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Sind wir zu obrigkeitshörig?

Viele Jahrhunderte galt für die evangelische Kirche das strikte Gebot aus Römer 13, der staatlichen Obrigkeit untertan zu sein. Wirkt das insgeheim noch heute?
Karsten Krampitz und Rochus Leonhardt
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Für Gott und Vaterland: Evangelischer Feldgottesdienst im Ersten Weltkrieg – ein Pfarrer segnet deutsche Soldaten. Bildpostkarte nach Aquarell von Paul Hey (1867–1952). © akg-images

Ja, denn immer noch ist die kirchliche Schuldgeschichte der Anpassung an Diktaturen nicht aufgearbeitet. Auch heute fehlt es an kritischem Abstand zum Kapitalismus.

Karsten Krampitz (49) ist Historiker, Journalist und Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Jedermann sei untertan« über den deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert. Foto: Uli Decker

Schon immer gab es Theologen, die meinten, die Geschichte wäre aufgearbeitet. Während sich die Kirche nach dem »Stuttgarter Schuldbekenntnis« (1945) bei den Alli­ierten für Kriegsverbrecher und andere Nazis einsetzte, verkündete 1949 Hanns Lilje, Bischof von Hannover und stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender, das Ende aller Aufarbeitung: »Der Augenblick ist gekommen, mit der Liquidation unserer Vergangenheit zu einem wirklichen Abschluss zu kommen.« Geschichte aber ist niemals abgeschlossen, schon weil jede neue Generation das Recht hat, die Geschichte noch einmal neu zu schreiben – und sei es die Geschichte der DDR­-Kirchen im Kontext von Römer 13.
Im Rückblick stellt die »Kirche im Sozialismus« ein Phänomen dar: Obwohl der Schrumpfungsprozess anhielt, nahm ihr politisches Gewicht mit jedem Jahr zu – allerdings erst in der Ära nach Otto Dibelius. Die Thüringer Landeskirche stellt dabei in ihrem Opportunismus die große Ausnahme dar. Bischof Werner Leich erklärte 1986 gegenüber Westjournalisten: »Die Kirche ist als Gesprächspartner akzeptiert, und der Staat kann sich darauf verlassen, dass die Kirche nicht in die Opposition geht.« Auf die Frage nach der Friedensbewegung sagte er: »Es gibt keine organisierten Friedensgruppen. Die jungen Menschen arbeiten mit in der Jungen Gemeinde.« Leichs Vorgänger im Bischofsamt, Ingo Braecklein, arbeitete viele Jahre mit dem MfS zusammen (IM »Ingo«) und erhielt dafür unter anderem den Vaterländischen Verdienstorden in Gold, wie schon sein Vorgänger Moritz Mitzenheim, der den 17. Juni 1953 als »faschistische Provokation« bezeichnet hatte.
Eine ähnliche Nähe zum Staat hatte der Theologe Walter Grundmann, im Dritten Reich akademischer Direktor des Instituts zur »Entjudung« von Kirche und Theologie. 1955 berief ihn Bischof Mitzenheim zum Leiter des Katechetischen Seminars in Eisenach; auch Grundmann verriet der Stasi regelmäßig Interna aus der Kirche. Kurzum: Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen, die es heute nicht mehr gibt, hätte jeden Grund, Buße zu tun. Nicht aber die Kirche in Erfurt, die seinerzeit zur Kirchenprovinz Sachsen gehörte. Um das aber zu verstehen, muss man Geschichte als Ganzes annehmen. Der Magdeburger Bischof Werner Krusche bekam eben keinen Vaterländischen Verdienstorden; Partei und MfS schätzten ihn als »feindlich negativ« ein. Heino Falcke, Propst in Erfurt, war einer der spannendsten Intellektuellen in der DDR. Seine »Freiheitsrede«, gehalten im Jahr 1972 vor der Synode des DDR­-Kirchenbundes, gilt als das historische Ereignis im DDR-­Protestantismus! Unter der Überschrift »Jesus befreit – darum Kir­che für andere« sprach Heino Falcke vom »ver­besserlichen Sozialismus«. Für die Friedens­ und Umweltgruppen, die später in den Räumen der Kirche Schutz fanden, bekam diese Formel eine programmatische Bedeutung. Sie ermöglichte ein kritisches Denken, Reden und schließlich auch Handeln, ohne dass der oder die Einzelne vom SED-­Staat als Gesetzesbrecher denunziert werden konnte. Auf einmal war die Kirche nicht nur ein Raum der Kontemplation, sondern der Aktion. Dass der Bund der Evangelischer Kirchen in der DDR (BEK) seinerzeit eine bessere DDR wollte und gleichzeitig an der engen Verbindung zur EKD festhielt, lässt sich heute offenbar schwer kommunizieren. Peinliche Bußerklärungen, mit denen man sich dem rechten Zeitgeist unterwirft, sind da nicht zielführend. Und vielleicht redet in der Kirche mal jemand vom »verbesserlichen Kapitalismus«? Karsten Krampitz

Nein, denn wir haben gelernt. Das Gebot der Obrigkeitshörigkeit wurde durch die westdeutsche Kirche überwunden. Heute wird die pluralistische Demokratie bejaht.

