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Wirkte Gott im Herbst 1989?

Friedliche Revolution: Für Viele ist der Herbst 1989 ein »Wunder Gottes«. Doch war Gott wirklich im Spiel? Ein Blick in die Geschichte warnt vor voreiligen Schlüssen.
Von Stefan Seidel
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Die Macht der Kerzen: Ein Kind entzündet beim Leipziger Lichtfest eine Kerze vor der ehemaligen Stasi-Zentrale »Runde Ecke«. Den friedlichen Verlauf des 9. Oktober 1989 deuten viele als Wunder. © Foto: Kai-Uwe Huendorf/epd

Wenn das Leipziger Lichtfest am 9. Oktober jenes Tages vor 28 Jahren gedenkt, der Deutschland grundlegend veränderte, dann wird sicherlich auch wieder Gott im Munde geführt. Eben weil es für Viele, die damals dabei waren, bis heute unfassbar ist, dass diese entscheidende Montagsdemonstration gewaltlos verlief, ist oft die Rede von einem Wunder Gottes.

Der frühere Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer (1943–2014) prägte den Satz, dass die Friedliche Revolution ein »Wunder biblischen Ausmaßes« gewesen sei. Und viele andere Christen sprechen ähnlich. Der damalige katholische Bischof Sachsens, Joachim Reinelt, sagte einmal, er sei überzeugt, dass Gott in diesen Ereignissen seine Hand im Spiel gehabt habe. Und der Begründer der »Schwerter-zu-Pflugscharen-Aktion« Harald Bretschneider schrieb einmal über die günstige politische Großwetterlage des Jahres 1989: »Es ist Geschenk und Ausdruck von Gottes Güte.«

Die Aufzählung solcher Äußerungen ließe sich beinahe endlos fortsetzen. Nur noch erwähnt sei an dieser Stelle der Dichter Ulrich Schacht, der im Blick auf die »christlich inspirierte Revolution« von 1989 von der »eingreifenden Heilsökonomie Gottes« sprach.

Solche Sätze sind zutiefst verständlich, drücken sie doch in einer Art Dankgebet die Erfahrung aus, damals bewahrt und geführt worden zu sein. Angesichts der unerwartbaren Entwicklungen des Herbstes 1989 fällt es schwer, das Wort Wunder nicht in den Mund zu nehmen.

Doch da gibt es ein Problem. Wie kann man so vollmundig von ­Gottes Eingreifen in die Geschichte sprechen, wenn doch wenige Jahrzehnte zuvor die Deportationszüge ungebremst in deutsche Vernichtungslager rollten? Warum hat Gott dort nicht eingegriffen? Die Theologin Dorothee Sölle (1929–2003) sagte einmal: »Nach Auschwitz kann man die Liedstrophe ›Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret‹ nicht mehr singen.« Angesichts der geschichtlichen Katastrophen führe kein Weg zurück zum Kindervater, der Wolken, Luft und Winden Wege, Lauf und Bahn gibt, so Sölle.

Gleichzeitig geht für sie aber die Sache Gottes in dieser Welt weiter: In jedem Augenblick, da ein Mensch sich eines anderen annimmt, da er hilft, heilt und einsteht für jene, die unter die Räder gekommen sind. Für Sölle ist klar: »Gott hat keine anderen Hände als unsere.« Gott ist also in dem Sinne nicht tot. Vielmehr gilt sein Wirken nicht mehr als ein überweltliches und zauberhaftes – es ist »nur« noch vorstellbar als eines, das in und zwischen Menschen sich ereignet. »Christsein heißt nun nicht mehr: etwas sehen, was andere nicht sehen und wo andere nichts mehr sehen; es heißt nur, die eine Wirklichkeit anders sehen«, so Sölle. Und das bedeutet: Chancen sehen, wo andere aufgeben oder an Frieden glauben, wo andere im Hass versinken.

Insofern könnte der Herbst 1989 doch als eine Art Wirken Gottes bezeichnet werden – indem Menschen bewegt und getragen wurden von dem Glauben an die Gewaltlosigkeit und an die Veränderbarkeit bedrückender Verhältnisse.

