomas Feist und vermutet dahinter soziale Imagepflege.

Diese Einschätzung teilt der ehemalige sächsische Vikar und jetzige Pfarrer der lippischen Landeskirche Hans-Immanuel Herbers. »Die evangelische Kirche ist die kirchliche Organisationsform von Rot-Grün«, sagt Herbers, der zur Piraten-Partei gehört und die enge Verflechtung der Großkirchen mit dem Staat kritisiert. Damit verlöre die Kirche ihre Freiheit.

Doch wie weit ist die evangelische Kirche in Deutschland tatsächlich rot-grün-lastig? Offiziell betont sie ihre parteipolitische Neutralität. Als Wolfgang Huber 1994 Bischof von Berlin-Brandenburg wurde, ließ er seine SPD-Mitgliedschaft ruhen. »Man muss stets versuchen, die Kirche aus parteipolitischen Zuspitzungen herauszuhalten«, meint der sächsische Landesbischof und stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Jochen Bohl. Denn die Kirche habe in politischen Fragen keine höhere Erkenntnis als andere, auch sie könne in ihrem Urteil irren.

Besonders die Pfarrerinnen und Pfarrer mahnt er zur Vorsicht im parteipolitischen Engagement. »Es sollte nicht zu Polarisierungen in der Gemeinde kommen«, so Bohl, der im Falle einer Parteizugehörigkeit des Pfarrers zu einem »Einvernehmen mit dem Kirchenvorstand« rät.

Tatsache ist, dass sich in allen demokratischen Parteien evangelische Christen finden. Christliche Arbeitsgruppen gibt es von den Linken bis zu den Piraten.

Ebenso ist die christliche Wählerschaft nicht mehr auf bestimmte Parteien festgelegt. Eine aktuelle Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung ergab, dass heute nicht mehr gesagt werden könne: Die Evangelischen wählen SPD, die Katholischen CDU. Die Parteienunterstützung und die Konfessionen habe sich bunt durchmischt.

Es könnte sein, dass die angebliche rot-grüne Schlagseite der Kirche gar nicht existiert. Oder sich auf die evangelischen Kirchentage beschränkt. Dies ist jedenfalls die Einschätzung des Olbernhauer Pfarrers Martin Beyer, der die Festlegung der Kirchentage auf rot-grüne Forderungen beklagt. Er selbst sitzt für die CDU im Stadtrat und findet bei den konservativen Parteien eine größere Schnittmenge zwischen christlichem Glauben und politischem Programm. Etwa wenn es darum gehe, die Eigenverantwortung des Menschen zu stärken anstatt ihn einfach Leistungen der Allgemeinheit in Anspruch nehmen zu lassen.

Auch der erzgebirgische CDU-Landtagsabgeordnete Alexander Krauß sieht die evangelische Kirche – zumindest in Sachsen – nicht als linkslastig. Vielmehr sei die CDU für viele Christen attraktiv, weil sie in ihrem Parteiprogramm noch von der Verantwortung vor Gott spreche.

Für den Stollberger Heiko Reinhold, der Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft »Christen bei den Grünen« ist, hat niemand das Recht, einen Alleinvertretungsanspruch für »christliche Politik« zu erheben. »Ich wünsche mir, dass sich die Christen in allen Parteien gegenseitig respektieren«, sagt Reinhold. Für ihn stehen die Anliegen des konziliaren Prozesses im Vordergrund: Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Dafür sollten breite Bündnisse und Allianzen eingegangen werden – vor allem auch außerhalb der Parteien.

Stefan Seidel

Keine weiteren Suspendierungen

4. Juli 2012 von DER SONNTAG  
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Landesbischof Bohl: »Ich bin sehr dankbar, dass diese beiden Mitarbeiter ihre Meinungen soweit erklärt haben, dass wir wieder zusammenarbeiten können.«

Landesbischof Bohl: »Ich bin sehr dankbar, dass diese beiden Mitarbeiter ihre Meinungen soweit erklärt haben, dass wir wieder zusammenarbeiten können.«

Zwei Mitarbeiter der Kirchenbezirke Marienberg und Aue, die in der Diskussion um homosexuelle Paare in Pfarrhäusern den Aufruf zu einer Bekenntnissynode unterschrieben hatten, dürfen weiterhin Angestellte der Landeskirche bleiben. Der Marienberger Jugendwart Michael Rausch und der Jugendmitarbeiter Michael Kaufmann aus Breitenbrunn hatten im Juni mit dem Evangelisationsteam erklärt, dass sie Landesbischof, Synode und Kirchenleitung nicht mehr als geistliche Leitung der Landeskirche anerkennen.

