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Was heute noch heilig ist

Göttliches: Vielen Zeitgenossen ist Gott entschwunden. Man meint: Das Heilige habe sich überlebt. Doch sie irren. Heiliges hat nur seine Gestalt geändert. Die Menschen könnten ohne es schwer leben.
Stefan Seidel
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Die Adventszeit ist für die Gläubigen eine heilige Zeit. Eine Zeit, in der gefeiert wird, dass das Heil nahegekommen ist – der Heiland, die geheilte Zeit. »Nun jauchzet, all ihr Frommen, zu dieser Gnadenzeit,/weil unser Heil ist kommen, der Herr der Herrlichkeit«, so ein Adventslied. Etwas von dieser Aura der heiligen Zeit hat auch auf die weltliche Adventszeit abgefärbt. Mit Weihrauch und Wärme, Glanz und Glitzer, Gemeinschaft und Geheimnis wollen sich auch säkulare Menschen diese Zeit »verheiligen«. Und das selbst in Ostdeutschland, der vermeintlich säkularisiertesten Gegend der Welt. Hier überlebten die alten, noch auf dem christlichen Glauben beruhenden Weihnachtslieder und -gebräuche selbst die SED-staatlich verordneten Verweltlichungen der Weihnachtsbräuche. »Stille Nacht« und Weihnachtskrippen waren sowieso nicht totzukriegen.

Doch wie steht es wirklich um »das Heilige« in einer Zeit, in der die meisten Menschen hierzulande ohne eine Kirche oder einen Gott zu leben vermögen? Für den Berliner Religionsphilosophen Hans Joas wirkt die »Macht des Heiligen« auch in der Gegenwart ungebrochen – wenngleich in gewandelter Gestalt. Joas zeigt in seinem gleichnamigen Buch, dass »Heiliges« oft mit Idealen einhergeht, ohne die eine Gesellschaft und ein Mensch schwer leben könnte. Denn verbindende Ideen und Ideale gehören zum Menschsein und gewährleisten sowohl das Zusammenleben, als auch das Leben des Einzelnen.

Immer in der Geschichte der Menschheit, so Joas, habe es Erfahrungen gegeben, die den Menschen ergreifen und etwas als außerordentlich erleben lassen, ihn über sich hinausheben. Erfahrungen der Liebe gehören ebenso in diesen Bereich wie Erfahrungen der Ekstase bei Massenveranstaltungen oder bei der Geburt eines Kindes oder einer intensiven Naturbegegnung. Wenn solche Erfahrungen des Ergriffenseins gemacht werden – etwa ausgelöst durch Personen oder Ideale –, erfahre der Mensch eine »Selbsttranszendenz«, die ihn in ein emotional aufgeladenes Kraftfeld führen, das dann als »Heiliges« erlebt und gedeutet wird. Das »Heilige« ist demnach eine Qualität, die den ergreifenden Kräften zukommt und die dann in Form von Symbolen Ausdruck finden, schreibt Joas.

Somit ist »Heiligkeit« oft auch dort im Spiel, wo Menschen gar nicht auf die Idee kämen, das als »heilig« zu benennen. Aber die Verarbeitung außeralltäglicher und emotional besonderer Erfahrungen etwa in Form bestimmter Rituale oder »Gläubigkeiten« geschieht auf viele Weisen – auch in der Gegenwart. Die »Macht des Heiligen« beschreibt Joas so: »Wir können uns, so klein unsere Stellung im Universum ist, als bedeutungsvollen, in unserer Individualität einmaligen und zur Mitwirkung aufgerufenen Teil eines Ganzen empfinden, bei aller ständigen Gefährdung als berechtigt zum Vertrauen in eine uns tragende Ordnung.«

Dabei kann sich das, was aufgrund bestimmter Erfahrungen letztlich – ausgesprochen oder unausgesprochen – als »heilig« gedeutet wird, wandeln. »Eine Vielzahl von Personen und Kollektiven, Gegenständen und Ideen kann sakralisiert werden: der Herrscher und das Land, das Volk und die Nation, die Rasse oder eine Klasse, die Wissenschaft oder die Kunst, die Kirche oder die Ware und der Markt.«

Alte »Heilige« oder »Heiligtümer« werden im Laufe der Geschichte abgelöst von neuen – bisweilen unter ganz neuen Namen und Gestalten. Insofern bricht die Geschichte des »Heiligen« nicht einfach in der Moderne ab, sondern setzt sich in ständiger Veränderung weiter fort. Somit leben wir Joas zufolge nicht in religiös »entzauberten« Zeiten – und auch nicht in religiös »wiederverzauberten« –, sondern gleichsam dauerhaft in Zeiten des »Heiligen«: in Zeiten der Deutungen und Geschichten, die wir über unser Leben und unsere Welt erzählen; des Ergriffenseins von Größerem, das wir erleben und bisweilen immer wieder erleben wollen; der Symbole und Riten, die wir finden, um unsere Liebe auszudrücken; der Wege, die wir gehen, um einen unantastbaren Wert aufrecht zu erhalten; der Formen, mit denen wir unsere Verehrungen ausdrücken.

