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Hoffnungsschimmer

Textauszug aus dem neuen Roman »Drei Leben«
Fabian Vogt
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Stell dir vor, es gäbe dich mehrfach und du könntest für einige Jahre, sagen wir, gleich drei Leben ausprobieren. Würdest du es wagen? Auch, wenn du wüsstest, dass du dich am Ende für eines davon entscheiden musst?« Jasper tauchte den winzigen Löffel in seinen Cappuccino, während zu seinen Füßen eine vorwitzige Taube nach heruntergefallenen Krümeln suchte.

Isabella starrte ihn an. »Ich verstehe nicht mal deine Frage. Wie meinst du das? Ich soll das ausprobieren?«

Ihr Gegenüber konzentrierte sich weiter auf das Muster, das er durch sein Rühren auf dem Cappuccino erzeugte.

»Machen wir doch mal ein kleines Gedankenexperiment: Angenommen, es wäre möglich, dich zu verdreifachen. Dafür zu sorgen, dass du dreimal existierst. Parallel …«

»Das ist Quatsch!«

Jasper schüttelte sanft den Kopf. »Entspann dich und betrachte das Ganze als Spiel. In Ordnung? Als Imagination. Und dann überlege dir, wie das für dich wäre: Für einen gewissen Zeitraum existieren drei Isabellas parallel, drei identische Personen, die drei Lebensmodelle nebeneinander ausprobieren können. Die eine dies, die andere das, und die dritte wieder etwas ganz anderes. Würde so eine Konstellation dein Problem lösen?«

Isabella fixierte das Stück Käsekuchen, das sie bei der Kellnerin bestellt, aber noch nicht angerührt hatte. »Du machst dich über mich lustig, richtig?«

Der junge Mann nahm einen Schluck aus seiner Tasse. Dann sagte er: »Es geht doch, wie gesagt, erst mal nur um eine Vision. Also: Lass deiner Phantasie freien Lauf. Schaffst du das? Gut! Und jetzt noch mal: Würde eine solche Konstellation dein Problem lösen?«

Isabella nickte, ein bisschen widerwillig. »Ja … ja, ich denke schon. Ich versuche halt gerade, mir diese verrückte Konstellation irgendwie vorzustellen. Aber ja, ich vermute, dass mir so ein dreifaches Dasein enorm helfen würde. Dann wäre ich zumindest nicht mehr so zerrissen – und könnte jede meiner Identitäten tatsächlich etwas Eigenes ausprobieren lassen. Ich habe dir ja gerade erzählt, was mich beschäftigt. Und ich wüsste dann irgendwann viel genauer, welcher dieser Entwürfe für mich der richtige ist.«

Für einen kurzen Moment huschte ein zufriedenes, ja fast triumphierendes Lächeln über Jaspers Gesicht, dann lockerten sich seine Züge wieder.

»Das heißt: Wenn dir jemand ein solches Angebot machen würde, würdest du es annehmen?«

Isabella antwortete sofort: »Ja!«

Jasper wischte sich den Milchschaum von den Lippen, bevor er leise weiterredete. »Vorsicht! Denk bitte erst in Ruhe darüber nach. Wir sprechen hier über ziemlich unkonventionelle Überlegungen …«

Die Studentin unterbrach ihn, während ihr Blick auf eine ihrer mit mehreren Pflastern übersäten Hände fiel: »Was hast du damit gemeint, dass ich mich am Ende für eines der drei Leben entscheiden müsste?«

Jasper deutete grinsend mit dem Finger auf sie: »Du kommst gerne schnell auf den Punkt, hab’ ich Recht? Aber gut, ich versuche mal, dir zu erklären, worum es geht. Wenn ich dich richtig verstanden haben, möchtest du herausfinden, welches von drei attraktiven Lebenskonzepten am besten zu dir passt und dir hilft, ganz du selbst zu sein. Mein Vorschlag lautet: Probiere sie alle eine Zeit lang aus, damit du die Antwort findest. Es geht aber nicht darum, dich insgesamt dreimal leben zu lassen, das wäre eine völlig andere Sachlage. Wir wollen nur dafür sorgen, dass du entdeckst, welche der Isabellas, die in dir angelegt sind, du werden möchtest. Richtig? Und darum müsste so ein Experiment zeitlich beschränkt sein auf … na, zum Beispiel … sieben Jahre.«

