Glauben an Gottes Eingreifen

Erinnerung: In einem Gesprächs-Buch legte Johannes Hempel Rechenschaft über sein Leben und Wirken ab. Dabei kristallisierte sich der Kern seines Denkens und Glaubens heraus.
Von Udo Hahn
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Stationen eines bewegten Lebens mit und für für die Kirche: Johannes Hempel 1971 als Studieninspektor in Leipzig (li. oben); Geburtstagsfeier im März 1999 (Mitte oben); bei einer Rede 1994 (re.); mit seiner Ehefrau Dorothea im Jahr 2007 bei der SONNTAG-Lektüre (li.) sowie mit seinen 3 Bischofsnachfolgern 2016 (re.) © Fotos: Archiv; Giersch (3); E. Freund

Eine Woche lang saßen wir im Sommer 1995 Tag für Tag im Hause des Bischofs in Dresden zusammen, um ein Gesprächsbuch zu verwirklichen. Die Tonbandaufnahmen umfassen fast dreißig Stunden. Hempel zog ausführlich Bilanz, sprach über Erlebnisse aus Kindheit und Jugend, sein Studium im Westen, die Rückkehr in die sächsische Landeskirche, die Übernahme des Bischofsamtes, den Weg der evangelischen Kirche in der DDR, ihre Rolle und auch seine eigene im Herbst 1989, über Vorwürfe wegen kirchlicher Stasi-Verstrickungen, den Stellenwert des Protestantismus im wiedervereinigten Deutschland, zur Zukunft des ökumenischen Dialogs sowie zum christlichen Selbstverständnis, Gesellschaft mitzugestalten.

In der Begegnung erlebte ich einen äußerst bescheidenen Zeitgenossen. Einer, der jedes Wort abwägt, immer druckreif spricht. Und von einem Ernst geprägt ist, dass man sich einhören muss, um den hintergründigen Humor zu erspüren, der auch zu seinem Wesen gehört. Das Buch, so war das gemeinsame Ziel, will einen Beitrag zum inneren Zusammenwachsen der deutschen evangelischen Kirchen und darüber hinaus zur Herstellung der inneren Einheit der Deutschen leisten. Ein hoher Anspruch, gewiss. Der Ratsvorsitzende Klaus Engelhardt hat den Band, der zuerst 1996 unter dem Titel »Annehmen und frei bleiben« erschien, als das »ehrlichste Buch unter den vielen kirchlichen autobiographischen Zeugnissen« bezeichnet.

Im Dezember 2003 haben wir uns noch einmal zum Gespräch verabredet. Die Evangelische Verlagsanstalt Leipzig hatte die Idee, anlässlich des bevorstehenden 75. Geburtstags des Altbischofs uns erneut zusammenzubringen. Entstanden ist der Band »Erfahrungen und Bewahrungen« – 2004 erschienen, dokumentiert er den Dialog aus dem Jahre 1995 sowie die Fortsetzung unseres Gesprächs.

Bei der erneuten Lektüre bin ich auf eine Antwort Hempels gestoßen, in der sich seine Haltung zeigt. Ich fragte ihn vor dem Hintergrund der These Samuel Huntingtons, der einen »clash of civilisations«, einen Zusammenprall der Völker und Kulturen prognostizierte, was diese Gemengelage für die Zukunft der Menschheit bedeute und wo die Kräfte zu finden seien, die wenigstens mäßigend wirken könnten. Seine Antwort: »Wer kann das voraussagen? Meine Lebenserfahrung ist, dass Gott, ehe die absolute Katastrophe passiert, seinen Finger dazwischen hält. Dass also die Regierungen der Völker sozusagen im letzten Moment vernünftig einlenken oder/und dass Umstände eintreten, die die Rückkehr zur Vernunft erzwingen. Wir leben von Aufschub zu Aufschub. In den Phasen zwischen den Aufschüben werden wir alles tun müssen, das zum Guten beiträgt. Aber das wird nicht immer ausreichen. Dann muss Gott seine Hand dazwischen halten.«

Ich bin dankbar für diese Gespräche mit ihm, von denen ich auch heute noch zehre.

Buchhinweis: Johannes Hempel: Erfahrungen und Bewahrungen. Ein biografischer Rückblick im Gespräch mit Udo Hahn. Evangelische Verlagsanstalt 2004, 364 S., 25 Euro.

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