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Die ALTernative

Plädoyer für eine sonnige Zukunft von Franz Alt
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Franz Alt
Franz Alt © Axel Thomae

Auch wenn gerade eine Kaufprämie für alle Autotypen diskutiert wird – bald fährt die Welt elektrisch, digital und autonom, hofft Franz Alt. Doch wir brauchen nicht nur eine Verkehrswende, sondern ein viel größeres Umsteuern. Mit dem heutigen auszugsweisen Abdruck endet die Vorstellung seines Buches »Die ALT-ernative«.

Der »Ruin der Autoindustrie« ist gebetsmühlenartig das ewige Schreckgespenst, das die deutschen Autobauer beschwören, wenn es um umweltfreundlichere oder sichere Autos geht. Schon in den 1970er Jahren galt ihnen bleifreies Benzin als Teufelszeug. Danach die Anschnallpflicht. Dann der Drei-Wege-Katalysator. Der damalige VW-Chef meinte gar: »Kein Mensch fährt noch Auto, wenn man sich anschnallen muss«. Später wetterten die Auto-Bosse gegen Partikelfilter in Dieselfahrzeugen. Inzwischen wissen wir: Alle diese Vorschriften haben die deutschen Autobauer nicht nur überlebt, sondern danach immer noch mehr Autos verkauft. Heute fahren 45 Millionen PKWs über deutsche Straßen – so viele wie noch nie.

Was die deutsche Autoindustrie aber bald wirklich ruinieren könnte, ist ihre eigene Verschlafenheit bei notwendigen Zukunftsinvestitionen. Nachdem die EU jetzt aber überraschend verschärfte CO₂-Emissionen für die gesamte Flotte eines Autokonzerns vorgeschrieben hat, müssen die hiesigen Autobauer endlich aufwachen, wenn sie von der ausländischen Konkurrenz nicht endgültig abgehängt werden wollen. Bis 2030 soll ein in Europa verkauftes Auto 37 Prozent weniger CO₂ ausstoßen als heute. Schon 2021 heißt das: vier Liter Benzin oder 3,6 Liter Diesel. Dieses Ziel wird nur durch die Produktion und den Verkauf von vielen E-Autos zu erreichen sein. Sie drücken natürlich den Durchschnittsverbrauch.

Fachleute gehen davon aus, dass durch die notwendigen Innovationen bis 2030 ein PKW etwa 900 Euro teurer sein wird als heute, was jedoch durch weniger Benzinverbrauch mehr als kompensiert werden kann. Autofahren wird billiger. Der volkswirtschaftliche Vorteil: weit weniger Ölimporte. Die Unternehmensberatung McKinsey geht davon aus, dass 2030 auf deutschen Straßen sechs Millionen Elektroautos unterwegs sein und 3,6 Millionen Ladestationen errichtet sein werden. Die meisten privat. Die ganze Welt fährt bald elektrisch.

2019 wird in Deutschland wieder einmal über Tempolimit auf Autobahnen diskutiert und gestritten. Die ersten Filme zu diesem Thema haben wir in der ARD vor 40 Jahren produziert. Ein Tempolimit von 130 Kilometer pro Stunde gibt es in ganz Europa, bis auf die kleine britische Insel Isle of Man und Deutschland. Nur bei uns und in einigen wenigen anderen Ländern wie Nordkorea, Afghanistan und Somalia gilt: »Freie Fahrt für freie Bürger« mit entsprechend hohen Verkehrstotenzahlen auf Autobahnen. Wo bleiben bei diesem Thema der gesunde Menschenverstand und die Verantwortung? Und wo das Gebot »Du sollst nicht töten«? Das fünfte Gebot ließ dem Schweizer Verkehrsminister Moritz Leuenberger keine Ruhe. Den Sozialdemokraten trieben die 600 Toten pro Jahr auf Schweizer Straßen um. Er fragte sich: Wie kann ich als Verkehrsminister Todesfälle verhindern?

Leuenberger führte ein Tempolimit ein: 120 Kilometer pro Stunde auf Autobahnen, 80 auf Landstraßen und 50 innerhalb geschlossener Ortschaften. Ergebnis: 2017 fiel die Zahl der Toten auf 230 und in der ersten Jahreshälfte 2018 auf 100. Die Schweizer Straßen gehören heute zu den sichersten der Welt. Warum stellen sich deutsche Verkehrsminister, die seit Jahrzehnten ein »C« in ihrem Parteinamen haben, nicht dieselbe Frage?

