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Heilig oder historisch?

Theologen drehen jeden Satz in der Bibel um auf der Suche nach historischer Wahrheit. In Kirchgemeinden können das viele nicht nachvollziehen – auch ein Grund für die jüngsten innerkirchlichen Debatten.
Andreas Roth
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Was haben die Weihnachtsgeschichte, die Schöpfungserzählungen und die Übergabe der Zehn Gebote an Mose gemeinsam? Sie gehören zu den Kerntexten christlichen Glaubens – und sind, glaubt man historisch-kritischen Forschungsergebnissen, in Wirklichkeit wohl nie geschehen.

Seit der Zeit der Aufklärung klopfen Theologen ausgehend von Deutschland die Bibel Satz für Satz ab, fragen historisch-kritisch nach den Umständen ihrer Entstehung, ihrer Echtheit, sogar nach mündlichen Vorläuferquellen. Und entscheiden so mit dem Werkzeug wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeiten, was Gotteswort ist – und was nur der jeweiligen Zeit geschuldet.

»Doch die Gemeindepraxis hat sich sehr weit entkoppelt von der akademischen Theologie«, sagt der Plauener Schulpfarrer Falk Klemm. »Die historisch-kritische Theologie schafft Distanz zur Bibel. Gemeindeglieder haben Trost in ihr erfahren und plötzlich sollen sie über sie urteilen.«

Klemm ist einer der Sprecher der Sächsischen Bekenntnisinitiative, die sich gegen die Öffnung von Pfarrhäusern für gleichgeschlechtliche Partnerschaften wendet. Die harte Debatte um die Haltung der Bibel zur Homosexualität hat hier eine ihrer Wurzeln: Viele Theologen sehen sie historisch-kritisch in der Zeit ihrer Entstehung begründet und damit als überholt an – viele konservative Christen in den Gemeinden verstehen das nicht.

Die Bekenntnisinitiative fordert deshalb Alternativen zur historisch-kritischen Theologie in den Ausbildungsstätten der Landeskirche. »Die historisch-kritische Methode geht aus ideologischen Gründen von dem Aberglauben aus, dass Gott in der Geschichte gar nicht direkt eingreifen kann. Das ist methodischer Atheismus«, kritisiert Falk Klemm. Wunder oder echte Prophetie? Die seien unter rationaler Perspektive undenkbar. »Die historisch-kritische Methode muss aus der Bevormundung durch die Vernunft herauskommen. Dann haben wir wieder Gott direkt«, fordert der Pfarrer.

Studierende mit einer konservativen Frömmigkeit haben auch an der Leipziger Universität mit der historisch-kritischen Methode zu kämpfen. »Das ist für sie oft ein schockierendes Moment«, weiß Cornelius Voigt, Studienassistent des konservativen Leipziger Theokreises. »Ich habe selbst auch großen Gewinn aus der historisch-kritischen Methode gezogen«, sagt Voigt. »Aber sie ist fast die einzige Methode in der universitären Theologie – da würde ich mir mehr Alternativen wünschen.«

Die gibt es vor allem außerhalb des historisch-kritischen Mutterlandes Deutschland. Amerikanische Theologen versuchen in der kanonischen Exe­gese, biblische Texte stärker von ihrer Stellung in der Bibel her zu verstehen. Aus der französischen Literaturwissenschaft kommt die Idee, die Geschichten der Bibel wie Erzählungen zu analysieren. Und dann gibt es noch die fundamentalistische Bibelauslegung.

»Jede Methode braucht Kritik und Ergänzungen«, sagt Sachsens Landesbischof Carsten Rentzing. »Den Mut dazu wünsche ich mir an den Theologischen Fakultäten – aber dafür sind sie in akademischer Freiheit selbst zuständig und diese Debatten sind in ihnen auch schon angekommen.«

Er selbst habe als Theologe immer historisch-kritisch gearbeitet und diese Methode als Segen empfunden, weil sie auch von Irrtümern befreie, betont der Bischof. »Man muss die Vernunft gebrauchen, um die Heilige Schrift zu verstehen – aber eine Verkündigung wird nur möglich sein, wenn man die Schrift selbst zu Wort kommen lässt neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen.« Für den Landesbischof ist das kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander.

