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Neues Licht auf den Koran

Islam: In der erhitzten Debatte über den Islam tut ein nüchterner Blick auf diese Religion not. Angelika Neuwirth bietet in ihrem neuen Buch eine erhellende Einführung in den Koran, die auch ein neues Licht auf die Bibel wirft.
Von Ulfried Kleinert
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Heilige Schrift im Forscherlicht: Die Erforschung des Koran eröffnet einen neuen Blick auf die Entstehung des Heiligen Buches der Muslime. © Foto: lissma/Fotolia

Muslime gab es schon lange in Deutschland. Aber erst die Berufung des Terrors auf ihn und die neue Flüchtlingsbewegung haben aktuell eine besondere Aufmerksamkeit auf den Islam gelenkt. Die seinen Namen zu Unrecht im Schilde führen und die den Islam statt den Terror bekämpfen, werden es in Zukunft schwerer haben. Denn jetzt werden auch die Stimmen erkennbar, die Zugang zum Kern dieser Religion gefunden haben und diesen vermitteln können.

Eine der klügsten unter ihnen stammt von Angelika Neuwirth. Die interreligiös forschende Berliner Islamwissenschaftlerin leitet das Potsdamer »Corpus Coranicum«. Dort wird untersucht, was im Koran steht und welche Entwicklungen sich im Koran selbst zeigen. Eine Art Zusammenfassung ihrer jahrelangen Forschungen ist nun in einem Buch erschienen: »Die koranische Verzauberung der Welt und ihre Entzauberung in der Geschichte«.

Darin geht es um die zwei Phasen der Koranentstehung: jene erste Phase der »Verzauberung« von 610–622 n. Chr., die durch Mohammed in Mekka vermittelt wurde. Und die zweite Phase der »Entzauberung« in Medina zwischen 622 und 632. Dem neugierigen Leser erschließt sich hier in einer Interpretation von zentralen Abschnitten des Koran, was auf der arabischen Halbinsel vor 1400 Jahren geschehen sein soll.

Neuwirth schildert auf dem Hintergrund arabischer Poesie und nomadischer Stammesideologie, wie durch die von Mohammed vermittelte und zunächst nur von einer kleinen Gemeinde mitgetragene Offenbarung Gottes (arabisch »Allah«) in Mekka auf die Welt kam. Diese Offenbarung verstand die »Zeit« nicht mehr nur als chronometrisch messbare Zeit, sondern in Anlehnung an jüdische und christliche Überlieferung als erfüllte, auf ein Ziel bezogene Zeit. Auch wurde der »Raum« zwischen Schöpfung und Apokalyse inhaltlich bestimmt. Beide, Zeit und Raum, werden mit Sinn erfüllt und so spiritualisiert und »verzaubert«. Mehr noch: das beduinische Stammesethos wurde zu einem universalen erweitert. Ein umfassendes Verständnis von »Gerechtigkeit« und von deren Korrelat beziehungsweise Korrektur »Barmherzigkeit« veränderte die Welt. Konkret wird das auch in den Korantexten, die den biblischen zehn Geboten entsprechen. Sie spitzen die Gebote für die arabische Kultur des 7. Jahrhunderts zu.

Als Mohammed und die von ihm dort begründete Gemeinde 622 aus Mekka nach Medina fliehen musste, setzte nach Neuwirth schon bald die »Entzauberung« ein: die Erdung des Islam in der Auseinandersetzung vor allem mit den jüdischen Stämmen der Stadt. Das zeigt sie anschaulich an der im Koran selbst vorgenommenen und diskutierten Änderung der Gebetsrichtung und an der im Koran vollzogenen Entwicklung der Bedeutung des Ahnherrn Abraham. Das sei hier abgekürzt skizziert: Die Beduinen Arabiens richteten zuerst ihre Gebete nach Osten – der Sonne entgegen. Mohammed aber lehrte sie in Mekka, wie die Juden gen Jerusalem zu beten, dem mythischen Ort biblischer Heilsgeschichte. In Konflikten mit den Juden Medinas wurde Jerusalem nun nach Neuwirth »entzaubert« zu einem konkreten heiligen Ort einer konkurrierenden Religions- und Nationalgeschichte. Jetzt gewinnt für die islamische Gemeinde die Kaaba in Mekka zentrale Bedeutung. Sie war für die Beduinen Arabiens schon in vorislamischer Zeit kultisches Zentrum ihres Götterglaubens. Ihr wendet sich der muslimische Beter nun zu als dem Ort, an dem in längst vergangener Zeit – auch lange vor dem Tempelbau in Jerusalem – Abraham den einen Gott verehrt habe.