»Warum denn sieben Jahre?«

Jasper machte eine Verlegenheitsgeste mit dem rechten Arm: »Na, was weiß ich, vielleicht, weil es schon immer den Mythos gibt, dass das menschliche Leben sich in Sieben-Jahres-Zyklen abspielt. Viele Soziologen sind sich sogar sicher: Alle sieben Jahre beginnt eine neue Lebensphase. Das heißt nicht, dass man dann alles über den Haufen werfen muss, aber die meisten Menschen machen die Erfahrung: Nach sieben Jahren verändert sich in unseren Lebensläufen etwas fundamental, neue Prioritäten tauchen auf und oftmals entsteht eine unerwartete Aufbruchsstimmung. Ist ja auch egal, jedenfalls ist die Sieben nicht nur bei den Anthroposophen, sondern auch bei den Philosophen und in der Bibel eine heilige Zahl. Deshalb legen wir einfach fest: Das Experiment dauert sieben Jahre.«

»In Ordnung, und was passiert nach diesen sieben Jahren?«

»Tja, nach sieben Jahren wirst du ausreichend Zeit gehabt haben, deine drei Lebensträume zu testen. Und dann wirst wohl in der Lage sein, zu entscheiden, welchen davon du dauerhaft fortführen möchtest.«

Isabella beugte sich vor: »Ach so, und dann könnte ich wählen, welchen Weg ich weitergehe?«

»Exakt. Und die beiden anderen Isabellas würden wieder verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Das wäre sozusagen Teil des Arrangements.«

Die junge Frau probierte ein Stück von ihrem Käsekuchen und zog dann fragend die Augenbrauen hoch. »Warte mal! Bist du Hypnotiseur? Hilfst du Leuten mit Phantasiereisen Dinge auszuprobieren, die sie sonst nicht realisieren könnten?«

So, wie er es schon bei ihrem ersten Zusammentreffen auf dem Friedhof getan hatte, ignorierte Jasper auch diesmal ihre Frage und sprach unbeirrt weiter: »Also, zwei von euch sind dann nicht mehr da. Das ist das erste. Es gibt aber noch weitere Bedingungen.«

Bevor Isabella nachhaken konnte, fing er an, sie aufzuzählen und bei jedem Punkt einen Finger aufzurichten: »Erstens: Ihr müsst direkt nach der … nennen wir es mal ‚Metamorphose‘ … auseinandergehen. Aber keine Sorge, ich werde mich um alles Nötige kümmern. Zweitens: Ihr dürft in den sieben Jahren keinen Kontakt zueinander haben. Und drittens: Ihr müsst euch am Ende des Experimentes für drei Tage, für ein Wochenende, treffen, um miteinander sorgsam zu prüfen und zu entscheiden, welche von euch zukünftig weiterleben soll.«

Er rieb sich mit der Hand über die Wange und ließ seinen Blick über den großen Platz in der Fußgängerzone streifen, der an diesem Nachmittag voller einkaufswütiger Menschen war. »Ich sage das so deutlich, damit es nachher keinerlei Missverständnisse gibt. Also: Sind dir die Rahmenbedingungen klar?«

Isabella hatte noch Kuchenkrümel im Mund und antwortete kauend: »Moment mal! Ist das alles noch das lustige Gedankenspiel oder machst du mir jetzt ein konkretes Angebot?