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443 Lesermeinungen zu Heilig oder historisch?
A.Rau schreibt:
09. Januar 2016, 12:11

Lieber Theologe,

Sie bringendie Problematik ganz wunderbar auf den Punkt: "Ich preise dich, Vater, Herr des Himmel und der Erde, dass du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart" (Mt 11,25). Die HKM ist wohl die Methode der Weisen, der Klugen, der Überlegenen, der Auserwählten(!). Gott offenbart sich aber den Unmündigen, den Dummen, den Schwachen. Er sieht auf "den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor seinem Wort" (Jes 66,2).

Der Jammer ist, dass Sie mit all Ihrer kritischen Intelligenz genau diesen Elenden, nichts, aber auch gar nichts, zu sagen wissen. Denn die HKM tut eine zwiefache Sünde: "Die lebendige Quelle verlassen sie und machen sich Zisternen, die rissig sind und kein Wasser geben" (Jer 2,13).

A.Rau

Gert Flessing schreibt:
09. Januar 2016, 11:49

Da glaube ich gern, dass Sie noch "einige Semester" vor sich haben. (Wenn Sie denn wirklich Theologiestudent sind und keiner, der allseits beliebten fakes.)
Wenn Sie Ihren Glauben reflektieren möchten oder meinen zu müssen, dann gehen Sie in die Gemeinde. Dann reden Sie mit Gott. Dann schweigen Sie vor Gott.
Man reflektiert seinen Glauben nicht, indem man mit Werkzeugen klappert.
Die "Gottlosigkeit" außerhalb von Ihnen, die Sie so erschüttert, sollte Sie kalt lassen. Die Frage ist, ob Sie selbst Gott und seine Liebe in sich tragen und von daher leben und studieren.
Bitte jetzt nicht verwechseln mit allen möglichen Frömmeleien! Schon gar nicht mit allen möglichen Fundamentalismen.
Es geht darum, ob Sie diese Grundgeborgenheit in sich spüren, die es Ihnen erst ermöglicht wirklich und gut von Gott reden zu können und Menschen damit etwas zu geben vom Evangelium.
DAS kann man nämlich nicht studieren.
Gert Flessing

A.Rau schreibt:
09. Januar 2016, 11:43

Nur leider, ich weiß immer noch nicht genau, was das überhaupt ist - diese mysteriöse historisch-kritische Methode. Deshalb die Frage in die unendlichen Weiten des Internets: Gibt es irgendwo jemanden (z. B einen sehenden Theologen), der uns dies mit kurzen, verständlichen und klaren Worten erklären kann???

A.Rau

Gast schreibt:
09. Januar 2016, 14:24

Ach, Sie wollen doch nur provozieren. Wie durchsichtig. Wenn es Sie wirklich interessieren würde, hätten Sie sich längst bei Wikipedia belesen können.

Thomas schreibt:
09. Januar 2016, 15:58

Herr Rau, ich versuch's mal (Achtung - Kürzung birgt das Risiko das Dinge verzerrt werden):

HKM ist die vermutlich häufigste Form der Exegese.
- Historisch: sie bezieht sich auf alte Texte, deren Tragweite und Entstehungsprozess sie versucht zu klären.
- Kritisch: vollumfassende Textanalyse mit dem Ziel, den Inhalt der in der Bibel, deren Inhalt Erzeugnis der menschlichen Sprache ist, enthaltenen göttlichen Offenbarung besser zu erfassen. Dazu gehören u.a. Textkritik (Vergleich der Handschriften), Übersetzung, Textanalyse (Struktur des Textes), Redaktionsgeschichte (Umgang des Autors mit seinen Quellen), Formgeschichte (Textgattung)
oder Traditionsgeschichte (zugrunde liegende mündliche Überlieferung)
- Methode: Versuch mit möglichst objektiven Kriterien das Vorgehen zu dokumentieren und so nachvollzieh- und prüfbar zu gestalten.

