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Das Genie als Sohn

In Ulinka Rublacks Buch »Der Astronom und die Hexe« begegnet uns Johannes Kepler ganz menschlich
Olaf Schmidt
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Am 29. Dezember 1615 erreichte den berühmten Astronomen Johannes Kepler (1571–1630) eine besorgniserregende Nachricht: Seine Mutter war in Leonberg der Hexerei angeklagt worden. Der Prozess zog sich in die Länge, bis sich fünf Jahre später die Lage zuspitzte: 1620 ließ der Herzog von Württemberg die 73-jährige Katharina Kepler ins Gefängnis werfen. Kepler, der gerade sein bahnbrechendes Werk »Die Weltharmonik« vollendet hatte, ließ buchstäblich alles stehen und liegen und von begab sich in die schwäbische Heimat, um die Verteidigung seiner Mutter zu übernehmen.

Es ist merkwürdig, dass sich die Historikerzunft bisher kaum für diese dramatische Episode in Keplers Leben interessiert hat – zumal die Causa für eine mikrohistorische Untersuchung nahezu ideale Voraussetzungen bietet: Die Geschichte der Stadt Leonberg ist gut dokumentiert, sogar die Protokolle des Hexenprozesses sind erhalten geblieben. Aber nun hat sich die gebürtige Tübingerin Ulinka Rublack, die in Cambridge Geschichte der Frühen Neuzeit lehrt, des Falles angenommen. Und was soll man sagen? »Der Astronom und die Hexe« gehört ohne Übertreibung zu den lehrreichsten, spannendsten, lesenswertesten historischen Sachbücher der letzten Jahrzehnte. Denn Rublack erweist sich hier nicht nur als exzellente Kennerin und Interpretin der Quellen, sondern auch als meisterhafte Erzählerin. Sie schildert die Lebens- und Gedankenwelt eines protestantischen Gemeinwesen im frühen 17. Jahrhundert, die juristischen Verfahren, theologischen Argumente, nicht zuletzt die Auswirkungen, die der Prozess auf die Familie Kepler hatte, so anschaulich und einfühlsam, dass der Leser gleichsam zum Augenzeugen der Ereignisse wird.

Übrigens ging die Geschichte gut aus. Johannes Kepler rettete die Mutter vor dem Scheiterhaufen, Katharina Kepler wurde freigesprochen. Aber damit war für ihn der Fall nicht erledigt. Keplers Verhältnis zu seiner Mutter war zwiespältig: Die Starrsinnigkeit, die er ihr zum Vorwurf macht, entdeckt er auch bei sich selbst. Es ist faszinierend, wie Rublack ebenso behutsam wie scharfsinnig Johannes Keplers komplexer Persönlichkeit nachspürt – der uns auf diese Weise nicht nur als genialer Mathematiker und Astronom entgegentritt, sondern auch ganz menschlich als Sohn.

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