Wie in diesem Beispiel, so lässt sich an hundert Beispielen zeigen, wie der interessierte Leser an koranischen Texten biblische Geschichten neu verstehen lernen kann. Wenn dabei ernst genommen wird, dass beide – zuerst die Bibeltexte, später die Korantexte – historisch entstanden sind und noch in den heiligen Schriften erkennbar ist, welche Entwicklungen sie gemacht haben. Sie fordern so zu eigener Stellungnahme heraus. Diese zu ermöglichen, sei Angelika Neuwirth und ihrem Potsdamer Forscherteam gedankt.

Angelika Neuwirth: Die koranische Verzauberung der Welt und ihre Entzauberung in der Geschichte, Herder-Verlag 2017, 30 Euro. 

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19 Lesermeinungen zu Neues Licht auf den Koran
Beobachter schreibt:
27. Juni 2018, 15:21

Brauchen wir solche "Wissenschaft" wirklich?

Klaus schreibt:
27. Juni 2018, 21:08

Wenn Sie "Wissenschaft" in Anführungszeichen setzen, diskreditieren Sie die Wissenschaftlerin. Warum tun Sie das? Kennen Sie die Frau? Haben Sie sich näher damit beschäftigt?

Beobachter schreibt:
27. Juni 2018, 22:48

Für mich hat das einfach nichts mit Wissenschaft zu tun!
Das ist nur der Versuch, den Koran/Islam hoffähig zu machen!

Britta schreibt:
27. Juni 2018, 19:35

Ist da auch der "pflegliche" Umgang der Mohammedanhänger mit den Juden in und um Medina erwähnt?

Klaus schreibt:
27. Juni 2018, 21:11

nun ja, wir Christen sind auch alles andere als "pfleglich" mit den Juden umgegangen. Ehe wir auf andere Religionen zeigen, sollten wir selber erst mal unsere blutige Geschichte aufarbeiten.
Mir erschließt sich auch nicht, warum Sie den Islam skandalisieren wollen.

Britta schreibt:
27. Juni 2018, 21:58

Die Judenverfolgungen geschahen nicht in der Entstehungsphase des Christentums und entsprechen auch nicht den biblischen Intentionen, während der Koran stellenweise sehr deutliche Worte zu Umgang mit Juden, Christen und Agnostikern findet.
Den Islam braucht man nicht zu skandalisieren: schauen Sie doch mal auf die ersten christlichen Länder im Levante und Nordafrika, das Schicksal der Kopten und welche Entwicklung Länder nehmen, in denen der Islam das Sagen hat. Lesen Sie den Koran, die Hadithen, die Fatawa... Lesen Sie die Berichte von Sabatina James, Hirsi Ali, usw. - warum schweben diese in Lebensgefahr? Warum gibt es die Todesfatawa für Islamkritiker, wo sind die Fatawa, die sich gegen die Terroranschläge n Europa im Namen des Islam wenden?