Und wenn ja: Wie funktioniert das jetzt? Mit Hypnose? Oder arbeitest du mit psychoaktiven Substanzen, mit bewusstseinsverändernder Meditation oder mit Klarträumen? Ich meine: Wie muss ich mir diese drei Leben konkret vorstellen?«

Jasper zog die Augenbrauen hoch: »Es wird real sein. Mehr will ich dir dazu nicht sagen. Und hör bitte auf, mich zu fragen. Das hilft uns beiden nicht weiter. Glaub mir!«

Isabelle legte ihre Kuchengabel mit einem lauten Klirren zurück auf den Teller. »Na, hör mal, du willst mit mir irgendwelche kruden Menschenversuche anstellen, und ich soll nicht mal fragen dürfen, was du da genau mit mir vorhast? Das ist ja wohl absurd! Auf so einen Schwachsinn lass ich mich auf keinen Fall ein.«

Jasper erhob sich und nickte ihr freundlich zu. »Dann kann ich dir leider nicht weiterhelfen.«

Er legte zehn Euro auf den Tisch und wandte sich ab.

Im Weggehen sagte er noch: »Aber denk daran, dass du jetzt schon tot im Main treiben würdest, wenn du nicht an die drei Leben gedacht hättest.«

»Hey, halt, woher weißt du das?« Isabella hatte so laut gerufen, dass sich an mehreren der Bistrotische weitere Gäste des Cafés neugierig oder verstört nach ihr umschauten.

Wütend sprang sie auf, rannte hinter Jasper her, packte ihn am Arm und zischte noch einmal: »Woher weißt du das? Das habe ich dir nicht erzählt.«

Sie zog den jungen Mann mit festem Griff zu dem spätbarocken Springbrunnen in der Mitte des Liebfrauenplatzes, so dass sie im Schatten des zentralen Obelisken stand und nicht von der Sonne geblendet wurde. »Los, sag schon!«

Jasper schien unbeeindruckt: »Es gibt Dinge, die kann ich dir nicht erklären. Entweder du vertraust mir …«

Ihr Griff wurde noch fester: »Woher weißt du, dass ich in den Main springen wollte? Hast du mich beschattet?«

Der jungenhafte Mann verengte seine Augen zu schmalen Schlitzen. »Nein, das habe ich nicht. Und mehr wirst du von mir nicht erfahren. Mit dem, was ich dir anvertraut habe, betreten wir einen Bereich der Wirklichkeit, in dem nicht mehr alles nach den liebgewordenen Gesetzen der Logik funktioniert. So wie auch die Hoffnung oder die Zuversicht nicht logisch sind. Du musst entscheiden, ob du dich auf mein Angebot einlassen möchtest oder nicht. Und tu mir einen Gefallen: Lass bitte meinen Arm wieder los. Ich bekomme sonst blaue Flecke.«

Isabella löste ihre Hand und zog sie zurück. »Warum kannst du mir nicht sagen, wie das Ganze funktioniert? Und woher du von meinem Erlebnis auf dem Eisernen Steg weißt?«

Jasper lehnte sich auf den breiten Rand des Brunnens, dessen Sockel mit Delphinen und Flussgöttern verziert war. »Hier, guck dir diese Figuren an. Vielleicht haben mir ja die Flussgötter aus dem Main zugeflüstert, was dich bewegt. Nein, das stimmt natürlich nicht. Es ist nur einfach so: Es gibt die Wirklichkeit der Definitionen und Zahlen – und es gibt die Wirklichkeit des Vertrauens. Glaub mir: In beiden Dimensionen kann man sich verlieren. Einige gewitzte Philosophen behaupten sogar, dass das gesamte Leben nur darin besteht, zwischen diesen Wirklichkeiten abzuwägen. Eine hohe Kunst. Tatsache ist: Für dich gilt jetzt und hier: Ich habe keine Zahlen und Definitionen für dich, also auch keine Erklärungen oder Gebrauchsanleitungen. Du kannst mir vertrauen oder nicht!«

Isabella merkte, dass ihr Atem wieder schneller wurde und sie Herzrasen bekam: »Du meinst das ernst, oder? Du meinst das wirklich ernst?

Wer … verdammt noch mal … bist du?«

Sie möchten wissen, wie sich Isabella entscheidet? Lesen Sie die ganze Geschichte in Fabian Vogts neuem Roman: Drei Leben

Fabian Vogt: Drei Leben. Roman edition chrismon 2020, 232 Seiten, Hardcover, EUR 18,00

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