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Dichter, Denker, Direktoren

Porträts deutscher Juden – Auszug aus dem aktuellen Buch von Ekkehard Vollbach
Ekkehard Vollbach
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Levi Strauss, um 1880. Foto: Wikimedia Commons, Licence: Public domain

Der in die Vereinigten Staaten übergesiedelte Textilfabrikant Levi (Löb) Strauss (1829–1902) gilt gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Jacob Davis als Erfinder der Jeans. Er war überzeugt: »Jeans sind eine Einstellung und keine Hose.«

Am 26. Februar 1829 wurde Hirsch Strauss und seiner Frau Rebecca als jüngstes Kind ein Sohn geboren. Sie gaben dem Knaben den Namen Löb (jiddisch für Löwe). Als Löb 17 Jahre alt war, starb sein Vater an Tuberkulose, was die Familie auch in finanzielle Nöte brachte. Um dem wirtschaftlichen Elend zu entgehen, beschloss Mutter Rebecca, mit ihren Kindern Löb, Mathilde und Fanny (Vögele) nach Amerika auszuwandern. In New York lebten zu diesem Zeitpunkt bereits die beiden ältesten Söhne von Hirsch Strauss, Jonas Jonathan und Louis (Lippmann/Liebmann/Lippman).

Die Überfahrt nach Amerika mit dem Segelschiff kostete für einen Erwachsenen, im Zwischendeck reisend, 40 rheinische Taler oder 80 Gulden. Für diesen Betrag musste im Jahr 1847 ein Handwerksgeselle ein ganzes Jahr lang arbeiten. Wie Rebecca die »Reise« nach Amerika für sich und ihre Kinder finanzierte, ist leider nicht bekannt. Die Fahrt mit dem Segelschiff über den Atlantik war wirklich kein Vergnügen. Sie dauerte etwa sieben bis zwölf Wochen. Wegen der miserablen hygienischen Zustände an Bord erkrankten viele Ausreisende und starben. Die meisten Schiffe steuerten die Ostküste der Vereinigten Staaten an.

Über Löbs erste Jahre in der neuen Heimat wird Unterschiedliches erzählt. Manche berichten, Löb hätte die Ranch seines Onkels Daniel Goldmann in Louisville (Kentucky) aufgesucht, um die englische Sprache zu erlernen und die Ranch vielleicht auch später übernehmen zu können. Offensichtlich wurde daraus nichts, denn er reiste einige Jahre durch Kentucky und verkaufte als ambulanter Händler Stoffe und Kurzwaren. Andere Biografien erwähnen die Geschichte von der Ranch des Onkels mit keinem Wort. Nach deren Bericht arbeitete Löb im Geschäft seiner Brüder mit, die außer einem Laden in New York einen kleinen Großhandel betrieben, indem sie kleineren Geschäften in der Region Kleider und Tuche verkauften.

1851 beantragte Löb die amerikanische Staatsbürgerschaft, denn er hatte nicht vor, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Gleichzeitig änderte er seinen Vornamen Löb in Levi. Aus welchem Grund er dies tat, weiß man heute nicht.

Es war die Zeit des Goldrauschs in Amerika. »Go West!« lautete die Devise der Goldsucher, Glücksritter und Geschäftemacher. Sich auf diese Reise zu begeben war nicht ungefährlich. Wenn alles gut verlief, benötigte man ein knappes Jahr für die Fahrt mit dem Planwagen. Meist fuhr man in einer Kolonne, die oft Dutzende Planwagen umfasste. Goldsucher, die nach dem beschwerlichen Treck in Kali­fornien ankamen, stellten enttäuscht fest, dass die einfach im Fluss zu findenden Goldstücke längst ihre Besitzer gefunden hatten. Sie mussten nun, wollten sie Gold finden, zu Hacke, Schaufel und Spaten greifen und in schweißtreibender Arbeit Gruben ausheben und Stollen graben, um vielleicht mit etwas Glück das edle Metall zu erhalten.