»Wir haben Gespräche geführt und die Frage der Loyalität geklärt«, so der Auer Superintendent Johannes Uhlig nach der Entscheidung des Kirchenbezirksvorstandes.

Auch der Vorstand des Kirchenbezirks Marienberg sprach sich nicht für Sanktionen gegen seinen Jugendwart Michael Rausch aus. »Nach einer Erklärung des Mitarbeiters, die auch dem Landesbischof und dem Landeskirchenamt vorliegt, setzen wir unsere Zusammenarbeit fort«, sagte der Marienberger Superintendent Rainer Findeisen. Über den genauen Inhalt der Erklärung wurde Vertraulichkeit vereinbart. An ihrer theologischen Kritik an der teilweise Öffnung von Pfarrhäusern für homosexuelle Paare hielten die Unterzeichner jedoch fest, ist zu hören.

Zuvor hatte das sächsische Landesjugendpfarramt den bei ihm beschäftigten Evangelisten Lutz Scheufler vom Dienst suspendiert, weil er ebenfalls den Aufruf zu einer Bekenntnissynode unterschrieben hatte. Landesbischof Jochen Bohl bezeichnete die Erklärung nach ihrem Erscheinen im Juni als »beispiellose Illoyalität« und »Aufruf zur Spaltung der Landeskirche«.

Nach den Entscheidungen der Kirchenbezirke Aue und Marienberg äußerte sich der Landesbischof versöhnlich. »Ich bin sehr dankbar, dass diese beiden Mitarbeiter ihre Meinungen soweit erklärt haben, dass wir wieder zusammenarbeiten können«, sagte Bohl während einer Diskussionsveranstaltung auf dem Vogtländischen Kirchentag in Plauen. »Insofern hat sich die Situation entspannt.«

Andreas Roth

Brücke in Gefahr

12. Juni 2012 von DER SONNTAG  
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so25

Im Streit um gleichgeschlechtliche Paare in Pfarrhäusern hat die sächsische Landessynode unter großen Anstrengungen einen Kompromiss errungen – doch konservative Christen sehen darin eine Abkehr von Bibel und Bekenntnis.
 

Lutz Scheufler<br />
(Foto: Thomas Kretschel/Evangelisationsteam)

Lutz Scheufler
(Foto: Thomas Kretschel/
Evangelisationsteam)

Eine Brücke wollte die Synode mit ihrer Entscheidung zu homosexuellen Partnerschaften im April bauen – nur drei Monate später steht diese Brücke vor einer harten Belastungsprobe. Risse zeichneten sich von Anfang an ab. Jetzt hat das Evangelisationsteam die Steinsäge ausgepackt. Die sieben Christen um den pensionierten Pfarrer Theo Lehmann, den landeskirchlichen Jugendevangelisten Lutz Scheufler und den Marienberger Bezirksjugendwart Michael Rausch rufen in einer Erklärung den »status confessionis« aus: Sie sehen in der Öffnung von Pfarrhäusern für homosexuelle Partnerschaften eine Verletzung des Bekenntnisses und eine Abkehr von der Bibel.

»Den Landesbischof, die Kirchenleitung und die Landessynode erkennen wir nicht mehr als geistliche Leitung unserer Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens an«, heißt es in der Erklärung der Missionsgruppe. »Die Sächsische Bekenntnis-Initiative bitten wir eindringlich, dass diese umgehend eine Bekenntnissynode gründet.« Die letzten Bekenntnissynoden fanden sich vor über 69 Jahren zusammen – um sich gegen die Übergriffe des Nationalsozialismus zu wehren.

Die Sächsische Bekenntnis-Initiative, in der sich 106 Kirchgemeinden und 7970 Christen gegen eine Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften bei Pfarrern wenden, lehnt den Vorschlag indes ab. »Im Unterschied zum Evangelisationsteam wollen wir die geistliche Legitimation unseres Landesbischofs, unserer Kirchenleitung und unserer Landessynode nicht in Frage stellen«, heißt es in einer Erklärung der Bekenntnis-Initiative. Sie will an dem von der Synode beschlossenen dreijährigen Gesprächsprozess über das Verständnis von Bibel und Homosexualität festhalten.

»Der Aufruf des Evangelisationsteams zerstört in gewisser Weise die Kommunikation«, sagt der Markersbacher Pfarrer Gaston Nogrady von der Bekenntnis-Initiative. »So eine Aussage könnte vielleicht am Ende des dreijährigen Prozesses stehen, wenn kein Aufeinanderzugehen möglich ist.«

Mit scharfen Worten kritisiert Landesbischof Jochen Bohl die Stellungnahme des Evangelisationsteams. »Weil sie das Gespräch verweigert, kann sie nicht anders verstanden werden als eine Aufkündigung der Gemeinschaft«, schreibt er. »Die Illoyalität gegenüber den Leitungsorganen und der Aufruf zur Spaltung der Landeskirche sind beispiellos.« Ob die Mitarbeiter der Landeskirche unter den Unterzeichnern mit Sanktionen rechnen müssen, ist offen.

