Ein Licht für die Schöpfung

Klima: Was kann die Kirche für die Klimarettung tun? Ein Gespräch mit der Leipziger Theologiestudentin Michelle Schwarz, die vom Lutherischen Weltbund zur Weltklimakonferenz in Sharm El-Scheikh delegiert wurde.
Astrid Weyermüller Luth. Weltbund
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  • Damit das Klima nicht baden geht: Die Leipziger Theologiestudentin Michelle Schwarz als Delegierte des Lutherischen Weltbundes bei der Weltklimakonferenz in Sharm El-Sheikh. © LWB/Albin Hillert

    Damit das Klima nicht baden geht: Die Leipziger Theologiestudentin Michelle Schwarz als Delegierte des Lutherischen Weltbundes bei der Weltklimakonferenz in Sharm El-Sheikh. © LWB/Albin Hillert

  • Aufstand fürs Klima: Demonstranten aus vielen Nationen beim Weltklimagipfel. © LWB/Albin Hillert

    Aufstand fürs Klima: Demonstranten aus vielen Nationen beim Weltklimagipfel. © LWB/Albin Hillert

  • Michelle Schwarz auf einem Podium. © LWB/Albin Hillert

    Michelle Schwarz auf einem Podium. © LWB/Albin Hillert

  • Friedliche Mahnung: Demonstranten mit Kerzen in Sharm El-Sheikh. © LWB/Albin Hillert

    Friedliche Mahnung: Demonstranten mit Kerzen in Sharm El-Sheikh. © LWB/Albin Hillert

Frau Schwarz, wie lautet Ihr Fazit zur Weltklimakonferenz 2022?
Michelle Schwarz: Für mich persönlich war die Weltklimakonferenz insofern erfolgreich, als dass ich viele Kontakte knüpfen konnte, die ich in den nächsten Wochen vertiefen möchte. Was die Verhandlungen anbelangt, ist diese Klimakonferenz jedenfalls kein Rückschritt, sondern die Ergebnisse sind zumindest ein kleines Stückchen näher in Richtung Klimagerechtigkeit gelangt. Öffentlich und weltweit gibt es eine Einigung darauf, dass Industriestaaten für die Schäden und Verluste im Globalen Süden finanziell aufkommen, das ist ein fundamentaler Erfolg. Trotzdem ist die Stimmung an vielen Stellen gespannt; nicht zuletzt deshalb, weil einige der großen Entscheidungstragenden ihre Versprechen untergraben, indem sie die Krise durch die fortgeführte Nutzung fossiler Energien und unzureichende Zahlungen an die Schwächsten vorantreiben. Das wirkt auf mich äußerst widersprüchlich, da diese Konferenz die »Konferenz der Umsetzung« sein sollte. Für mich war das Auftreten von Präsident Lula aus Brasilien sehr spannend, der besonders für die Amazonas-Region zum großen Klima-Hoffnungsträger geworden ist. Er war für einige Tage der Promi auf der Konferenz. Aber eines steht fest: Alles, was beschlossen wurde, trägt leider sehr wenig dazu bei, das 1,5-Grad-Ziel für die globale Erderwärmung am Leben zu erhalten, das ist unakzeptabel.

Letztes Jahr haben Sie online an der Weltklimakonferenz teilgenommen, dieses Jahr sind Sie vor Ort in Sharm El-Sheikh. Wie erleben Sie diese beiden Teilnahmeformen?
Als Mitglied der LWB-Delegation zur letztjährigen Klimakonferenz habe ich angefangen, die Strukturen der Konferenz kennenzulernen. Ich habe mich mit Themen befasst, von denen ich vorher nur wenig wusste, und ich habe Vokabular gelernt, ohne das ich heute in Sharm El-Sheikh nicht weiterkommen würde. Kurz gesagt: Über die Online-Teilnahme hatte ich die Möglichkeit, in Advocacy-Arbeit (Lobby-Arbeit) hineinzuwachsen, um dieses Jahr vorbereitet vor Ort dabei zu sein. In beiden Varianten hatte ich die Möglichkeit, für zwei Wochen komplett in die global-politischen Gespräche zu Klimagerechtigkeit einzutauchen. Letztes Jahr konnte ich sehr komfortabel von zuhause aus verfolgen. In diesem Jahr ist es etwas einfacher, den Fokus nicht zu verlieren, weil ich nicht noch nebenbei in die Uni oder zur Arbeit muss.