Aus dieser Sichtweise folgt dann aber auch, dass es mit der Geschichte Gottes immer weiter geht. 1989 war nicht das »Ende der Geschichte«. Vielmehr gibt es auch heute viele Missstände, in denen Gott leidet und ruft.

Der Glaube an ein donnerndes Eingreifen Gottes »von oben« ist brüchig geworden. Der Glaube an Gottes Wirken durch und zwischen Menschen ist dagegen dringender notwendig denn je – dass Menschen diese Welt sehen mit den Augen der Liebe Gottes, ihre Ohren öffnen für sein Rufen in leidenden Menschen und Kreaturen und handeln.

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8 Lesermeinungen zu Wirkte Gott im Herbst 1989?
Gert Flessing schreibt:
07. Oktober 2017, 20:25

Wenn ich an den Herbst 1989 denke, so denke ich in tiefer Dankbarkeit für Gottes Gnade daran zurück.
Kerzen und Gebete in Leipzig und anderswo waren stärker, als der Wille der alten Männer in Berlin, ihre Macht aufrecht zu erhalten.
Kerzen und Gebete haben den Frieden verkündet, den die tausenden brauchten, um diese Bilder in der Welt zu erzeugen, die sich von denen, so vieler anderer "Revolutionen" unterschieden haben.
Warum, Herr Seidel, bemühen Sie da, die Geschichte, die sich ca. 5 Jahrzehnte zuvor zugetragen hat?
Bedarf es denn immer und immer wieder des Holocaustes, um unsere eigene Geschichte und Gottes Handeln an uns, "in die Schranken zu weisen"?
Wäre es an dem, würde die, immer wieder aufgestellte Behauptung vom "Tätervolk" stimmen.
Aber wir leben aus der Gnade Gottes und genau das haben wir damals erfahren dürfen. Natürlich wirkt diese Gnade darin, dass sie uns bewegt. Immer und immer wieder, wenn wir uns bewegen lassen. Aber ebenso gibt sie, in der Geschichte, Rahmenbedingungen vor, die unser tun verstärken können.
Es ist nicht sein "donnerndes Eingreifen, von oben", es ist sein Geist, der aus Kerzen und Gebeten, eine Kraft entstehen lassen kann, die Veränderungen bewirkt.
Wir durften sie erleben. Gott sei Dank.
Gert Flessing

Beobachter schreibt:
08. Oktober 2017, 13:14

Die "liebe " Frau Sölle in dieser Frage zu bemühen ist doch wohl mehr als nur fragwürdig?
Und das "Reich2 als Gegenargument gegen die Aussagen der damals (89) in führenden Positionen zum Gelingen Beitragenden ebenfalls!
"Insofern könnte der Herbst 1989 doch als eine Art Wirken Gottes bezeichnet werden – indem Menschen bewegt und getragen wurden von dem Glauben an die Gewaltlosigkeit und an die Veränderbarkeit bedrückender Verhältnisse.
Aus dieser Sichtweise folgt dann aber auch, dass es mit der Geschichte Gottes immer weiter geht. 1989 war nicht das »Ende der Geschichte«. Vielmehr gibt es auch heute viele Missstände, in denen Gott leidet und ruft." Ja, ER läßt sich nicht ewig spotten und man wüßte schon, was man nict einfach alternativlos wietermachen sollte, weil man nicht wisse, was man anders machen sollt!

L. Schuster schreibt:
08. Oktober 2017, 19:33

„Wirkte Gott im Herbst 1989“, so gefragt - nein, es war waren Menschen, Gorbatschow, die Sowjetunion. Die bekanntlich auch Schutzegel in diesen Herbst war. Es friedlich blieb, weil Menschen letztlich doch auf Gott/Christus hörten, daher wurde nicht geschossen, gab es keine Tode.

Warum sie hier auf ihn hörten und oft auch nicht hörten, wird immer ein Rätsel sein. Daher ist es falsch, Gott ins Spiel zu bringen bei allen politischen, geschichtlichen, menschengemachten Ereignisse. Besonders falsch, wenn z. B. Frau Dorothee Sölle bei Auschwitz, völlig irreführend Gott in Spiel bringt. Was sehr missverständlich, es aber auch bei dem Wunder Herbst 1989 ihm ins Spiel zu bringen, es waren (immer) Menschen. Punkt.

