Die Liebe trägt hindurch

Briefe aus der Haft: Als die Stasi Harald Wagner 1980 in Leipzig verhaftet und für fast ein Jahr einsperrt, bedeutet das auch eine Trennung von Frau und Kindern. Doch das Ehepaar stärkte einander mit Briefen. Diese entdeckten sie nun nach 40 Jahren wieder. Ein Zeugnis für die Kraft von Glaube, Liebe und Hoffnung.
Von Stefan Seidel
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Gemeinsam die Gefängniszeit gemeistert: Harald und Beate Wagner veröffentlichen ihren Briefwechsel aus der Zeit, in der Harald Wagner von der Stasi inhaftiert war. Der spätere Pfarrer und Professor an der Evangelischen Hochschule Dresden war von 1980–81 in Leipzig und Brandenburg wegen »staatsfeindlicher Hetze« inhaftiert. Die Liebe in Briefen trug das Ehepaar durch die schwere Zeit. © Steffen Giersch

Als es am 4.  August 1980 früh 6  Uhr an der Wohnungstür von Familie Wagner in Leipzig klingelt, bricht die Zeit entzwei. Beamte der Staatssicherheit dringen ein, durchsuchen die Wohnung, verhaften Harald Wagner. Der 30-jährige Sportdozent an der Universität Leipzig wird mit dem Vorwurf der staatsfeindlichen Hetze konfrontiert. Er wird in Untersuchungshaft genommen und in das Stasi-Gefängnis in der Leipziger Beethovenstraße verbracht. Ein Schock. »Es kam alles so plötzlich, ohne Vorahnung«, notiert Harald Wagners Ehefrau Beate eine Woche nach der Verhaftung. Und: »Ich habe Angst vor dem, was kommt. Bei jedem Geräusch renne ich zum Fenster und schaue nach. Ich habe die Hoffnung, dass Du, mein geliebter Harald, ganz plötzlich wieder vor mir stehen würdest.«

Diese Hoffnung sollte sich so schnell nicht erfüllen. Gegen Harald Wagner wird ein Strafprozess vorbereitet. Sein »Vergehen«: Er hatte eine oppositionelle Gruppe unterstützt, die sich für die Verbreitung der Ideen des oppositionellen Philosophen Rudolf Bahro einsetzte. Diese hatte Kopien von Bahros in der DDR verbotenen Schriften in die Briefkästen von Universitätsmitarbeitern gesteckt – und darauf gehofft, dass sie so zu Veränderungen in der DDR bewegt werden können. Doch die Stasi überführte ihn anhand von Geruchsproben, die an den verteilten Papieren sichergestellt wurden. Nun stand ein Strafmaß von bis zu zehn Jahren im Raum.

Zum seelischen »Rettungsanker« in dieser dramatischen Situation wird für das junge Ehepaar die Möglichkeit, einander einen Brief pro Woche zu ­schreiben. Erlaubt ist eine DIN-A4-Seite. Natürlich werden die Briefe vor der Zustellung von dem Stasi-Vernehmer genau gelesen und auf belastende Informationen abgesucht. Das wissen die beiden. Dennoch nutzen Harald und Beate Wagner diese Form des Austauschs, um einander so gut es geht zu stützen und Anteil zu geben an ihrem Erleben. Beate schreibt über den Alltag mit den Kindern, die Unterstützung durch Freunde, die Lektüre des Buches Hiob, tröstende Musik. Harald schreibt über seine Buch-Lektüren, seine Liebe, seine Hoffnungen. Und er schickt Bilder, die er für die Kinder gemalt hat. Die Wagners nutzen den verfügbaren Platz der einen Papierseite voll aus und beschreiben in engen Zeilen. Für Harald waren die Briefe die einzige Quelle, um Informationen von außen zu erlangen. Die wichtigste Botschaft: Dass er seine Frau und die Kinder wohlversorgt und unterstützt wissen darf. Aus den in den Briefen genannten Grüßen von Freunden kann er schließen, dass diese nicht verhaftet sind.

Jeder Brief wird zu einer Art tragender Säule in dem so ungewiss und bedroht gewordenen Leben von Harald und Beate Wagner. Ihre Liebes-Versicherungen wirken wie eine Beschwörung dieser größeren Kraft, dass sie sich als die stärkste erweisen möge.