Rochus Leonhardt, Jahrgang 1965, ist Professor für Systematische Theologie in Leipzig. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Religion und Politik im Christentum«. Foto: Elfriede Liebenow

Die Behauptung einer im deutschen Protestantismus besonders ausgeprägten Obrigkeitshörigkeit gehört zum Standardrepertoire der Kirchenkritik. Danach war die historische Entwicklung des evangelischen Kirchentums von Anfang an durch solche – bis heute spürbare – Obrigkeitshörigkeit bestimmt. In seinem 2017 erschienenen Buch hat der Historiker Karsten Krampitz diese These in zweierlei Hinsicht präzisiert. Erstens: Er unterscheidet die historische Phase zwischen 1517 und 1918 von der Zeit nach 1918. Während die Verfehlungen der ersten 400 Jahre als zeitbedingt erklärt werden, lehnt Krampitz für die im 20. Jahrhundert beschrittenen Irrwege jede Relativierung ab. Zweitens: Keinen Teil dieser Schuldgeschichte bildete nach Krampitz der Weg des Protestantismus in der DDR; dieser mit der Wiedervereinigung abgebrochene Sonderweg habe die ostdeutschen evangelischen Kirchen mit ihrer gesellschaftskritischen Kraft zu Wegbereitern der Demokratie gemacht. Ich halte beide Zuspitzungen für falsch.
Zum ersten Punkt möchte ich auf Otto Dibelius verweisen. Er war es, der eine christliche Gehorsamspflicht gegenüber politischen Autoritäten daran gebunden hat, dass diese rechtsstaatlich agieren. Damit hat ausgerechnet ein Luthera­ner eine im Luthertum geläufige Deutung von Römer 13 hinterfragt. Diese ausdrückliche Relativierung der tradierten protestantischen Obrigkeitshörigkeit richtete sich damals konkret gegen den Totalitarismus der zweiten deutschen Diktatur. Deren kirchenpolitischen Protagonisten hatten die Geltung des Verfassungsrechts durch willkürliche Machtausübung konterkariert.
Zweitens zum Lob des ostdeutschen Sonderwegs: Dieser lässt sich nicht nur durch die vieldeutige Formel »Kirche im Sozialismus« kennzeichnen. Typisch ist auch die 1956 von Günter Jacob ins Spiel gebrachte Rede vom »Ende des Konstantinischen Zeitalters«. Damit war gemeint, dass die Verkündigungsarbeit der Kirche in der DDR ohne staatliche Privilegien agierte, eine Konstellation, in der man die urchristlichen Anfänge wiederzuerkennen meinte. So galt gerade die Not der Rechtsunsicherheit in der DDR als Chance zur Ausbildung einer wahrhaft authentischen Verkündigung. Diese theologische Aufwertung der eigentlich unfreiwilligen Nischenexistenz hat sich vielfach mit einer Sympathie für gesellschaftliche Homogenitätsmuster und einem Unbehagen am Pluralismus verbunden. Ein engagiertes »Ja« zur pluralistischen Demokratie hat dagegen gerade die westdeutsche EKD in ihrer Demokratie­-Denkschrift von 1985 formuliert. Doch auch im Blick auf das konkrete Engagement für politisch bedrängte Christen scheint die Bilanz des DDR­-Protestantismus nicht makellos zu sein. Dies belegt das Erfurter Bußwort der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands von November 2017, das diejenigen Menschen um Vergebung bittet, die während der DDR-Diktatur nicht ausreichend Unterstützung bekamen.
Die viel beschworene Obrigkeitshörigkeit des Protestantismus ist also maßgeblich im Horizont der altbundesdeutschen EKD überwunden worden. Die in der 1985er Demokratie­-Denkschrift »Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe« formulierten Aussagen sind nach meiner Auffassung im Grundsatz auch heute noch richtig. Der opportunistischen Politisierung und Moralisierung des evangelischen Christentums kann durch ihre Fortschreibung begegnet werden – und nicht durch die Idealisierung eines gescheiterten Sonderwegs. Rochus Leonhardt

Buchempfehlungen:
Karsten Krampitz: »Jedermann sei untertan«. Deutscher Protestantismus im 20. Jahrhundert. Alibri Verlag 2017, 352 S., 20 Euro.
Rochus Leonhardt: Religion und Politik im Christentum. Vergangenheit und Gegenwart eines spannungsreichen Verhältnisses. Nomos-Verlag 2017, 477 S., 98 Euro.

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4 Lesermeinungen zu Sind wir zu obrigkeitshörig?
Beobachter schreibt:
24. Januar 2018, 16:01

Zumindest dem Herrn Krampitz könnte man iin Vielem widersprechen. Man merkt dem "Jungen Spund" an, daß er von den DDR-Jahren wenig Ahnung hat! Woher er seine "Kenntnisse" hat, weiß man nicht. Anstatt von vielen Leuten nur krampfhaft eventuelle (konstruierte?) negative Seiten zusammenzusuchen hätter er wohl besser geschwiegen. Auf jeden Fall wird er vielen dieser Menschen vollkommen ungerecht!

