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Durch die Nacht ein Riss

Kunst: In einer Berliner Kirche gibt es seit zehn Jahren künstlerische Altarverhüllungen in der Passionszeit. Dieses Jahr inszeniert der Künstler Klaus Killisch das Geheimnis des Glaubens an den Auferstandenen.
Von Stefan Seidel
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Blick in die Paul-Gerhardt-Kirche Berlin auf die künstlerische Altarbildverhüllung des Künstlers Klaus Killisch mit dem Titel »Glaube.Liebe.Revolution«. © Foto: Markus Rheinfurth

Wer in diesen Tagen die Paul-Gerhardt-Kirche in Berlin-Prenzlauer Berg betritt – die Kirche ist nachmittags für einzelne Besucher offen –, wird, irritiert und fasziniert, angezogen vom Altar. Ein blauer Blitz geht quer durch das Altarbild und erleuchtet es. Dahinter schimmert schemenhaft der auferstandene Christus mit dem österlichen Siegesgruß. Doch er ist nur als Kontur zu sehen, verwoben in mehrere Schichten, was man beim näheren Betrachten erkennen kann. Textausschnitte sind hinter ihm versammelt, Farbexplosionen verwischen seine Gestalt und alles wird zerschnitten von dem blau leuchtenden Strahl. Ein Schnitt in der Zeit? Ein »O Heiland reiß die Himmel auf«? Ein Durchbruch, eine Ankündigung des großen Sieges über den Tod? Ein Riss, ein Spalt, durch den die leuchtende siegreiche Auferstehungswirklichkeit Christi durchleuchtet?

Es muss sich wohl auf dem Weg solcher Fragen diesem Kunstwerk Klaus Killischs genähert werden. Denn es will eine Verhüllung sein, keine Vereindeutigung. Als diesjähriger Beitrag für die künstlerische Altarverhüllung der Berliner Paul-Gerhardt-Kirche soll es gewohnte Ansichten aufbrechen und sich auf das Kommende vorbereiten.

Mit der besonderen Aktion der Altarverhüllung betraut die Kirchgemeinde seit nunmehr zehn Jahren zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler. Sie sollen an die mittelalterliche Kirchentradition der Altarverhüllung mit Fastentüchern in der Passionszeit anknüpfen und das eigentliche Altarbild des Auferstandenen von Gerard Noack (1910) künstlerisch verhüllen. »Für die kommenden vierzig Tage der Passionszeit ist der zum Gottesdienst versammelten Gemeinde der Blick auf das Bild des sieghaften Christus versperrt. Vierzig Tage ohne das zum Bild gewordenen Versprechen, der Tod habe das letzte Wort nicht. Vierzig Tage leben müssen mit dem in Zweifel gezogenen Sieg über die Abgründe. Vierzig Tage schmerzhafte Abwesenheit der ins Bild gesetzten Gewissheit, dass das Leben siegt. Vierzig Tage standhalten müssen, dass alle Sicherheiten fragwürdig sind«, fasst Christhard-Georg Neubert den Sinn der künstlerischen Altarverhüllung in dem soeben erschienenen Buch »Passion« zusammen, in dem alle bisherigen Altarverhüllungen abgedruckt und meditiert werden.

Dabei waren schon höchst unterschiedliche Kunstwerke am Altar zu sehen: Von dem Werk »Himmel über Kreuz« Sabine Herrmanns (2011), das mit dem Stilmittel übereinander geschichteter Farbflächen arbeitet, über Michael Morgners »Fastentuch« (2012), das Wunden und Narben von Menschen darstellt in einem großen Schmerzens-Mosaik bis zu Katharina Grosses überdimensioniertem violetten Vorhang, der über den Altar bis hinein in den Kirchenraum wallt und den Titel »Gebete erfinden« trägt (2014). Sie alle sollen »eine Sehnsucht auslösen nach dem, was wir wirklich brauchen«, so Neubert. Er wünscht sich, die verhüllenden Bilder mögen dazu beitragen, »das Geheimnis des Glaubens zur Anschauung zu bringen.«

Klaus Killisch ist dabei in diesem Jahr der erste, der am deutlichsten das eigentlich zu verhüllende Christusbild Gerard Noacks verfremdend in Szene setzt. Der sieghaft Christus tritt dabei schon vor Augen, wird aber noch gehalten von Kräften und Kämpfen, von Licht und Schatten, von Texten und Fesseln – und doch beginnt all das schon schrittweise in den Hintergrund zu treten, obwohl es noch in verwirrender Gleichzeitigkeit vor Augen steht. Ein Riss geht durch das Geschehen.

Ein Jesuswort steht vor Augen: »Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie ein Blitz« (Lukas 10,18). Oder die Szene der Berufung des Paulus vor Damaskus, als er plötzlich von einem hellen Licht vom Himmel umleuchtet und geblendet wurde. »Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.«

Das Kunstwerk Killischs trägt den Titel »Glaube. Liebe. Revolution«. Als Bildgrund dient ihm eine Collage verschiedener revolutionärer Texte ausschnitte – Bibelstellen, das Kommunistische Manifest, Aufrufe des Neuen Forums sowie ein Ausriss aus »Dialektik der Aufklärung« von Horkheimer und Adorno. Damit wolle Killisch auch jenen Oppositionsgruppen ein Denkmal setzen, die sich 1989 in der Paul-Gerhardt-Kirche trafen und deren aktivistisches Denken der Tat sich herleitete aus christlicher Botschaft, schreibt Christoph Tannert im Buch. Die Texte sollen die umwandelnde und revolutionäre Kraft des Christusgeschehens darstellen, so Tannert. Doch alles wird überzogen, durchkreuzt, überblendet von dem blauen Blitz. Dieser solle, so Tannert, dem Betrachter vermitteln, »dass das Herauslösen eines Individualschicksals aus Erstarrung möglich ist, also das, was ist, nicht bleiben muss, wie es ist«. Man wird neu getroffen vom Licht Christi.

Buchhinweis: S. Hermann u.a. (Hg.): Passion. Altarverhüllungen in der Paul-Gerhardt-Kirche. Distanz Verlag 2020, 144 S., 34,90 Euro.

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