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Reden über die Angst

Eine Podiumsdiskussion in Leipzig zur Frage »Gesellschaft vor der Spaltung?«
Von Philine Lewek
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Im Gespräch (v. l.): Stefan Seidel (DER SONNTAG), Gisela Kallenbach (Bündnis 90/Die Grünen) und Prof. Gert Pickel (Universität Leipzig) auf dem Podium im Kirchensaal der Bethlehemgemeinde Leipzig. © Jan Adler

Rund 50 Gäste waren am vergangenen Donnerstag der Einladung des SONNTAG, der Bethlehemgemeinde sowie der AG Christinnen und Christen bei Bündnis 90/Die Grünen Sachsen gefolgt, um über die auseinanderdriftende Gesellschaft ins Gespräch zu kommen.Auf dem Podium betonte Stefan Seidel, Leitender Redakteur des SONNTAG, dass die Spannungen in der Gesellschaft auch von dem zunehmenden ökonomischen Druck herrührten. Durch die »Entbettung« der Wirtschaft aus ihren lebensdienlichen Funktionen im Zuge der neoliberalen Globalisierung sei es zu immer schärferen sozialen Ausgrenzungen und Absturzängsten gekommen. Diese Verunsicherungen suchen sich ein Ventil – derzeit im wachsenden Populismus. Doch der sei eine falsche Antwort, so Seidel. Denn der inszenierte »Kulturkampf« böte keine Lösung für die globalen Ausgrenzungsprozesse, die mittlerweile auch die Mittelklasse bedrohen. Es gelte, die Bedürfnisse nach Anerkennung und Sicherheit ernstzunehmen und Anerkennungsverhältnisse durch eine wirksame soziale Zähmung des Wirtschaftssystems zu sichern. Seidel warb für eine »Kultur der Anerkennung«, so auch der Titel seines vorgestellten Buches.

Der Leipziger Religionssoziologe Gert Pickel berichtete von einer Reise nach Ungarn, wo die Demokratie derzeit schrittweise in eine Autokratie umgewandelt werde. »Als Demokratieforscher habe ich den demokratischen Aufbau in Ungarn Anfang der Neunziger Jahre begleitet«, erzählt er. Umso mehr schmerze es ihn, zu beobachten, wie die demokratischen Errungenschaften langsam abgebaut würden. »Das will ich nicht für Deutschland«, fährt er fort und erntet dafür Nicken aus dem Publikum. Die kulturellen Unterschiede seien heute durchaus eine Herausforderung, weil es ein Nicht-Verstehen des fremdartige Gegenüber gebe. Dabei helfe es, genau hinzuschauen und nicht bei Vorurteilen stehen zu bleiben.

Als die Diskussion mit dem Publikum eröffnet wird, erzählt eine Frau von Rechts-Rockkonzerten in einem kleinen Ort in Thüringen und wie sehr rechtsradikale Akteure dort in der Gemeindestruktur etabliert seien. »Das ist es, was mir wirklich Angst macht!«, sagt sie und reicht das Mikrophon weiter an einen, der sich selbst als »Wutbürger« bezeichnet. Er verachte die gesellschaflichen Eliten hierzulande und empfinde die politische Lage in Polen und Ungarn als »befriedet«. Gert Pickel betonte dagegen, man dürfe nicht die gewaltsame Unterdrückung von Meinungen als Frieden missverstehen.

Am Ende kommt die Frage auf, welche Rolle die Kirche einnehmen könne, um der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Stefan Seidel schlägt vor, Kirche als Ort der Begegnung zu etablieren, an dem Marktkriterien keine Rolle spielen und gegenseitige Anerkennung gelebt werde. Sogleich meldet sich der Pfarrer der Bethlehemgemeinde, Christoph Maier, und lädt zum Begegnungscafé in der nächsten Woche ein. Zwei weitere Einladungen aus anderen Gemeinden folgen. Es entsteht der Eindruck, dass sich schon jetzt in kirchlichen Räumen trotz mancher Unterschiedlichkeit begegnet werden kann.

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