Gert Flessing schreibt:
24. Januar 2018, 21:04

Als Paulus den Satz von der Obrigkeit, der jedermann untertan sei soll, schrieb, wusste er und wohl auch die Mehrzahl der Christen, die das lasen oder hörten, das man, gleichzeitig, Gott mehr gehorchen muss, als den Menschen.
Ansonsten wären die Christen damals flugs zu den Opferstätten des Kaiseropfers gelaufen und hätten ihre "staatsbürgerliche Pflicht" getan.
Dennoch stimmt es, das diese Welt auch die Obrigkeit braucht. Wir brauchen einen ordnende Hand, die dafür sorgt, das es Regeln in der Gesellschaft gibt.
Denn erst wenn Gottes Hütte bei den Menschen sein wird, werden die Tränen abgewischt und das Geschrei ein Ende haben.
So weit ist es noch nicht.
Es ist wohl so, dass die DDR keine besonders gute Obrigkeit hatte. Atheistisch geprägt - wenigstens nach außen hin.
Ich weiß nicht, ob "die Kirche" an politischem Gewicht zunahm. Ich weiß aber, das sie respektiert wurde. Vielleicht in einem Maß, das heute der politischen Kaste oft fremd ist.
Es war, für die Landeskirchen, immer eine Gratwanderung und ebenso für jeden Pfarrer vor Ort.
Es gab immer Gespräche. Es gab etwas zwischen Kirche und ihren Vertretern und dem Staat und der "führenden Partei" und ihren Vertretern, das nennt sich Diplomatie. Manches ist dadurch, auch für Menschen, erreicht worden.
Manches ist auch für Kirchgemeinden möglich geworden, weil man geredet hat.
Selbst in Brandenburg war das zu erleben.
Das sich Menschen, die in harter Opposition gegen das System standen, manchmal gewünscht hätten, die Kirche würde ihnen stärker zur Seite stehen, kann ich verstehen.
Aber manchmal war es durchaus eine Abwägung dessen was möglich war und dessen, was nicht ging.
Nicht immer bringt der Vorschlaghammer Erfolg.
Wir waren in den Achtzigern einmal schon froh, das wir, in geduldigen Gesprächen zwischen Superintendent und Abteilung Inneres, einem unserer Brüder, der sich sehr engagiert hatte, den Besuch der Ledermantelfraktion ersparen konnten.
Und heute? Wer die Wende bewusst miterlebt und vielleicht mitgestaltet hat, der wusste, das wir nun das kapitalistische System bekommen. Was denn? Will das nun keiner mehr so recht?
Vielleicht kann man das noch verbessern. Aber das bedeutet nicht, das wir, als Kirche nun den nächsten Vorschlaghammer raus holen sollten.
Gert Flessing

L. Schuster schreibt:
26. Januar 2018, 19:16

Geehrter Karsten Krampitz,
protestantischen Obrigkeitshörigkeit in einer Diktatur wie auch im Kaiserreich ist leicht zu kritisiere wer nicht in dieses Zeit leben.
Alle meine Vorfahren waren bestimmt nicht Obrigkeitshörig, auch nicht zur Kaiserzeit. Einfach daher, weil sie Gott/Christus verinnerlich hatten.
Außerdem und hier kenne ich mich etwas aus, Leute die unser Kirche in DDR kritisiert ist fast immer Fake-News aufgesessen.

Bußworte werden einen Tages eher die Kirche in der BRD, wohlgemerkt in einer Demokratie sprechen müssen die Grüne und Merkel Politik unterstützen. Die Menschen um Vergebung bitten müssen denen dadurch die Miete, Strom usw. sehr bequem erhöht werden konnte.
Obdachlos oder Arm wurden.
Oder für christliche Helfer von Flüchtlingen sich entschuldigen, die deren Verachtung von Frauen, Kinderehen, Vergewaltigungen und andere Straftaten oder Betrug schön redeten.

Gert Flessing schreibt:
29. Januar 2018, 11:40

Es stimmt mich bedenklich, das wieder, als Beleg, für die Obrigkeitshörigkeit, ein Militärseelsorger bemüht wird.
Soldaten beugen sich unter Gottes Wort. Sie bitten um Segen für ihr Leben, ihr Überleben.
Der Prediger tut das, was die Aufgabe eines Predigers ist.
Hat das wirklich etwas mit "Obrigkeitshörigkeit" zu tun?
Die Menschen brauchen "Regierung", das gehört zu den weltlichen "Notwendigkeiten".
Zu dem, was Teil dessen ist, was, leider immer noch, notwendig ist, gehört Militär.
Auch Soldaten haben einen Anspruch auf Seelsorge.
Natürlich können wir alles ablehnen.
Aber so viel Weltflucht würde ich unserer Kirche nicht wünschen.
Gert Flessing

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