Der Bischof legt den Finger in die theologische Wunde: Die kritischen Bibelstellen zur Homosexualität im 3. Buch Mose und im Römerbrief stünden »nicht im Zentrum der biblischen Botschaft, sondern die Frohe Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi und die Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade«.

Die Meinungsverschiedenheiten darüber gehen durch die Landeskirche. Auf der Synode haben die Vertreter der Bekenntnis-Initiative für einen Kompromiss gerungen – zurück an der Basis schlug ihnen vielerorts Unverständnis entgegen. »Ich hätte mir mehr Durchhaltevermögen der Bekenntnis-Initiative gewünscht«, sagt Matthias Weiß, Leiter der Landeskirchlichen Gemeinschaften im Bezirk Annaberg. »Ein Großteil unserer Gemeinschaft ist nicht sehr glücklich über den Landessynodenbeschluss vom April.«

Auch konservative Christen in anderen Regionen Sachsens kritisieren den Kompromiss. »Der Synodenbeschluss ist für viele unbefriedigend, weil er versucht, niemanden weh zu tun und deshalb eine klare Linie vermeidet«, sagt Rolf Müller, Bezirksleiter der Landeskirchlichen Gemeinschaften in der Region Chemnitz. »Der Aufruf des Evangelisationsteams ist ein hartes Brot – aber es ist ein gutes, klares Wort, das viele in der Landeskirchlichen Gemeinschaft als notwendig erwartet haben.«

Stefan Seidel und Andreas Roth

Die Erklärung des Landesbischofs Jochen Bohl im Wortlaut:

Die »Stellungnahme« des Evangelisationsteams habe ich, wie alle an der Leitung der Landeskirche Beteiligten, befremdet und mit Bedauern zur Kenntnis genommen. Sie wird dem langen Diskussionsprozess in der Landeskirche in keiner Weise gerecht und versucht dies gar nicht erst. Sie verzeichnet die Beschlüsse von Kirchenleitung und Synode in verletzender Weise und stellt sich gegen das Bemühen, trotz bestehender Meinungsunterschiede beieinander zu bleiben. Weil sie das Gespräch verweigert, kann sie nicht anders verstanden werden als eine Aufkündigung der Gemeinschaft. Die Illoyalität gegenüber den Leitungsorganen und der Aufruf zur Spaltung der Landeskirche sind beispiellos.

Die »Stellungnahme« bleibt zudem unverständlich, weil sie sich nicht die Mühe macht, die Erklärung des status confessionis auch nur ansatzweise zu begründen. Die Unterzeichner scheinen zu ahnen, dass dies nicht möglich ist angesichts der wenigen Aussagen in der Heiligen Schrift zur Frage der Homosexualität und deren Verhältnis zu ihrem Gesamtzeugnis. Levitikus 18 und Römer 1, 26 stehen nicht im Zentrum der biblischen Botschaft, sondern die Frohe Botschaft von Kreuz und Auferstehung Christi und die Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade.

Die »Stellungnahme« ist anmaßend, weil sie andere Auffassungen, zu denen Christenmenschen in ihrem Bemühen um das Verständnis der Heiligen Schrift gekommen sind, nicht gelten lässt. In ihrem Bezug auf die Bekenntnissynode von 1934 kommt nicht nur kirchengeschichtliches Unverständnis, sondern auch eine ungeistliche Missgunst zum Ausdruck, die erschrecken lässt.

Demgegenüber ist daran zu erinnern, dass die Landessynode ihre Beschlüsse ausdrücklich in ihrer »Verantwortung für die Einheit der Landeskirche« gefasst hat. Ich bin sicher, dass dieses Bemühen breite Unterstützung findet.

Mehr Erde wird’s nicht

11. Juni 2012 von DER SONNTAG  
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Mehr, größer, besser – das will die Wirtschaft und das will der Kunde. Doch mehr werden dadurch auch Umweltzerstörung und Ungerechtigkeit. Christen in Sachsen wollen umsteuern.

Die Kritik am Wirtschaftswachstum tut derzeit vor allem eines: Sie wächst selbst. War sie vor kurzem noch etwas für grüne Spezialisten, macht sie nun Karriere auf breiter Bühne. In Rio werden die Regierungschefs der Welt ab dem 20. Juni gemeinsam auf die bescheidenen Erfolge beim Kampf gegen Umweltzerstörung, Klimawandel und Armut blicken. Experten wissen längst: Ohne eine Abkehr vom Ziel ständigen Wirtschaftswachstums wird es nicht besser.