Welche Entwicklungen bei der Klimagerechtigkeit haben Sie seit der letzten Klimakonferenz beobachtet – international und in Ihrer Region?
International habe ich wahrgenommen, dass der Druck von der Zivilbevölkerung auf die Politikerinnen und Politiker immer größer wird. Es ist wichtig zu sehen, dass Klimabewegungen weltweit wachsen. Das führt dazu, dass Menschen anfangen, sich auf konkrete Handlungsmöglichkeiten zu fokussieren und zunehmend kritische Nachfragen stellen. In meiner Region, besonders in meiner Kirche, habe ich vor allem Strukturreformen bezüglich Klimagerechtigkeit gesehen: Es wird eher an systematischen Leitfäden, Regelwerken und konkreten Umsetzungsmöglichkeiten für klimagerechte Veranstaltungen, Transportmöglichkeiten, Lebensweisen gearbeitet. Das braucht zwar noch Zeit zur Finalisierung, aber es ist eine wichtige Entwicklung.

Bitte erzählen Sie uns etwas über Ihren Hintergrund und wie Sie dazu kamen, sich für Klimagerechtigkeit zu engagieren.
Ich bin in der Nähe des ehemaligen Braunkohletagebaus Espenhain aufgewachsen, durch dessen Ausmaß viele Menschen ihr Zuhause verlassen mussten. Diejenigen, die sich damals für Gerechtigkeit einsetzten, waren die Kirchgemeinden. Christinnen und Christen aus unserer Region haben sich politisch in Foren engagiert, Demonstrationen organisiert und Friedensgebete abgehalten. Diese Geschichten meiner Eltern haben mich sehr geprägt und meinen christlichen Glauben schon sehr früh mit der Bewahrung der Schöpfung verknüpft. Ich habe angefangen, mich in kleineren Klimaschutzprojekten verschiedener Organisationen zu engagieren und letztendlich beschlossen, durch diese Erfahrungen auch in meiner eigenen Kirche mitzugestalten. Mit Unterstützung durch den Lutherischen Weltbund haben wir gemeinsam mit Jugendlichen aus ganz Sachsen einen Leitfaden für klimaneutrale Freizeiten entwickelt und in Kirchgemeinden verteilt. Diese Erfahrung hat mich motiviert, auch in Gremienarbeit für unsere Zukunft einzustehen und aktiv zu bleiben. Seitdem bin ich auf der einen Seite in Aktivismus-Gruppen und auf der anderen Seite in Advocacy-Arbeit engagiert.

Die Synode der EKD hat in der vorletzten Woche über das Thema „Evangelische Kirche(n) auf dem Weg zur Klimaneutralität 2035“ beraten. Wie ambitioniert sind die dort formulierten Ziele?
Ich glaube, dass die EKD-Synode einen guten Anfang gemacht hat, klare Ziele und Anliegen zu formulieren und auch Aktion folgen zu lassen. Durch die neue Klimaschutzrichtlinie sollen bis 2035 im Raum der EKD 90 Prozent Netto-Treibhausneutralität erreicht werden. Klimaneutralität soll 2045 erreicht werden. Es gibt also endlich eine Richtlinie, an der wir uns festhalten können. Wir sind allerdings als evangelische Kirchen in Deutschland noch nicht da angekommen, wo wir ankommen müssten. Diese EKD-Richtlinie bietet einen sehr großen Interpretationsspielraum. Das ist auf der einen Seite notwendig für die Umsetzung in Kirchgemeinden. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch, dass wir an unserem Ziel dranbleiben müssen, um diese Richtlinien auch gut und sensibel umsetzen zu können.

Was nehmen Sie von der Weltklimakonferenz 2022 für Ihre Advocacy-Arbeit in Deutschland und im Lutherischen Weltbund (LWB) im kommenden Jahr mit?
Ich verlasse Sharm El-Sheikh mit vielen Eindrücken, Erfahrungen und Erinnerungen, die ich nutzen möchte. Diese Weltklimakonferenz hat mir gezeigt, wie gewisse Prozesse laufen, zum Beispiel wie man Strategiepapiere verfasst, Veranstaltungen organisiert, sich mit Menschen vernetzt und mit Politikerinnen und Politikern spricht. Das sind alles Dinge, die ich zum ersten Mal in diesem Ausmaß erfahren habe. Wenn ich wieder zurück in Deutschland bin, möchte ich gern weitere Advocacy-Strategien kennenlernen und eng mit dem LWB in Kontakt bleiben. Auch bei »YOUNGO«, der offiziellen Kinder- und Jugendorganisation des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC), möchte ich am Ball bleiben. Ich glaube, dass diese Weltklimakonferenz für mich der erste große und wichtige Schritt und Türöffner war für etwas, was mir sehr viel Freude bereitet und wo ich auch viel geben kann. Das möchte ich auch mit in meine Kirche zurücknehmen: Junge Menschen können tatsächlich sehr viel bewegen, aber sie brauchen Unterstützung und Ermächtigung.

Das Gespräch führte Astrid Weyermüller, Luth. Weltbund

Quelle
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