Klaus schreibt:
30. Juni 2018, 21:02

hm, entspricht es denn den biblischen Intentionen, Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ersaufen zu lassen?
Am Montag kam auf der Pegida-demo in Dresden die Rede auf dieses Schiff, das auf dem Mittelmeer umherirrte und nun in Malta anlegen durfte. Die Demonstranten schrien: "Absaufen, Absaufen!!"
Die verteidigen doch die Werte des christlichen Abendlandes, oder? Warum wünschen die dann über 200 Leuten auf dem Schiff den Tod? Darf man das fragen? Aber was ist schlimmer: ein Islamist, der eine Bombe mit Rizin bauen will und rechtzeitig geschnappt wurde oder 2000 Pegida-Demonstranten, die 200 armen Schweinen auf dem Mittelmeer den Tod wünschen?
Wie hat der SONNTAG doch bereits richtig gefragt: 1. Würde Deutschland zugrunde gehen, wenn wir weitere 1 Mio Flüchtlinge aufnehmen? Antwort: Nein. und 2. Wie kann man es als Christ mit seinem Gewissen vereinbaren, dass die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer keiner haben will? Antwort: gar nicht.
Statt Fluchtursachen zu bekämpfen, werden Nothelfer zu Sündenböcken gemacht. Oder spricht jemand über die EU--Exportsubventionen für Landwirte oder Fischfangflotten, die Agrarmärkte und Lebensgrundlagen in Afrika zerstören und damit erst Fluchtanreize schaffen? Am ehrlichen Umgang mit diesen Fragen entscheidet sich, ob Europa eine humane Gemeinschaft ist oder zum Netzwerk nationalistischer Egomanen verkommt.

Zweitleser schreibt:
02. Juli 2018, 11:52

Liebe Frau Britta,

mir fällt auf, dass Sie bei der Bibel von Intentionen sprechen, während Sie den Koran auf seinen Wortlaut festlegen. Können Sie mir erklären, warum Sie die beiden "Heiligen Schriften" mit unterschiedlichen Vorgaben lesen?

Mit freundlichem Gruß
Zweitleser

Britta schreibt:
02. Juli 2018, 16:12

@Klaus: PEGIDA ist das Akronym aus "patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" - christlich kommt darin nicht vor. Zudem kann jemand, der versucht, mit Sachargumenten auf die Gefährlichkeit des Islams schon von dessen Grundlagen her hinzuweisen, nicht mir irgendwelchen Schreihälsen, die es vielleicht bei Demos gibt, gleichgesetzt werden. Ich bringe Sie doch auch nicht mit den Terrorchaoten in Hamburg letztes Jahr o.ä, in Verbindung.

@Johannes, äh Zweitleser: nun gut, dann zeig mir bitte die Stelle im Neuen Testament, wo steht, daß Ungläubige oder Juden getötet werden sollen. Die Pogrome, die es in der Vergangenheit gab, lassen sich nicht mit dem Neuen Testament rechtfertigen, während die Anschläge im Namen des Islam sich durchaus mit dem Koran rechtfertigen lassen. Wenn es nicht dem Wesen des Islam entspräche, dann müßte es doch hunderte islamische Rechtsgutachten (Fatawa) geben, die diese Terroranschläge verurteilen. Statt dessen gibt es Todesfatawa gegen Islamkritiker, so daß diese sich auch in den (noch) nicht islamischen europäischen Ländern mit falscher Identität oder Personenschutz bewegen müssen, Fatawa, in denen die Belohnung für Märtyrertum zugunsten Allahs erklärt werden oder Fatawa, in denen beschrieben wird, wie die Ungläubigen auszutricksen oder Frauen zu behandeln sind. Nachzulesen z.B. auf der Seite des Islaminstituts der evangelischen Akademie. Gibt es dazu heutzutage christliche Pendants? Darauf wäre ich sehr gespannt!
Ceterum censeo: der Islam gehört nicht zu Deutschland, auch wenn er noch so schön geredet wird!

Zweitleser schreibt:
05. Juli 2018, 21:28

Frau Dr. Fordran, äh Britta, ich hatte Ihnen lediglich die Frage gestellt, warum Sie von den biblischen Intentionen sprechen, den Quran aber auf seinen Wortlaut festmachen. Ich wollte keine geschichtsträchtige Ausführung, auch keine Ansammlung Ihrer bekannten islamkritischen "Belege", nur eine knappe Antwort. Die steht noch aus.
Zweitleser

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