Derweil wirbt der neue französische Präsident François Hollande für noch mehr Wachstum als Ausweg aus der Euro-Krise. Und der Club of Rome – jener Kreis renommierter Wissenschaftler, der bereits vor 40 Jahren vor den Grenzen des Wachstums warnte – zeichnete im Mai ein düsteres Zukunftsszenario als Folge eines verschwenderischen Lebensstils: Mehr Dürren, mehr Fluten, mehr Flüchtlinge.

Spätestens seit dem Kirchentag in Dresden wird darüber auch in der evangelischen Kirche breit diskutiert. Maßgeblich angeschoben hat dies die sächsische Initiative »anders wachsen« mit einer Unterschriftensammlung. »Wir wollen, dass sich die EKD mit einer Öffentlichkeitskampagne klar zu Alternativem zum Wirtschaftswachstum positioniert«, sagt Pfarrer Walter Lechner aus dem nordsächsischen Frauenhain, der zu dem fünfköpfigen Initiativkreis gehört.

1250 Unterschriften haben sie bisher für dieses Ziel gesammelt – und manchen prominenten Unterstützer geworben. Darunter so unterschiedliche Persönlichkeiten wie die Präses der EKD-Synode und Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt und der konservative Vordenker Meinhard Miegel, der frühere Pfarrer der Leipziger Nikolaikirche Christian Führer und der evangelistische Liedermacher Wolfgang Tost. Der Theologe Fulbert Steffensky unterstützt die sächsische Initiative und bezeichnet das ungebändigte Wachstum als »Götzen«, der sächsische Landesbischof Jochen Bohl warnt vor den »zerstörerischen Folgen der Wachstumsideologie«.

Die mitteldeutsche Landesbischöfin Ilse Junkermann fordert die »Rückbindung an Gottes Gebote, damit jeder Mensch ein Auskommen hat«. Sie schreibt für die Initiative: »Der Gott, wie er uns in der Bibel bezeugt ist, ist ein leidenschaftlicher Eiferer für Gerechtigkeit, damit alle leben können.«

Am Buß- und Bettag, dem 21. November, will die Initiative »anders wachsen« mit einem Veranstaltungstag in Leipzig, an dem Margot Käßmann in der Thomaskirche predigen wird, ihren Abschluss finden. Bis dahin – so ihr Ziel – soll sich die EKD-Synode die Kampagne zu eigen gemacht haben. Es gibt Anzeichen dafür. Erst im Mai sagte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider: »Wachstum darf nicht länger ein Fetisch unserer Gesellschaft sein«. Die Losung des Hamburger Kirchentages im nächsten Jahr lautet: »Soviel du brauchst« – und nicht mehr.

Noch entscheidender vielleicht ist aber, dass auch evangelische Unternehmer das Thema aufgreifen. »Biblisch ist ganz klar: Wachstum ist Leben, und Leben ist Entwicklung«, sagt der Dresdner Wirtschaftsanwalt Olaf Seidel. »Aber Wachstum muss nachhaltig sein – nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch und sozial.« Olaf Seidel saniert ins Schlingern geratene Firmen und arbeitet als Insolvenzverwalter – erst in den letzten Wochen hat er im Arbeitskreis evangelischer Unternehmer in Dresden die Kritik am Wirtschaftswachstum diskutiert.

»Wachstum heißt nicht nur: immer mehr – sondern es kann auch heißen: immer besser, um es von einem steigenden Ressourcenverbrauch zu entkoppeln«, sagt Olaf Seidel. »Doch das Tempo des Wirtschaftswachstums gibt jeder Verbraucher vor. Jeder entscheidet selbst, ob er bereit ist, Verzicht zu üben.«

Andreas Roth

www.anders-wachsen.de

Brücke über den Riss

26. April 2012 von DER SONNTAG  
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Der Aufruhr im Vorfeld der Synode war groß. Herausgekommen ist ein Kompromiss zum Thema homosexueller Partnerschaften im Pfarrhaus.
 

Viele Synodale waren mit Beklemmungen zur Tagung gefahren: Wie würde sie ausgehen? Würde es zum Eklat kommen? Denn zu reden war auch über den Umgang mit gleichgeschlechtlichen Pfarrerinnen und Pfarrern, sofern sie ihre Beziehung im Pfarrhaus leben wollen.

In Sachsen war eigentlich alles geregelt. 2001 hatte die Kirchenleitung beschlossen, dass es ein solches Zusammenleben in einem Pfarrhaus nicht geben soll. Und eine sächsische Ergänzung zur Formulierung im EKD-Gesetz, die das ermöglicht, war nicht vorgesehen. Gleichwohl fasste die Kirchenleitung im Januar einen Beschluss, der in begründeten Ausnahmefällen eine solche Lebensweise im Pfarrhaus zulässt, vorausgesetzt, im betreffenden Kirchenvorstand muss niemand dabei gegen sein Gewissen handeln. Der juristische Begriff der »Einmütigkeit« wurde dafür verwendet.

