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Fortschritt als Rückschritt?

Digitales: Mit der nächsten Fortschrittswelle soll auch ein intensiverer Mobilfunk ans Netz gehen. Davor warnt der Theologe Werner Thiede. Denn nicht nur die Gesundheit gerate durch die umfassende Digitalisierung in Gefahr.
Das Gespräch führte Stefan Seidel
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Digitale Revolution: Immer mehr dominieren Internetgeräte den Alltag der Menschen und Familien. Doch angesichts möglicher Risiken wird auch Kritik laut. © Foto: MNStudio/Fotolia; Montage: so

Herr Prof. Thiede, viele freuen sich auf den neuen Mobilfunk-Standard »5G«, dessen Frequenzen im kommenden Frühjahr versteigert werden. Deutschland soll Weltspitze bei der digitalen Infrastruktur und Leitmarkt für »5G« werden. Warum können Sie sich da nicht mitfreuen?
Werner Thiede: Weil ich als Christ und ethisch denkender Theologe eine Politik nicht gutheißen kann, die nach dem Motto »Digitalisierung first, Bedenken second« verfährt. Dorothee Bär beispielsweise, Staatsministerin für Digitalisierung, betont, sie habe das Bedenkenträgertum satt. Auf breiter Front wird das Vorsorgegebot außer Kraft gesetzt, und der Fortgang der digitalen Revolution nimmt einen rigorosen Stil an. Der eine Teil der Bevölkerung, der diese Revolution und die damit verbundenen massiven Änderungen unserer Lebenswelt begrüßt, bestimmt in der Folge über den anderen Teil, der hier eher skeptisch bis abwehrend eingestellt ist.

Und Sie fordern das Recht dieser Minderheit ein ...
Ja. Mag dieser kritische Bevölkerungsteil auch der kleinere sein, so heißt das doch keineswegs, dass es der weniger intelligente ist: Allein die Liste der deutschsprachigen digitalisierungskritischen Buchtitel ist mehrere Seiten lang. Aber der herrschende Fortschrittsfanatismus hat kein Ohr für die Besorgten und durch die Digitalisierung Benachteiligten. Mit Recht hat der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm beklagt, Fortschrittseuphorie nenne in aller Regel nicht den Preis, den andere zu zahlen haben.

Sehen Sie da eine Spaltung der Gesellschaft?
Die ist bereits bittere Realität. Digitale Fortschrittseuphoriker stehen gegen Fortschrittsskeptiker, wobei die Machtbefugnisse sehr einseitig verteilt sind. Politik treibt im Einvernehmen mit Industrie und Wirtschaft die Digitalisierung voran. Kein Geringerer als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor dieser Spaltung gewarnt: Es könne nicht sein, dass ein Teil der Gesellschaft die Chancen der Technologien erörtert und ein anderer Teil sich sozusagen ums Reparaturgeschäft kümmert. Die Frage steht im Raum, ob sich da nicht zum Teil auf unsichtbare Weise Schäden entwickeln, bei denen es am Ende nicht mehr viel zu reparieren gibt.

Sie meinen insbesondere die Gefahren durch den neuen Mobilfunk?
Ja. Die Bundesnetzagentur hat mit den Vergaberichtlinien für die Versteigerung der neuen Frequenzen drastische Versorgungsauflagen festgeschrieben: Die Netzbetreiber müssen bis Ende 2022 mindestens 98 Prozent der Haushalte mit 100 Megabit pro Sekunde versorgen. Das Schließen sogenannter Funklöcher ist ein zentrales Anliegen – nachvollziehbar aber nur für einen Teil der Bevölkerung! Leider wird auch jener andere Teil davon voll betroffen sein, der solches Versorgtwerden ausdrücklich ablehnt. Ich denke hier an alle, die um das Gefahrenpotential der Mobilfunkstrahlung näher wissen oder gar als Elektrosensible sie körperlich unangenehm spüren.

Was genau verändert sich mit den neuen Mobilfunk-Standards »5G«?
Bei »5G« sind die viel höherfrequenten Wellenlängen derart kurz, dass eigentlich bei Mauerdicke schon fast keine Strahlung mehr durchdringt. Deshalb soll sie näher an die Wohnungen herangeführt werden, so dass wohl mehrere Hunderttausend neue Sendeanlagen allein in Deutschland erforderlich sein dürften. Die Stationen werden dann großenteils auf Laternenmasten, Litfass-Säulen oder Stromverteilerkä­sten und dergleichen installiert. Zwar werden ihre Sendeleistungen kleiner sein als bei den bisherigen Masten, aber die Einstrahlung in die Wohnungen kann im verkürzten Abstand bis ums Hundert-, ja Tausendfache steigen. Ich denke, das ist vielen »5G«-Befürwortern nicht klar.

Oft werden allerdings die Mobilfunk-Bedenkenträger belächelt ...
Das ist ja das Perfide heutiger Politik: Sie setzt die Digitalisierung und die totale Versorgung mit der Strahlung, sprich: die Verstrahlung, rigoros durch – und ignoriert dabei systematisch die Kritiker, als seien die einfach nur angstgesteuert oder gar psychisch gestört. Auf diese Weise wird industrienahe Forschung völlig einseitig bevorzugt.

