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Frauen mit Stimme

Frauen in der Musik: In ihrem Buch »These Girls« hat Juliane Streich rund 140 Porträts von Musikerinnen gesammelt. Ihre Erfolge sind ­Meilensteine auf dem Weg zur Gleich­berechtigung.
Olaf Schmidt
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Frauen finden ihren Ton: Popstar Nina Hagen beim Berliner »Fest der Kirchen« (l.); die amerikanische Folkmusikerin Joan Baez (M.) und Soulsängerin Aretha Franklin.
Frauen finden ihren Ton: Popstar Nina Hagen beim Berliner »Fest der Kirchen« (l.); die amerikanische Folkmusikerin Joan Baez (M.) und Soulsängerin Aretha Franklin. © epd-bild/Rolf Zöllner (l. u. M.); epd-bild/imageBROKER/Jim West (r.)

Wie kam es zu dem Buch über Frauen, die Musikgeschichte schrieben?
Juliane Streich: Die Idee kam mir, als ich im Internet eine Liste las mit den 30 wichtigsten weiblichen Punkbands. Da dachte ich: Das ist so ein großes Feld, da muss man mal ein Buch drüber machen. Also nicht nur über Punkbands, sondern überhaupt über Musikerinnen, die Vorbilder sein können. Denn das ist ein großes Ziel dieses Buchs: »Role Models« (Rollenvorbilder) zeigen. Fast alle Musikerinnen erzählen nämlich, wie wichtig es für ihr eigenes Schaffen war, dass sie vorher andere Frauen gesehen haben, die Musik gemacht haben.

Es geht also zunächst nicht so sehr um die Musik, sondern darum, dass Frauen Musik machen?
Natürlich geht es auch um die Musik. Aber gerade für junge Frauen spielt es schon eine Rolle, ob da ein Mann oder eine Frau auf der Bühne steht. Auch wenn man das selbst gar nicht merkt. Ich habe im Teenager-Alter vor allem Musik von Männern gehört und es ist mir nicht mal aufgefallen – bis ich irgendwann endlich weibliche Punk- oder Indiebands entdeckt habe und sofort dachte: So etwas will ich auch machen! Das ist dann einerseits an meinen musikalischen Fähigkeiten gescheitert. Aber auch daran, dass die anderen Mädchen im Freundeskreis keine Punkband machen wollten – und die Jungs traute man sich nicht zu fragen.

Stars wie Aretha Franklin oder Whitney Houston haben im Kirchenchor angefangen. Wäre das nicht eine Alternative zur Punktband gewesen?
In meinem Fall nicht. Ich war im Schulchor meiner katholischen Schule, aber vor Chorauftritten bei Gottesdiensten bat mich der Chorleiter, bitte nur leise mitzusingen. Als er mich dann fragte, ob ich vielleicht einfach nur meinen Mund bewegen wolle, verließ ich den Chor. Aretha Franklin hatte da natürlich mehr Erfolg. Sie hat es vom Kirchenchor bis zu Barak Obamas Amtseinführung geschafft – vor zwei Millionen Menschen!

Das war in den USA. Bei uns scheinen Popkultur und Kirche nicht recht zueinander zu finden. Woran liegt das?
Gute Frage. Vielleicht daran, dass Kirchenmusik und Gottesdienstlieder hier oft lahm klingen. In den USA ist da musikalisch viel mehr los. Man höre sich nur Gospel an. Das finden auch Leute gut, die nicht in die Kirche gehen.

Ist das schon Feminismus, wenn Frauen Musik machen?
Es ist auf jeden Fall feministischer, als wenn nur Männer Musik machen. Feminismus bezeichnet ja vor allem eine Bewegung, die grundsätzlich die Gleichberechtigung von Frauen in allen Belangen fordert. Wie unterschiedlich Feminismus verstanden und gelebt wird, kann man in dem Buch sehr gut sehen, da es von Frauen in verschiedenen Zeiten und Genres erzählt. Feminismus ist natürlich sehr offensichtlich, wenn Aretha Franklin »Respect« für Frauen forder. Aber es ist auch feministisch, wenn die Rapperin Lady Bitch Ray über Geschlechtsteile rappt und sich den Begriff der Schlampe, mit dem Männer Frauen beleidigen wollen, aneignet. Oder wenn Amanda Palmer über Themen wie Abtreibung, Fehlgeburt und Mutterzweifel singt, also über Themen, die Frauen betreffen und selten behandelt werden.

Frauen singen auch Schlager. Geht es da nicht eher um traditionelle Geschlechterrollen?
Ja, dort gibt es sehr viele Lieder, in denen die Frau vor allem als begehrenswertes Objekt für den nächsten Geschlechtsverkehr dargestellt wird. Aber es gibt auch Schlager von Frauen, die für ihre Selbstbestimmtheit und Gleichberechtigung eintreten. Schlager ist da eigentlich wie Hiphop.

Auch im Pop ist Geschlechtergerechtigkeit heute längst keine Realität. Was müsste geschehen?
Auf den Bühnen sieht die Geschlechtergerechtigkeit tatsächlich schlecht aus – gerade auf den großen Festivals. Obwohl inzwischen seit Jahren darüber geredet wird, dass mehr Frauen spielen sollten, waren beim letzten »Rock im Park« unter etwa 250 Auftretenden nicht einmal zehn Musikerinnen. Vielleicht hilft da wirklich nur eine Quote. Es gibt aktuell die Keynote-Initiative, die eine 50:50-Frauenquote auf Festivals etablieren will und bei der auch schon einige deutsche Festivals mitmachen. Es ist also möglich. Aber es müsste allgemein ein größeres Bewusstsein geben: Bei Konzertveranstaltern, die Bands buchen, bei Musikjournalisten, die Platten besprechen, bei Clubbetreibern, die einen DJ brauchen, bei Musikern, die gerade eine Vorband oder einen neuen Bassisten suchen. Wieso nicht eine Frau? Es gibt so viele tolle Musikerinnen da draußen. Wir müssen sie nur sichtbar (und hörbar) machen.

Das Gespräch führte Olaf Schmidt

Buchtipp: Juliane Streich (Hg): These Girls. Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte. Mit Illustrationen von Judit Vetter. Ventil Verlag 2019. 340 S., 20 €.

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