1. Bis 2050 spätestens müssen die Treibhausgas-Emissionen auf null zurückgefahren werden.

2. Alles, was neu gebaut wird, muss emissionsfrei sein. Zum Beispiel durch mehr Holzbauten.

3. Ab sofort darf der Bau von Kraftwerken nur dann zugelassen werden, wenn diese erneuerbare Energien nutzen. Die heutigen Milliarden-Subventionen für Treibhaus-Dreckschleudern streichen.

4. Ab 2025 dürfen nur noch E-Autos neu zugelassen werden oder Autos mit anderen CO₂-freien Motoren.

5. Dass das geht, hat Kalifornien schon in den 1990ern bewiesen, indem es Quoten für E-Autos einführte. China, der größte Automarkt der Welt, führt solche Quoten ab 2019 ein. Jetzt müssen alle anderen folgen.

6. Neue Industrieanlagen sollten ab 2025 frei von CO₂-Emissionen sein. Ein Zeitplan, ab wann nur noch emissionsfreie Technologien verkauft werden dürfen, wird global die notwendigen Innovationen antreiben.

7. Etwa 25 Prozent der jährlichen Treibhausgas-Emissionen sind auf die Produktion von Lebensmitteln zurückzuführen – besonders auf Fleischprodukte. Deshalb sollten alle die Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) beachten. Diese schlagen vor, den Fleischkonsum zunächst zu halbieren und dann zu dritteln. Dies hilft, Übergewicht und Bluthochdruck vorzubeugen, verlangsamt den Klimawandel und senkt die Stickstoffbelastung des Grundwassers.

8. Wir müssen den öffentlichen Verkehr stark ausbauen. Mehr Skype-Konferenzen statt persönlicher Treffen. Und wir dürfen weniger Fläche für Häuser, Straßen und Industrie zubauen. Wir müssen höher bauen und intelligenter verdichten. Ökologisch bauen heißt nicht neu bauen, sondern primär sanieren und renovieren.

9. Wir müssen weltweit aufforsten und die Wüsten begrünen, wie es die Kinder- und Jugendorganisation »Plant for Planet« seit vielen Jahren vorbildlich tut. Sie haben bereits 16 Milliarden Bäume gepflanzt. Ihr Ziel sind 1.000 Milliarden Bäume.

10. Wir dürfen nur noch Politiker wählen, die auch wirklich unsere Interessen vertreten und nicht die Interessen der alten fossil-atomaren Energiewirtschaft oder der fossilen Autowirtschaft. Demo-kratie statt Auto-kratie und: Sonne statt Atom und Kohle.

11. Entwicklung in armen Ländern ist die beste Vorsorge gegen ungebremstes Bevölkerungswachstum.

12. Wir alle können weniger kaufen und wegwerfen, mehr Fahrrad fahren und laufen, grüner feiern, zu Ökostrom wechseln, Geld grün und fair anlegen. Wir sollten endlich tun, was wir für richtig halten. Einfacher leben, damit andere einfach überleben. Mehr denken und Widerstand leisten gegen Dummheit und Kurzsichtigkeit. Wir können uns selber vom Überfluss befreien.

Ein einzelner oder eine Einzelne kann nichts tun? Wenn jede und jeder vor seiner eigenen Haustür kehrt, wird die ganze Welt sauber. »Unsere Zukunft hängt davon ab, was wir heute tun«, sagte Mahatma Gandhi. Wer hindert uns daran, wenn nicht wir selber? Eine bessere Welt beginnt beim einzelnen Menschen.

Nach wie vor machen wir alle diese Erfahrung: Nach jedem Winter hoffen wir auf den nächsten Frühling. Und inmitten jeder Nacht beginnt ein neuer Tag. Wir müssen allerdings vieles ändern, damit es auch nach 1.000 Jahren noch nach jedem Winter wieder einen Frühling geben kann. Und nach jeder Nacht einen neuen, schönen Tag.

Auszug aus dem Buch: Franz Alt: Die ALTernative. Plädoyer für eine sonnige Zukunft. Edition Chrismon 2019, 128 S., 10 Euro.

Der Journalist und Theologe Franz Alt, Jahrgang 1938, bekannt geworden als Moderator des Politmagazins Report, engagiert sich seit Jahren für die Ökologie.

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