Insofern drückt die Adventszeit nur besonders plastisch aus, was stets im Gange ist: dass es sich ohne den Gestalt gewordenen Ausdruck großer Gefühle und Ideen schwer leben lässt.

Buchtipp: Hans Joas: Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung. Suhrkamp Verlag 2017, 543 S., 35 Euro.

»Das ist mir heilig« – Vier Frauen geben Auskunft

Seit der Geburt unserer körperbehinderten Tochter vor 16 Jahren ist mir meine Familie absolut heilig. Füreinander einstehen, einander zuhören, füreinander da sein. Das haben wir in dieser Zeit von unserer Familie und auch von Freunden ganz intensiv erfahren. Ich habe gelernt, dass mir die Zeit, die ich habe, heilig ist. Jeder Tag ist einmalig. Wir sollten jeden Tag und jede Begegnung mit geliebten Menschen intensiv leben und die uns geschenkte Zeit nutzen.
Doreen Biedermann, Goldschmiedemeisterin, Sebnitz

Doreen Biedermann lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Sebnitz. Foto: privat

Was ist mir heilig? Mein Morgenkaffee, meine Zeitung? »Heilig, heilig, heilig ist Gott der Herre Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll«, so sangen wir als Kurrendekinder im Gottesdienst. Die fremde Melodie schwebte in die Ferne zum Unsichtbaren, Unfassbaren, wir dachten nicht darüber nach. Die alten liturgischen Gesänge sind mir trotz ihrer Unnahbarkeit bleibend vertraut und nahe geworden. Aber »das Heilige« fand und finde ich darin nicht, jedenfalls nicht so demonstrativ. Eine geheimnisvolle und unantastbare Aura ist »dem Heiligen« jedoch unbedingt geblieben. Das Leben hat mir gezeigt, dass jeder Mensch, auch jedes Tier und alle Natur eine innere unzerstörbare Würde haben und dass alles mit allem zusammenhängt. Wenn ich diesen respektvollen Zusammenhang leben kann, ahne ich etwas »Heiliges«, das alles umfängt. Ob mit oder ohne Kaffee und Zeitung.
Beate Bahnert, Journalistin und Trauerbegleiterin in Großbothen

Beate Bahnert lebt als freie Autorin und Trauerbegleiterin in Großbothen bei Grimma. Foto: Giersch

Eigentlich ist mir nichts wirklich heilig. Das Wort ist zu groß. Vielleicht meine Unversehrtheit und die Unversehrtheit meiner Kinder. Aber ist das dann schon heilig? Begegnung mit dem Heiligen: Immer wieder beim Blick zum Himmel. Diesen Sommer und Herbst war das oft spektakulär. Licht und Wolken schicken manchmal heilige Grüße. Oder grüßen von etwas Heiligem.
Zsusza Bánk, Schriftstellerin (»Das Weihnachtshaus«)

Zsusza Bánk lebt als freie und vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin in Frankfurt/Main. Foto: Gaby Gerster/Laif

Es gibt heilige Augenblicke, wo ich die Nähe Gottes ganz deutlich spüre. Das kann überall und jederzeit sein: Bei meiner täglichen Andacht, wenn Musik direkt in mein Herz dringt, ein stiller Moment bei einer lauten Demo, ein Atemholen im Garten, ein Kontakt zu Tieren ... Es gibt heilige Tätigkeiten: wenn ich die Kirche schmücke zum Advent, wenn ich Menschen oder Tiere bis zum letzten Atemzug auf ihrem Weg in Gottes Heimat begleite, wenn ich eine Wahrheit sage, die niemand hören will, die aber gesagt werden muss, wenn ich ganz still irgendwo sitze und »nichts« tue.
Christa Blanke, evangelische Theologin, Gründerin der europäischen Tierschutzorganisation »Animal’s Angels«, die Tiertransporte begleitet

Christa Blanke (70) lebt als Theologin und Tierschützerin in Hessen. Foto: privat

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Medienbischof der EKD und Kirchenpräsident der EKHN, Dr. Volker Jung, besuchte auf Einladung des EMVD die Frankfurter Buchmesse 2018. Er stellte sein neues Buch »Digital Mensch bleiben« vor.

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