In Sachsen formierte sich Widerstand. Eine »Sächsische Bekenntnis-Initiative« bündelte die Christen, die darin einen Verstoß gegen die Bibel als Gottes Wort sahen. Würden die Synodalen aus den Reihen der Bekenntnis-Initiative gegen den Kirchenleitungsbeschluss vom Januar vorgehen? Würde es zur Kirchenspaltung kommen?

Heraus kam ein Kompromiss. Die Synode beschloss mit zwei Gegenstimmen eine Erklärung, die der Theologische und der Rechtsausschuss vorlegten. Sie betont, dass Pfarrerinnen und Pfarrer »auch in ihrer Lebensführung in Ehe und Familie ihrem Auftrag verpflichtet« sind.

Diese Formulierung wurde als Paragraf 15 ins sächsische Ergänzungsgesetz aufgenommen. Ehe und Familie seien in besonderer Weise Gaben Gottes, heißt es in der synodalen Erklärung. Der Kirchenleitungsbeschluss, der in Ausnahmefällen homosexuelle Partnerschaften in Pfarrhäusern erlaubt, wird dennoch betont. »Das ist ein Ausgleich, der es allen ermöglicht, unverletzt aus der Debatte zu gehen«, sagte der Synodale Frank Meinel vom Rechtsausschuss, der sich der Bekenntnis-Initiative nahe fühlt.

In der Erklärung heißt es auch, dass »die deutlich gewordenen unterschiedlichen Auffassungen im Schriftverständnis als jeweils geistlich und theologisch angemessen bezeichnet werden«. Den in unterschiedlicher Weise gebundenen Gewissen solle »Raum gegeben und Schutz gewährt« werden.

Der Kompromissvorschlag stammt unter anderem von Pfarrer Carsten Rentzing von der Bekenntnis-Initiative. »In den letzten Wochen sind Worte gefallen, die nie hätten fallen dürfen«, sagte er vor der Synode. So sei er in E-Mails mit den Worten »Nazi­dreck« beschimpft worden. Zugleich entschuldigte er sich »bei allen homosexuell Fühlenden, wenn der Eindruck entstanden ist, ich würde ihnen ihr Christsein absprechen.« Und so habe er nach einer »Befriedung gesucht, um das geistliche Gespräch miteinander wieder aufzunehmen«.

Zum Kirchenleitungsbeschluss vom Januar sagte Landesbischof Jochen Bohl, dass jeder Fall einer homosexuellen Partnerschaft im Pfarrhaus einzeln geprüft werden soll. Die Entscheidung solle auch nicht allein auf die Kirchenvorstände verlagert werden. »Und es wird auch keine Entscheidung gegen den Landesbischof geben.« Er betonte: »In Christus sind die Gegensätze vereint«.

Die Betroffenen reagierten verhalten. »Dieser Beschluss geht in die richtige Richtung, bleibt allerdings auf halbem Wege stehen«, heißt es in einer Erklärung der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche. Gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften werde immer noch ein besonderes Prüfverfahren auferlegt, was sie zu Lebensgemeinschaften zweiten Ranges herabwürdige.

Dass die Kontroversen nicht ausgeräumt sind, ist allen klar. Die Synode sieht deshalb einen dringenden Bedarf, in der Landeskirche das Gespräch über die Auslegung der Bibel und über die ethische Ordnung des christlichen Lebens zu führen. Die Synode schlägt dafür einen Zeitraum von drei Jahren vor. Der Synodale Marco Kahle formulierte es so: »Warum setzt sich eine Gemeinde nicht in einen Bus und besucht eine andere Gemeinde, um miteinander darüber zu sprechen?«

Christine Reuther

26. Evangelisch-Lutherische Landessynode Sachsens – Frühjahrstagung 2012

Beten oder blockieren?

10. Februar 2012 von DER SONNTAG  
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Jochen Bohl ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.

Jochen Bohl ist Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.


Blockaden sind rechtswidrig

Christen sollen in Dresden am 13. und 18. Februar klar gegen Neonazis eintreten – aber sich ihnen nicht in den Weg setzen, meint Sachsens Landesbischof Jochen Bohl.
 

In unserer Landeskirche gibt es erfreulicherweise einen breiten Konsens, dass es dringend notwendig ist, klar und eindeutig Position gegen die neuen Nazis zu beziehen.