Christoph schreibt:
09. Oktober 2017, 16:19

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass beim Zusammenbruch der DDR Gott seine Hand im Spiel hatte. Natürlich sind (wie immer in der Geschichte) Menschen die vordergründig Handelnden. Aber schon der Blick auf Zeitpunkt und Spanne der (erweiterten) DDR-Geschichte - 40 Jahre sind ein biblischer Zeitraum und der 9. November hat tiefe symbolische Bedeutung - zeigen mir, dass da mehr ist, als allein durch Menschen gemachte Geschichte.
Und so ist natürlich auch der Nationalsozialismus mit Beginn und Ende der DDR untrennbar verbunden, als Ursache und Folge. Wir werden den Holocaust nicht so einfach los. Und das ist auch gut so, denn nur ein Volk, das umgekehrt ist und Israel in dieser historischen Verantwortung zugewendet bleibt, kann von Gott Segen erwarten.

L. Schuster schreibt:
09. Oktober 2017, 21:40

Lieber Christoph,
Gott hat dem Menschen eine freien Willen gegeben und (vereinfacht) bittet er uns noch lediglich etwas auf ihm zu hören aber es ist unser Sache ob wir das tun. Für mich hörten 1989 vor allen auch in Moskau die richtigen Leute, bewusst oder unbewusst auf Gott, u. a. hier kein töten zuzulassen.
Warum oder auch warum wir einen freien Willen haben, wissen wir nicht, wir raten nur und wir müssen aufpassen, dass wir dabei nicht im Aberglauben landen, wie Ihre 40 Jahre DDR sind biblischer Zeitraum.

Lieber Beobachter,
bei der Frau Sölle bin ich bei Ihnen und auch das Gott ruft, nur mit dem „ ER lässt sich nicht ewig spotten“ hier sehen ich es nicht so drastisch. Alternativlos, ist übrigens für viele Sachsen ein Fremdwort.

Beobachter schreibt:
10. Oktober 2017, 8:42

Doch Herr Schuster, 40 Jahre sind eine biblische Zahl für drastische, oft befreiende, Wenden! Dazu finden sich viele Beispiele in der Bibel und in der (deutschen) Geschichte, von denen Christoph ja hier schon einige angedeutet hat. ER schaut eben nicht ewig (oft genau 40 Jahre!) zu bis ER eingreift ER läßt sich eben nicht ewig spotten! Mal sehen( wenn wir es noch erleben) wie es aussieht, wenn wir 40 Jahre "Einheit" haben?
Ja, die Sachsen waren und sind (27%) eben helle. Die Wortschöpfung "alternativlos" stammt ja auch von einer dickköpfigen hamburger Uckermarkerin!

L. Schuster schreibt:
11. Oktober 2017, 0:54

Stimmt schon Beobachter, die Zahlen in der Bibel sind schon interessant und darauf kann man viele Theorien (!) aufbauen. Was aber doch nicht meine Sache ist .
Diese Zahlen-Spiele können außerdem auch zu schlimmen Irrtümern führen und die zentralen Bibelstellen sind sie ja auch nicht. Viele Bibelstellen sind für uns zum nachdenken und manche unverständlich, doch sie sind nicht die wichtigsten.
Und was nach 40 Jahre " Einheit" sein wird:
Gott war schon immer da. Und Gott wird immer da sein. Das aller wichtigste. Und die frohe Botschaft, fast egal was dann ist.

Beobachter schreibt:
11. Oktober 2017, 8:10

Da haben Sie auch wieder Recht. Eberhard Laue singt: "Gott ist immer noch Gott!".
28 von den jetzigen 40 Jahren haben wir ja schon immerhin schon überstanden. Trotzdem, hoffen wir, daß es nicht noch 12 Jahre so weitergeht, weil man ja nicht weiß "was ich ändern sollte"!

Tageslosung

Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt.

(1.Mose 3,9-10)

Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!

(Galater 4,6)

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