Und Sie beziehen sich auf andere Studien?
Nimmt man das gesamte Spektrum der Experten ernst, dann zeigt sich auch hier eine auffällige Spaltung zwischen verharmlosenden und warnenden Stimmen. Dabei kann man heute nicht mehr einfach so tun, als seien die Befürworter der Mainstream, der allein die Maßstäbe zu setzen habe. Ich nenne beispielsweise Professor James Lin, der bis 2016 Mitglied der Internationalen Kommission für den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (­ICNIRP) war: Er votiert in den USA dafür, dass die maßgebliche Behörde bei der Weltgesundheitsorganisation die Krebswarnstufe heraufsetzt auf »wahrscheinlich krebsrerregend«.

Das klingt in der Tat besorgniserregend ...
Noch entschiedener hat in Amerika in diesem Jahr eine Zusammenschau verschiedener Mobilfunk-Studien unter dem Titel »Cancer epidemiology update« dafür votiert, hochfrequente Strahlung klar als krebserzeugend für Menschen einzustufen. Kann man unter diesem Aspekt die Vorgabe, es müssten 98 Prozent aller Haushalte diese Strahlung abbekommen, ernsthaft als Fortschritt bezeichnen?

Bestimmt wissen doch aber die Bundesnetzagentur und die Digitalisierungsbefürworter ihrerseits um entwarnende Studien ...
Unbestreitbar ist, dass in der Forschung über die biologischen Auswirkungen der Mobilfunk-Strahlung keine Einmütigkeit besteht. Genau das aber bedeutet ethisch, dass Vorsorge angesagt ist. Vorsicht aber würde die digitale Revolution bremsen, darum passt sie nicht ins Konzept der Mächtigen.

Was würde denn diese Vorsorge für den geplanten Ausbau des neuen »5G«-Mobilfunk bedeuten?
Wissenschaftlergruppen fordern international einen Stopp des »5G«-Ausbaus, bis mehr empirische Daten vorliegen. Exemplarisch verweise ich auf den Internationalen Appell »Stopp von 5G auf der Erde und im Weltraum«, den haben bisher rund 27 000 besorgte Wissenschaftler, Organisationen und Kritiker aus fast hundert Ländern unterzeichnet. Also sollte nicht länger in Politik und Medien so getan werden, als sei die volle »Versorgung« mit »5G« eine rundweg begrüßenswerte und allseits ersehnte Angelegenheit.

Führt denn immer mehr Mobilfunk-Strahlung nicht auch zu vermehrtem Energieverbrauch?
Leider ja – das wird ebenfalls gern unter den Teppich gekehrt. Der Traum, Deutschland solle mit der Digitalisierung und »5G« mit an der Weltspitze stehen, mag rein technologisch und wirtschaftlich einiges für sich haben. Aber man verdrängt und verschweigt dabei gern die Nachteile – von der steigenden Überwachung über den insgesamt wachsenden Verbrauch an Energieressourcen bis hin zu den Gesundheitsgefahren.

Was erwarten Sie in diesen Fragen von der Kirche?
Ich habe die Kirche schon 2012 in meinem Buch »Mythos Mobilfunk – Kritik der strahlenden Vernunft« aufgefordert, sich mehr mit der Thematik zu befassen – ohne Erfolg. Ganz im Gegenteil installieren immer mehr Kirchen WLAN-Hotspots auf oder in ihren Gottesdienstgebäuden, obwohl es hinreichend Indizien dafür gibt, dass WLAN-Strahlung gesundheitsgefährdend ist. Die Kirchen verkennen bisher außerdem fast durchweg, dass mit der weiteren Digitalisierung eine bedenkliche »Ersatzreligion« heraufzieht, mit der sie sich besser nicht befreunden sollten.

Davor warnen Sie in Ihrer aktuellen Broschüre »Die digitale Fortschrittsfalle«. Fühlen Sie sich als Rufer in der Wüste?
Mit der Broschüre bin ich meinem Gewissen gefolgt und habe die notwendigen Warnungen ausgesprochen. Dabei ist mir klar, dass Unheilspropheten selten gern gehört werden.

Pfarrer Dr. Werner Thiede (63) ist außerplanmäßiger Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, wo er seit 2001 lehrt. Thiede ist Autor zahlreicher theologischer Werke. Sein Buch »Der gekreuzigte Sinn. Eine trinitarische Theodizee« (2007) wurde auch ins Spanische übersetzt. Zuletzt erschien von ihm in der Evangelischen Verlagsanstalt das von ihm herausgegebene Buch »Karl Barths Theologie der Krise heute. Transfer-Versuche zum 50. Todestag«. In den letzten Jahren hat sich Thiede verstärkt den Themen Digitalisierung und Mobilfunk zugewandt und unter anderem das Buch »Digitaler Turmbau zu Babel. Der Technikwahn und seine Folgen« (2015) verfasst. In seiner soeben erschienenen Broschüre »Die digitale Fortschrittsfalle« kritisiert er die aktuellen Entwicklungen des »5G«-Mobilfunks und der voranschreitenden Digitalisierung. Er wendet sich auch an die Kirchen: »Tatsächlich ist kirchlicherseits Widerstand angesagt, wenn Menschen durch digitale Geräte und Strukturen massenhaft verführt und kontrolliert werden, in Süchte und Abhängigkeiten geraten und ihre Selbstbestimmung immer mehr zu Gunsten totalitär anmutender Vernetzungszwänge verlieren.«   

Hinweis: Werner Thiede: Die digitale Fortschrittsfalle, pad-Verlag 2018, 90 S., 5 Euro. Portofreier Versand: www.pad-verlag.de.

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Medienbischof der EKD und Kirchenpräsident der EKHN, Dr. Volker Jung, besuchte auf Einladung des EMVD die Frankfurter Buchmesse 2018. Er stellte sein neues Buch »Digital Mensch bleiben« vor.

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