Levi wollte das nicht, als er sich 1853 gen West auf den Weg machte. Seine Brüder hatten ihm Segelstoffballen (als Ersatz für unbrauchbar zerrissene Wagenplanen), Stoffe und Kleider überlassen. 1854 traf er in San Francisco ein. Dort eröffnete Levi zusammen mit seinem Bruder Louis Strauss und seinem Schwager David Stern einen Handel für Kurzwaren und Stoffe. Levi fuhr auch zu den Camps der Goldgräber, um dort seine Ware feilzubieten. Dabei sah er, dass die Goldschürfer oft mit zerfetzten Hosen herumliefen. Der harten und strapaziösen Arbeit waren die normalen Hosen einfach nicht gewachsen. Darum fragte ein Kunde den Händler Strauss, ob er ihm nicht eine stabilere Hose verkaufen könne. Levi erkannte schlagartig, dass sich hier eine Marktlücke auftat. Er wählte braunen Zeltstoff, tüftelte einen bequemen Schnitt aus und schneiderte eine hüfthohe Hose mit Hosenträgern, die große Taschen hatte. Sie war nicht chic, aber bequem zu tragen und vor allem strapazierfähig. Die Kunde von der haltbareren Hose verbreitete sich schnell. Das Geschäft boomte.

Bald wurden das Segeltuch und andere robuste Stoffe knapp und Levi musste sich nach brauchbarem Ersatz umsehen. Ab 1860 nähte man die Hosen aus einem Stoff, der in Nîmes (Frankreich) produziert wurde. Aus »de Nîmes« wurde umgangssprachlich »Denim«. Nun waren die Hosen nicht mehr braun, sondern blau, da der Denim-Stoff blau eingefärbt wurde, damit Flecken nicht so schnell sichtbar waren. Aber das waren noch nicht die berühmten Jeans, die wir kennen.

Um von denen zu reden, muss der Mann vorgestellt werden, der die Idee mit den Nieten hatte, nämlich Jacob W. Davis, der eigentlich Jacob Youphes hieß, 1834 in Riga geboren wurde und von Beruf Schneider war. Kunden fragten ihn nach Hosen, bei denen nicht laufend die Nähte aufrissen. Und Davis kam auf die Idee, die besonders beanspruchten Ecken der Hose mit Kupfernieten zu verstärken. Davis befürchtete, dass die Konkurrenz seine Idee bald kopieren werde, darum wollte er sie zum Patent anmelden. Da er das Geld dafür aber nicht hatte, schrieb er 1872 an Levi Strauss & Co., die Firma, von der er Tuch (Denim) bezog, und bat um Hilfe bei der Patentanmeldung. Levi erkannte sofort das Potenzial. Am 20. Mai 1873 erhielten Jacob Davis und Levi Strauss das vollständige US-Patent auf die Erfindung der Nietenhosen.

Um seine Produkte von denen der Konkurrenz zu unterscheiden, nähte Davis die Hosen mit einem doppelten orangefarbigen Faden. Auch dieses Verfahren wurde patentiert. Davis leitete nun die Hosenproduktion der Firma Levi Strauss & Co. Und warum heißen die Jeans nun Jeans? Der robuste blaue Stoff aus Nîmes wurde vom italienischen Hafen Genua aus nach den USA verschifft. Genua heißt im Französischen Genes. Das wird in den USA so ausgesprochen, dass es wie »Dschiens« klingt – die Geburtsstunde der »Jeans«. 1890 begann man, alle Hosenmodelle der Firma mit Registriernummern zu versehen. Die Arbeitshose mit dem geraden Schnitt und der verdeckten Knopfleiste erhielt die Nummer 501.

Ende des Jahrhunderts zog sich Levi Strauss aus seiner Firma zurück und überließ seinen vier Neffen die Betriebsführung, denn er selbst hatte keine Kinder. Den weltweiten Siegeszug der Jeans erlebte er nicht mehr. Am 26. September 1902 starb Levi Strauss in seinem Haus in San Francisco.

Jüdische Frauen und Männer des 19. Jahrhunderts haben unsere Kultur nachhaltig geprägt. Das Buch, aus dem hier in Auszügen ein Beitrag abgedruckt ist, stellt zwanzig jüdische Persönlichkeiten vor. Es zeigt damit, dass jüdisches Leben gestern wie heute unverzichtbarer Teil unserer Kultur ist. Der Autor, Ekkehard Vollbach, war Pfarrer, Jugendpfarrer und Superintendent. Ab kommender Woche stellen wir Ihnen an dieser Stelle ein weiteres Buch aus dem Verlagsprogramm vor, Sie dürfen gespannt sein!

Aus dem Buch: Ekkehard Vollbach: Dichter, Denker, Direktoren. Porträts deutscher Juden. Edition Chrismon 2020.

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