In ihrem ersten Brief am 8.  August 1980 schreibt Beate an Harald: »Mein lieber Schatz, die Zeit der Trennung wird nicht einfach für uns werden, aber wir wissen, dass wir zusammengehören.« Und Harald antwortet: »Beate, an Deinem Brief gefiel mir besonders, dass er auch jetzt Lebensfreude vermittelte: er ließ mich an Eurem Alltag teilhaben. Liebe Beate, es geht weiter und wir werden es schaffen.«

Ein Prüfstein wird die Weihnachtszeit 1980, die Harald Wagner immer noch in Untersuchungshaft verbringen muss. Jetzt wird die Trennung der Familie besonders schmerzlich spürbar. Harald schreibt am 20.  Dezember 1980: »Wenn ich die Erlebnisse unserer Kinder (Besuche, Märchenwald, Puppentheater etc.) aus deinen Schilderungen erfahre, hoffe ich, dass sie mein Fernbleiben gut überstehen und glaube, dass sie auch so gut für ein sinnerfülltes Leben gerüstet werden. Ihr werdet jetzt die Weihnachtstage schon voll genossen haben und vielleicht war ich in euren weihnachtlichen Träumen zu Gast.« Und Beate antwortet: »Auch wenn es Dir nicht möglich sein wird, in dieser Zeit bei uns zu sein, werden wir in Gedanken ganz fest verbunden sein. Wir – David, Jenny, Deine Mutter – besonders aber ich, haben sehr große Sehnsucht nach Dir.«

Vom 11. bis 13.  Februar 1981 findet schließlich der Gerichtsprozess statt, in dem Harald Wagner von Rechtsanwalt Wolfgang Schnur verteidigt wird. Dieser plädiert auf Freispruch. Doch das Gericht verurteilt Wagner zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr – »wegen Beihilfe zum Verbrechen der staatsfeindlichen Hetze«. Er wird in die Strafvollzugsanstalt Brandenburg verlegt. In ihrem ersten Brief nach Brandenburg schreibt Beate: »Geliebter Harald, als ich las, dass Du in Brandenburg bist, wurde mir ganz schlecht. Dich so weit weg zu wissen, bedrückt mich doch sehr. (…) Aber nachdem ich in Ruhe darüber nachgedacht habe, bin ich etwas vernünftiger geworden und kann die Situation objektiver sehen. (…) Ich bin zuversichtlich, denn wir haben das Schlimmste, die Ungewissheit, überstanden.« Und Harald schreibt über ein Buch, das er in der Haft lesen konnte und von dem er wusste, dass es auch Beate gelesen hatte: Christa Wolfs »Kindheitsmu­ster«: »Es sind nicht schlechthin äußere Zwänge, die den Faschismus als Massenerscheinung hervorrufen, sondern es sind gerade die innersten Bereiche des Individuums, die gleichzeitig und oft unbemerkt, d.h. wohl bemerkt, aber nicht eingestanden, ihn ermöglichen. Es sind dies das Zurückziehen der Interessen auf ›ungefährliche‹ Gebiete, bis endlich die Neugier überhaupt nachlässt, das zunehmende Verheimlichen von Gefühlen vor sich selbst, aber auch das Einkapseln von unliebsamen Bewusstseinsinhalten im Gehirn …«

Aufgrund guter Führung wird Harald Wagner am 27.  Mai 1981 vorzeitig aus der Haft entlassen und von Beate in Brandenburg erleichtert abgeholt.

Mit den Briefen – und den Besuchen, die einmal im Monat gestattet waren –, hatten Harald und Beate Wagner versucht, sich mit all ihrer Kraft nicht brechen zu lassen. »Wir wussten, dass viele Ehen durch eine solche Haft kaputt gingen und die Stasi bestimmte Mittel einsetzt, um die Inhaftierten zu destabilisieren«, erzählt Harald Wagner im Rückblick. Dem wollten sie vorbeugen, indem sie ihre Herzen einander weiterhin öffneten und eine starke Gefühlsbindung aufrecht erhielten. »Wir haben das für uns Richtige gemacht, obwohl wir wussten, dass wir das eigentlich nicht machen sollten: Wir haben über unsere Gefühle geschrieben und Inneres geteilt«, so Wagner und ergänzt: »Ich war überrascht, wie freimütig wir geschrieben haben.« Und seine Frau Beate bemerkt nach dem Wiederlesen der Briefe erstaunt: »Ich war geborgen, nicht bedroht. Das habe ich an den Briefen noch einmal gespürt.«

Im Jahr 1992 wurde Harald Wagner rehabilitiert und das Urteil gegen ihn vom 13.  Februar 1981 aufgehoben. Es wird festgehalten, dass ihm »schweres Unrecht« zugefügt wurde.

Hinweis: Am 20.11., 13–18 Uhr findet ein Studientag der Evangelischen Akademie mit Beate und Harald Wagner in der Gedenkstätte Bautzner Straße (Dresden) statt. Unter dem Titel »Liebe. Glaube. Widerstand« geht es um die Gefängnisbriefe und Widerstand. Anmeldung: Tel. (0351) 81 24 315 o. E-Mail <akademie@evlks.de>.

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