Weihnachten im Knast

Eine Chemnitzerin engagiert sich im Verein Schwarzes Kreuz für Inhaftierte – und lernt dabei viel
Birgit Pfeiffer
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Weihnachten in der JVA Waldeck: Jedes Jahr schicken Menschen Weihnachtspäckchen an Inhaftierte organisiert vom christlichen Verein Schwarzes Kreuz, der auch Mitglied im Diakonischen Werk Sachsen ist. © Schwarzes Kreuz/ Kühn

Weihnachten ist für viele inhaftierte Menschen die schlimmste Zeit im Jahr: Während außerhalb der Gefängnisse Familien zusammenkommen und Menschen Zeit mit ihren Lieben verbringen, haben einige Inhaftierte nicht einmal jemanden, der an sie denkt. Und selbst wenn, so sind Weihnachtspäckchen für sie aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Die christliche Straffälligenhilfe Schwarzes Kreuz möchte hier Abhilfe schaffen. Jedes Jahr organisiert sie eine Weihnachtspaketaktion für Inhaftierte. Freiwillige können anonym Päckchen im Wert von etwa 30 Euro packen – welche Dinge hinein dürfen und welche nicht, ist vorgeschrieben. Kaffee, Tabak und Süßigkeiten sind erlaubt. Mit den Vorschriften soll zum einen gewährleistet sein, dass die Empfänger oder Empfängerinnen gleich behandelt werden. Zum anderen sind die zu schenkenden Dinge aus Sicherheitsgründen reglementiert. Wer das Paket bekommt, weiß der Absender nicht. Und auch umgekehrt wird die Identität des Absenders nicht bekannt gegeben. Das Wichtigste ist für viele Empfänger der persönliche Gruß, der ebenfalls auf der Packliste steht. So schreibt ein Inhaftierter aus Rosdorf: »Ich habe mich riesig darüber gefreut. Besonders über die herzlichen und aufmunternden Zeilen der Klasse 7b. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.« Und ein Inhaftierter der Jugendanstalt in Hameln schreibt: »Die meisten von uns kamen aus dem Staunen nicht mehr raus. Richtig tolle Sachen! Stabil von euch, krass, es ist echt klasse.«

Seit vergangenem Jahr beteiligt sich auch Raika Rößger aus Chemnitz an der Paketaktion. »Ich hatte von meiner Mutter davon gehört, die über ihre Gemeinde einen Kontakt zum Schwarzen Kreuz hatte«, berichtet die Schulhort-Erzieherin. Dieses Jahr hat sie zwei Pakete gepackt. Doch ihr Engagement geht darüber hinaus: Sie steht – vom Schwarzen Kreuz vermittelt – im Briefwechsel mit einem Inhaftierten in Nordrhein-Westfalen. Die Vermittlung folgt einem festgelegten Ablauf. Dabei wird nicht nur nach Alter und Interessen geschaut, sondern auch danach, welche Motivation, welche Erwartungen oder auch Befürchtungen ein potentieller Briefpartner hat. Selbstgefälliges »Gutmenschentum« kann hier niemand gebrauchen. Dies war schon dem Gründer des Schwarzen Kreuzes, Johannes Muntau, wichtig, der in den 1920er Jahren Strafvollzugspräsident am Oberlandesgericht in Celle und gleichzeitig überzeugter Christ war. Er wollte Gefangenen nachhaltig aus ihrer gegenwärtigen Lebenssituation heraushelfen – was bis zu seinem Tod 1963 seine Lebensaufgabe blieb. »Es ist ein Kontakt auf Augenhöhe, für Gefangene oft der einzige freundschaftliche in die Welt jenseits der Gitter. Damit hat er für sie eine besondere Bedeutung und besonderen Wert«, erklärt die Organisation auf ihrer Internetseite zur Gründungsgeschichte.

Bevor es losging, hat Raika Rößger ein dreiteiliges Seminar durchlaufen, um sich vorzubereiten. Am Anfang habe sie sich viele Gedanken gemacht. »Ich halte mich nicht für einen Menschen, der zehntausend kluge Ratschläge parat hat. Aber ich habe gemerkt: Das muss ich auch nicht.« Anders als bei den Paketen sind die Briefpartner einander namentlich bekannt. In ihren monatlichen Briefen schreiben sie über alles Mögliche – von gesellschaftlichen Fragen, die sie bewegen, bis zu alltäglichen Dingen. Diese sind enorm wichtig, denn für ihr Gegenüber ist Raika Rößger ein Fenster nach draußen, in die »normale« Welt. »Für meinen Briefpartner ist wichtig, mir schreiben zu können, was ihn bedrückt und belastet, aber auch positive Dinge«, sagt sie. Sie bestärke ihn auch, dass er einen Neuanfang nach dem Gefängnis schaffen kann. Doch der briefliche Austausch ist keine Einbahnstraße. »Ich habe einen ganz neuen Teil der Welt kennen gelernt. Seitdem wir in Kontakt stehen, reflektiere ich einige Dinge anders. Ich sehe die Welt mit anderen Augen und bin für mein eigenes Leben dankbarer geworden. Das macht einen schon ein Stück demütiger.«

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