Näch­stenliebe braucht Klarheit! Darum rufe ich dazu auf, in Dresden Zeichen gegen die neuen Nazis zu setzen – mit der Menschenkette, den Mahnwachen und Bittgängen.

Zu Blockadeaktionen rufe ich aus zwei Gründen nicht auf. Zunächst, weil man sich in den letzten Monaten in Dresden sehr um einen gemeinsamen Aufruf der demokratischen Parteien und Kräfte bemüht hat. Ich bin dankbar, dass dieser Konsens erstmals zustande gekommen ist.

Er besagt, dass nicht zu Blockadeaktionen aufgerufen wird, sondern zu einer Kundgebung in Hör- und Sichtweite der Nazis. Diesem Aufruf schließe ich mich an, weil ich ihn für richtig und notwendig halte.

Zweitens, weil Blockaden rechtswidrig sind. Das hat unter anderen der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts und jetzige Vorsitzende der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD, Professor Dr. Hans-Jürgen Papier, im vergangenen Mai in Dresden dargelegt. Der Konsens unter den Juristen ist eindeutig.

Es fällt sicher nicht leicht, zu akzeptieren, dass in einem demokratischen Rechtsstaat auch die Feinde der Demokratie durch das Recht geschützt sind. Aber ausnahmslos alle Bürgerinnen und Bürger haben das Recht zu demonstrieren, solange eine Demon­stration nicht verboten wird.

Nun ist es denkbar, dass die Kirche die Christinnen und Christen aufrufen muss, sich über das Recht hinwegzusetzen – das wird aber nur in seltenen Ausnahmefällen und dann zur Abwendung eines übergesetzlichen Notstands in Frage kommen. Davon kann aber an dieser Stelle keine Rede sein.

Jochen Bohl

Katrin Göring-Eckardt ist Präses der EKD-Synode und Vizepräsidentin des Bundestages. <br>(Foto: DEKT)

Katrin Göring-Eckardt ist Präses der EKD-Synode und Vizepräsidentin des Bundestages.
(Foto: DEKT)


Dem Hass den Weg verstellen

Dresdens Zerstörung ist eine Mahnung, wohin die Ideologie der Neonazis führt, meint Katrin Göring-Eckardt. Deshalb unterstützt sie Blockaden.
 

Die Demonstrationsfreiheit ist ein hohes Gut. Ich habe sie 1989 in der DDR selbst durch damals illegale Demonstrationen mit erkämpft. Sie bedeutet, die eigene Meinung öffentlich kund zu tun, aber auch hinzunehmen, wenn andere für Ziele demonstrieren, die man selbst ablehnt.

Bei den geplanten Aufzügen der Neonazis in Dresden soll aber nicht für eine politische Position demonstriert werden, sondern für eine Ideologie der Intoleranz und Unmenschlichkeit, des Hasses und der Gewalt.

Die Nazis berufen sich auf die Demonstrationsfreiheit – um dafür zu demonstrieren, diese Freiheit zu nehmen, wie auch die Meinungsfreiheit, die Toleranz und Mitmenschlichkeit. Sie sprechen einigen Menschen sogar das Recht ab, überhaupt leben zu dürfen. Über 150 Menschen wurden deswegen in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland ermordet. Die schrecklichen Taten der rechtsextremen Terroristen sind nur ein weiterer Beweis dafür, dass den Worten der Neonazis auch Taten folgen.

Aus diesem Grund bin ich Erstunterzeichnerin des Aufrufs »Nächsten­liebe verlangt Klarheit – Kein Naziaufmarsch, nirgendwo« der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus. Zur Verteidigung unserer Werte gehören klare Signale, gerade in einer Stadt, die so furchtbar unter dem von Nazis begonnenen Krieg gelitten hat.

Das Schicksal Dresdens ist uns Mahnung, wohin diese menschenverachtende Ideologie führt: In Tod und Verderben! Und es ist uns Auftrag, uns dem in den Weg zu stellen – gewaltfrei, aber bestimmt. In Anlehnung an Martin Luther: Hier stehe ich, ich kann nicht anders!

Katrin Göring-Eckardt

Nein zum Bekenntnis

1. Dezember 2011 von DER SONNTAG  
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demokratieerklaerung

Deutschland erschrickt über Neonazis – doch Demokratie-Projekte fühlen sich von der sächsischen Regierung unter Generalverdacht gestellt.
Die Kirche protestiert und verzichtet auf Förderung.
 

Ganz Deutschland schaut fassungslos auf das Mördertrio aus Sachsen. Rechtsextremer Terror ist längst Wirklichkeit. Ratlos hechelnd diskutiert die Öffentlichkeit: Was nun?

Dabei gibt es in Sachsen schon längst Demokraten, die etwas gegen braune Gewalt tun, und es gibt auch etwas Geld dafür – nur finden Demokraten und Geld immer weniger zueinander.

