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Des Himmels Blüte

Dichtergeburtstag: Am 20. März jährt sich zum 250. Male der Geburtstag Friedrich Hölderlins. Der Schriftsteller Jan Kuhlbrodt erinnert sich an seine erste Begegnung mit ihm.
Von Jan Kuhlbrodt
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Genie des Wortes: Der Dichter Friedrich Hölderlin (1770 1843); Pastellbild, 1792, von Franz Karl Hiemer. © Foto: akg-images

Häufig denke ich über erste Begegnungen nach, wenn etwas aufgrund eines Jahrestages in die Aktualität dringt. Wobei man sagen muss, dass zumindest der Name Hölderlin, seit er mich in der Jugend traf, sich nicht mehr im Unbestimmten verlor, höchstens die Intensität seiner Anwesenheit schwankte. Sätze wie: »So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. […] Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, …« sind mir immer präsent, und jedes Mal, wenn ich mit meinem Land und seinem Zustand hadere, kommen sie mir ins Gedächtnis.

Der zitierte Satz entstammt Hölderlins Briefroman »Hyperion«, den ich mit Siebzehn zum ersten Mal las und vor dem ich etwas Angst hatte, weil ich dachte, ein Briefroman würde mich überfordern, zu kompliziert sein und auch langweilig. Aber ich sog ihn förmlich ein, fand mich selbst in der Zerrissenheit des Protagonisten wieder. Und ich selber saß ja auch in einem Land, mit dem ich haderte. Später dann, als ich einmal nach Griechenland flog, steckte der Hyperion in der Beintasche meiner Cargohose, und ich packte ihn aus, als ich auf dem Athener Platz Ex Archia saß, dem Treffpunkt der griechischen Anarchisten. Es war ein kleines Gefühl des Triumphes, denn es war meine erste Auslandsreise, nachdem sich mein enges Geburtsland, die DDR, in Nichts aufgelöst hatte, ich mich allerdings damit abfinden musste, zu den Deutschen zu gehören. »… ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstükelt untereinander liegen, …« Etwas allerdings hatte ich Hölderlin in diesem Moment voraus: Ich war in Griechenland. Was aber war meine erste Begegnung mit einem Hölderlintext, oder meine erste Begegnung mit Hölderlin, also der Gestalt des Dichters? Wahrscheinlich war es »Hälfte des Lebens«, weil das ein Filmtitel war, und ich mir, als ich den Film gesehen hatte, eine Reclam-Gedichtausgabe besorgt und das Gedicht herausgeklaubt hatte.

Es gehört nach wie vor zu meinen Lieblingsgedichten, allein seiner Doppelbedeutung wegen. Dieses unvermittelte Ende in der herbstlichen Naturkulisse mit Schwänen und Obst. »Im Winde klirren die Fahnen!« Da wird aus der Melancholie plötzlich ein Schrecken. Als ende hier das Naturgedicht und mit ihm die Natur. Aber woher diese Fahnen und warum klirren sie? Stehen sie schon im Winter, sind sie vereist? Ewiger Frost? Oder sind sie als Zeichen einer weltlichen, politischen Macht ohnehin aus Metall? Ragt hier also etwas in die Natur, in das herbstliche Sterben, das den natürlichen Zyklus, dass die Wiedererweckung im Frühling verhindert? Und warum Hälfte des Lebens? Konnte Hölderlin um das eigene Schicksal wissen, konnte er wissen, dass er ungefähr die Hälfte seines Lebens mit einer psychischen Erkrankung kämpfen würde? Kämpfte er überhaupt? Wenn man den Briefband der Hölderlingesamtausgabe zur Hand nimmt, reduzieren sich die letzten Briefe, die er an die Mutter und die Geschwister schreibt, auf karge Sätze, die einen Dank ausdrücken, der so formelhaft ist, dass man ihn schwer als empfunden bezeichnen kann.

Am Ende des Films sehen wir einen erschöpften Hölderlin, auch einen, dessen Liebe zu Frau Gontard sich nicht erfüllen wird. Aber das war das Ende des Films und die Mitte von Hölderlins Leben. Dem gingen andere freudvolle und ausgelassene Momente voraus, und es waren auch diese, die mein Bild von ihm prägten. Und die sich in Gedichten finden wie dem, das so anhebt:

Gang aufs Land

Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte

Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,

Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,

Und von trunkener Stirn höher Besinnen entspringt,

Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen,

Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.

Hölderlin trägt für mich immer ein wenig die Züge des jungen Ulrich Mühe, der im Film, französische Revolutionslieder singend, mit seinem Freund Isaac von Sinclair wild tanzte, einen Blick auf die Kinder der Familie Gontard gerichtet. Es waren die Frankfurter Jahre des Dichters, und er war als Hauslehrer angestellt. Vielleicht waren es seine glücklichsten Jahre, weil er mit Freunden durch den Taunus zog und weil er seinen Tübinger Kumpel Hegel aus dessen Basler Unglück rettete, indem er ihm auch eine Hauslehrerstelle in der Mainmetropole besorgte. Der Clou ist, dass in dieser mehr oder weniger ausgelassenen Situation, in den Gesprächen der beiden ehemaligen Tübinger Seminaristen ein Gespinst aus Philosophie und Poesie entwickelte, das in seiner Bedeutung epochal zu nennen, wahrscheinlich noch zu kurz griffe.

Jan Kuhlbrodt, geboren 1966 in Karl-Marx-Stadt, studierte u.a. Philosophie in Frankfurt a.M. sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er schreibt Essays, Theater­stücke und Romane. Gerade ist sein Gedichtband »Die Rückkehr der Tiere« im Verlagshaus Berlin erschienen.

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