Für eine normale Predigt fallen schon aus Zeitgründen manche Dinge weg und/oder manches wird fertig übernommen (auch dafür wird es ja nachvollziehbar dokumentiert), das Vorgehen bleibt aber bestehen.

Daneben gibt es diverse andere Formen der Exegese: z.B. versuchen die Modelle der kontextuelle Exegesen die Bibel für eine bestimmte Zielgruppe zu erschließen. Literaturwissenschaftliche/linguistisch orientierte Methoden versuchen die biblischen Inhalte aus sprachlicher Sicht zu ergründen.
Für Details dazu ist Wikipedia sicher die besser Quelle. :)

Am Ende des Handelns steht aber immer ein Mensch, der selten so linear ist wie die Modelle suggerieren. Da wir keine Augenzeugen befragen können sind Schlussfolgerungen nötig, die natürlich immer aus den Erfahrungen und dem Wissen der handelnden Person(en) geprägt ist.

Daher kann eine Methode selbst kaum die Wurzel eines Problems sein. Sie kann es verstärken oder abmildern, sie kann es überhaupt erst offenbar werden lassen oder aber verdecken.

Nicht am Ende, sondern über allem steht Gott in seiner Unverfügbarkeit für unseren Willen. Wo heute 3 Meinungen stehen ist er derjenige, der über richtig oder falsch entscheiden wird. Das sollte man bei aller Kritik gegenüber Methoden, Denkweisen oder Menschen immer bedenken.

Theologe schreibt:
09. Januar 2016, 17:07

Warum soll man Ihnen das erklären? Wenn Sie zum Arzt gehen, wollen Sie doch auch nicht die medizinische Theorie erklärt bekommen. Der Arzt soll Sie gesund machen. Wenn Sie es genauer wissen wollen, müssen Sie es studieren. Das steht Ihnen ja frei.

Britta schreibt:
09. Januar 2016, 21:40

Sie kennen manche Patienten nicht!

Theologe schreibt:
09. Januar 2016, 22:05

Warum sollte ein Theologe das wollen sollen? Warum jemanden etwas erklären, was der doch nicht verstehen kann? Ein Physiker erklärt einem Laien auch nicht, was der nicht verstehen kann. Schon gar nicht mit einfachen Worten. Wer es verstehen will, muß sich selbst bemühen. Da scheint hier aber keine Gefahr zu bestehen.

A.Rau schreibt:
09. Januar 2016, 17:33

Lieber Thomas,

vielen Dank!!! Nun haben wir bzw. habe ich als Laie aber schon den Salat. Sie schreiben: "vollumfassende Textanalyse mit dem Ziel, den Inhalt der in der Bibel ... enthaltenen göttlichen Offenbarung besser zu erfassen." Bei Wikipedia dagegen lese ich: "Die historisch-kritische Methode untersucht den biblischen Text unter der Annahme, dass Menschen ihn geschrieben haben, ohne dass Gott sie dabei beeinflusst hat. Diese Grundannahme wird als Axiom der Forschung gesetzt, ohne dass sie bewiesen oder widerlegt werden könnte. Jeder Anhaltspunkt für ein göttliches Eingreifen wird so erklärt, als läge allein menschliches Handeln vor."

Wie Sie betonen, liegt in der Kürze das Risiko von Mißverständnissen. Dennoch meine ich, hier zwei sich gegenseitig ausschließende Ansätze zu finden; 1. den Ihren, der will die "göttlichen Offenbarung besser erfassen" und 2. den bei Wikipedia beschriebenen, der eine göttliche Offenbarung grundsätzlich ausschließt. Der 1. klingt vernünftig, der 2. wie kompletter Blödsinn. Doch welcher ist der richtige?
A.Rau

A.Rau schreibt:
09. Januar 2016, 17:34

"Richtig" in dem Sinne: welcher ist der, der an den theologischen Fakultäten angewandt wird.

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DER SONNTAG, Nr. 02 | 10.1.2016 Artikel drucken Artikel im ePaper anzeigen

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