Ausgerechnet in diesen Tagen des Erschreckens wird das deutlich. Das sächsische Landesjugendpfarramt beendet nach drei Jahren sein Projekt »Demokratie lernen«, das Jugendliche für neonazi­stische Gefahren sensibilisiert.

Der Grund: Für eine Finanzierung durch das Landesprogramm »Weltoffenes Sachsen« verlangt die sächsische Regierung seit diesem Jahr, dass alle finanziell geförderten Partner eines Projektes ein Bekenntnis zur »freiheitlichen demokratischen Grundordnung« unterschreiben.

Das Landesjugendpfarramt sieht das so wie viele Vereine als »Gesinnungsabfrage«.

»Ich habe einerseits kein Problem damit zu bekunden, dass wir auf dem Boden des Grundgesetzes stehen«, sagt Landesjugendpfarrer Tobias Bilz. »Aber mit der Nötigung zur Unterschrift wird ein Generalverdacht ausgesprochen. Einige unserer Partner sehen ihre demokratische Grundhaltung ungerechtfertigter Weise in Zweifel gezogen – dabei sind es honorige und über alle Zweifel erhabene Persönlichkeiten.« Bilz fühlt sich an Bekenntnisse erinnert, wie sie zu Zeiten der DDR abverlangt wurden. »Das machen wir nicht mehr mit.«

Erfinder der so genannten »Demokratie-Erklärung« als Bedingung für eine Förderung sind die schwarz-gelben Regierungen im Bund und in Sachsen. In CDU und FDP sieht man die Sache so: Wer sich gegen Rechtsex­tremismus engagiert, könnte mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit linksextrem sein.

»Von den Bundesprogrammen wissen wir, dass Rechtsextremisten und islamistische Organisationen Fördergelder erhalten wollten«, begründet der Sprecher des sächsischen Innenministeriums, Frank Wend, die Demokratie-Erklärung.

Der sächsische Landesbischof Jochen Bohl sagte dazu dem SONNTAG: »Die Landeskirche bejaht den Staat des Grundgesetzes und es ist mir unbegreiflich, dass der Freistaat Sachsen – dessen Gründungsurkunde in einem kirchlichen Gebäude ausgefertigt wurde – meint, sich diese Haltung immer wieder neu bestätigen lassen zu müssen.« An dem Einsatz der Evangelischen Jugend für demokratische Werte gebe es keinen Zweifel, so der Landesbischof.

Der juristische Dienst des sächsischen Landtags kam in einem Gutachten zu dem Urteil: Die Forderung nach einer Demokratie-Erklärung greife »in nicht gerechtfertigter Weise in das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung« ein und könne dazu führen, »dass sich Bürger zur Abgabe des Bekenntnisses gedrängt fühlen und von gemeinwohlorientierter Arbeit eher entfernen«.

Das Alternative Kultur- und Bildungszentrum Pirna klagte im November als erster Verein gegen die Regelung vor Gericht. Im Landtag wurde in der vergangenen Woche der Antrag der Grünen zur Abschaffung des Bekenntniszwangs von der schwarz-gelben Mehrheit abgelehnt – obwohl zuvor alle demokratischen Parteien eine Stärkung des Kampfes gegen Rechtsextremismus beschlossen hatten.

Aus Sicht der Demokratie-Projekte legt ihnen die Staatsregierung noch einen weiteren Stolperstein in den Weg. Die Zusage für eine Förderung wird nur für ein Jahr gegeben und erst erteilt, wenn das Projekt bereits läuft. Das Landesjugendpfarramt erhielt den Bescheid für 2011 erst im Mai. Dieses finanzielle Risiko sei nicht zumutbar für Mitarbeiter und sein Haus, so Landesjugendpfarrer Bilz.

Nun will das Jugendpfarramt wenigstens Teile des bisherigen Demokratie-Projektes mit anderen Fördermitteln weiterführen. Der sächsische Innenminister Markus Ulbig hat unter dem Eindruck der Neonazi-Morde unterdessen angekündigt, das Förderprogramm »Weltoffenes Sachsen« um eine Million Euro aufzustocken. »Das ist absolut wünschenswert«, sagt Bilz. »Aber sinnvoll ist das nur, wenn sich die Förderbedingungen ändern.«

Die NPD indessen nutzt die Demokratie-Erklärung als Steilvorlage. Mit ihr in der Hand versuchte der rechtsextreme Landtagsabgeordnete Andreas Storr im Oktober, dem Kulturbüro Sachsen die staatliche Förderung streitig zu machen. Der Verein gilt als einer der angesehensten Aufklärer gegen rechtsextremistische Gefahren.

Andreas Roth

Liebe oder Sünde

20. Oktober 2011 von DER SONNTAG  
Abgelegt unter Titelseite


Dürfen homosexuelle Partner im Pfarrhaus leben oder gesegnet werden? Darüber gehen die Meinungen in der Landeskirche weit auseinander.
Es geht ums Ganze.
 

Die sächsische Landeskirche ist groß. So groß, dass sich die verschiedenen Regionen und Frömmigkeitsrichtungen mitunter kaum verstehen. Gestochen scharf zeigt dies die aktuelle Debatte um gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Sie entzündet sich am neuen Pfarrerdienstgesetz der EKD, das in einem Anhang zu Paragraph 39 die Pfarrhäuser öffnet für jede Form von verbindlichen Partnerschaften – auch für homosexuelle.

Im kommenden Frühjahr soll die sächsische Landessynode über dieses Gesetz entscheiden. In einer Erklärung bitten vorab 77 meist südsächsische Gemeinden die sächsische Kirchenleitung und Synode, nichts an ihrer bisherigen Haltung zu ändern: Homosexuelle dürften zwar Pfarrer sein, aber im Pfarrhaus keine Beziehung leben.

»Unter den Gemeindegliedern ist eine große Sorge da, dass sich die Kirche in dieser Frage unter dem gesellschaftlichen Druck von ihrem Bekenntnis und der Heiligen Schrift ablöst«, sagt Gaston Nogrady. Der Pfarrer im erzgebirgischen Markersbach rief den Appell im Mai ins Leben – und fast täglich schließen sich neue Gemeinden an. Der Theologe verweist auf die Bibel: Mann und Frau seien in der Schöpfung einander zugeordnet, dies begründe das kirchliche Leitbild von Ehe und Familie. In keiner Weise aber wolle er homosexuelle Menschen diskriminieren oder zu ihren Partnerschaften eine Wertung abgeben, betont Nogrady.

Nicht alle Kritiker urteilen so differenziert. In einem Brief an sämtliche Gemeinden der Landeskirche bezeichnete ein Chemnitzer Pfarrer eine Zulassung homosexueller Partnerschaften als »Gott-widrige schwerwiegende Gefährdung unserer Landeskirche« und drohte gleichgeschlechtlich Liebenden – unter Berufung auf den Apostel Paulus im Römerbrief – mit »Gottes Zorn«.

Auf dem Pfarrertag im September kritisierte Landesbischof Jochen Bohl außergewöhnlich deutlich die »aggressive Sprache« mancher Kritiker und mahnte einen respekt- und liebevollen Umgang miteinander an.

Um das explosive Potential des Themas zu entschärfen, hatte die Kirchenleitung eigens eine Arbeitsgruppe »Homosexualität in biblischem Verständnis« eingerichtet, mit deren Abschlussbericht sie sich auf einer Klausurtagung am 20. und 21. Januar 2012 gründlich beschäftigen will.

Ob daraus ein Kurswechsel erwächst, ist offen.

Fest steht aber jetzt schon zweierlei: Die Kirchenleitung möchte auf die umstrittenen Ausführungsbestimmungen des Paragraphen 39 verzichten. Und sie hat Angst vor einem Zerbrechen der Einheit der Landeskirche.

Der Verweis auf die gefährdete Kircheneinheit aber dürfe von Seiten der Kritiker nicht als Druckmittel genutzt werden, sagt Albrecht Nollau. Der Superintendent des Kirchenbezirks Dresden Nord wünscht sich eine Diskussion des Schriftverständnisses. »Die Bibel ist von Menschen in einer ganz bestimmten Zeit geschrieben worden. Auslegung ist mehr als einfaches Ablesen – man muss auch die Intention der Bibel im Blick behalten, Zeugnis der Liebe Gottes zu sein.«

In den Großstadtgemeinden von Dresden und Leipzig indes gibt es die Debatte um homosexuelle Pfarrer kaum. Hier wurden wie in der Dresdner Kreuzkirchgemeinde in letzter Zeit sogar gleichgeschlechtliche Partner gesegnet – wenn auch nur im kleinen, seelsorgerlichen Rahmen. Mehr lassen die Beschlüsse der Landeskirche nicht zu. Doch die Stadtgemeinden gehen diesen Weg mit.

»Es gibt keine Äußerung von Jesus über die Homosexualität«, sagt der Dresdner Kreuzkirchenpfarrer Joachim Zirkler. »Aber es gibt viele Zeugnisse, wie er mit Menschen umging, die in der Gesellschaft in der Minderheit und nicht so angesehen waren.«

Liebe oder Sünde: Für viele ­Christen könnte die Haltung ihrer Landeskirche gegenüber Homosexuellen zur Bekenntnisfrage werden.

Andreas Roth

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