Geht doch, Geschwister!

Sächsische Ökumene: 100 Jahre nach Gründung des katholischen Bistums Dresden-Meißen sind Sachsens katholischer und evangelischer Bischof demonstrativ gemeinsam unterwegs. Sie bekennen einander Schuld – und würdigen ökumenische Projekte.
Von Tomas Gärtner und Birgit Pfeiffer
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  • Einander vergeben, miteinander Christi Botschaft leben: Sachsens Bischöfe Tobias Bilz und Heinrich Timmerevers feierten einen ökumenischen Gottesdienst im Meißner Dom im Rahmen einer gemeinsamen Bischofs-Tour anlässlich des 100. Jubiläums des katholischen Bistums Dresden-Meißen. © Andreas Golinski

  • Sachsens Bischöfe Tobias Bilz und Heinrich Timmerevers feierten einen ökumenischen Gottesdienst im Meißner Dom im Rahmen einer gemeinsamen Bischofs-Tour anlässlich des 100. Jubiläums des katholischen Bistums Dresden-Meißen. © Andreas Golinski

  • Sachsens Bischöfe Tobias Bilz und Heinrich Timmerevers feierten einen ökumenischen Gottesdienst im Meißner Dom im Rahmen einer gemeinsamen Bischofs-Tour anlässlich des 100. Jubiläums des katholischen Bistums Dresden-Meißen. © Andreas Golinski

  • Sachsens Bischöfe Tobias Bilz und Heinrich Timmerevers feierten mit Ministerpräsident Michael Kretschmer einen ökumenischen Gottesdienst im Meißner Dom im Rahmen einer gemeinsamen Bischofs-Tour anlässlich des 100. Jubiläums des katholischen Bistums Dresden-Meißen. © Andreas Golinski

  • Gemeinsam die Schöpfung bewahren: Tobias Bilz und Heinrich Timmerevers zu Gast in der Öko-Kirche Deutzen. © Uwe Winkler

  • Gemeinsam die Schöpfung bewahren: Tobias Bilz und Heinrich Timmerevers zu Gast in der Öko-Kirche Deutzen. © Uwe Winkler

  • Den Vereinsmitgliederinnen halfen die Bischöfe tatkräftig beim Bau von Insektenhotels. © Andreas Golinski

Noch 1921 war die Wiedererrichtung des damaligen Bistums Meißen im lutherischen Sachsen von konfessionellem Zwist geprägt. Nun, am Vortag des Jubiläums 100 Jahre später, zogen Mitglieder des evangelischen Hochstifts Seit an Seit mit denen des katholischen Domkapitels in den Meißner Dom ein. Und die Bischöfe beider Konfessionen legten während dieses Taufgedächtnis-Gottesdienstes am 19. Juni gemeinsam ein Schuldbekenntnis ab.

Der Dom ist dafür von symbolischer Bedeutung: Dessen Vorgängerbau war Bischofskirche des 968 gegründeten mittelalterlichen Bistums Meißen. Während der Reformation hörte das Bistum 1581 auf zu existieren. Der Dom wurde lutherische Kirche. Bis heute ist er Predigtkirche des evangelischen Landesbischofs. 1921 wurde das Bistum Meißen wiedererrichtet, allerdings im Bautzner Dom. Seit 1980 ist Dresden Bischofssitz, das Bistum heißt seither Dresden-Meißen. Rund 140 000 Katholiken gehören ihm an, etwa drei Prozent der Bevölkerung.

»Wir stehen zu unserem Versagen und bekennen es«, erklärte Landesbischof Tobias Bilz im Gottesdienst. Die Auseinandersetzungen während der Reformation seien rücksichtslos geführt worden. »Wir haben es der anderen Konfession schwer gemacht, sie als Bedrohung empfunden.« Statt gemeinsam Zeugnis vom Evangelium und von Hoffnung zu geben, habe man sich mit sich selbst beschäftigt. Und sein katholischer Amtsbruder, Bischof Heinrich Timmerevers, ergänzte, die verschiedenen Konfessionen hätten einander als Konkurrenten betrachtet. »Bis in unsere Zeit hinein wurden die anderen zu wenig als Schwestern und Brüder gesehen. In öffentlichen Reden wurde zu oft misstrauisch auf das Konfessionsmerkmal geschaut und in Machtsphären gedacht.«

Anschließend erinnerten die beiden Bischöfe an die verbindende Heilige Taufe und zeichneten einander mit Taufwasser ein Kreuz auf die Stirn mit den Worten: »Du bist getauft.« Taufe, das ist die Zusage, zu Gottes großer Familie zu gehören, so die Bischöfe in ihrer Dialog-Predigt. Auch Gottesdienstbesucher konnten sich von den Bischöfen diese Zusage per Kreuzzeichen auf die Stirn geben lassen.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erklärte, er sei dankbar für das Wirken der Kirchen. Zwischen Staat und Kirche herrsche eine Beziehung von Respekt und Akzeptanz, geprägt von einer guten Balance, sagte er in seiner Ansprache. Das Christentum sei die vielleicht stärkste Kraft gegen Menschenverachtung.

Anschließend würdigten die beiden Bischöfe bei einem Besuch im Ökumenischen Kindergarten in Meißen-Bohnitzsch die Arbeit der Kindergärtnerinnen und des Trägervereins. 1990 hatten sich evangelische und katholische Eltern zusammengeschlossen. »Wir wollten einen christlichen Kindergarten«, erinnerte sich Grit Pilz, heute stellvertretende Leiterin. 1993 überließ ihnen die Stadt in Erbpacht den Wilhelmshof, ein ehemaliges Gutshaus, das bis 1989 als Kinderheim genutzt wurde. Das weitläufige Parkgelände haben Eltern für die rund 70 Kinder zu einem Areal mit Hügeln, Tunnel, Lehmofen, Wiese und Obstbäumen gestaltet. »Das meiste spielt sich bei uns draußen ab«, erzählte Grit Pilz. In speziellen Räumen dürfen die Kinder viel selbst gestalten. Außerdem lernen sie die Bedeutung evangelischer wie katholischer Feiertage kennen.

Insgesamt drei Tage waren beide Bischöfe unterwegs zu ökumenischen Initiativen. In der Ökokirche Deutzen bei Leipzig, die die Bischöfe am 17. Juni besuchten, informierten sich die Geistlichen bei sengender Hitze über die Pläne des Vereins Ökokirche Deutzen e. V. Das bisher zur katholischen Kirche gehörende Kirchgebäude in Deutzen wird künftig nicht mehr von der Pfarrei genutzt, sondern von dem Verein mit katholischen und evangelischen Gemeindemitgliedern. Sie versuchen hier die Vision eines Begegnungs- und Umweltzentrums zu verwirklichen, das nachhaltig bewirtschaftet wird und die Bewahrung der Schöpfung in den Mittelpunkt stellt. Beides, Ökumene und Umweltschutz, habe Tradition in Deutzen, das in unmittelbarer Nähe zum Braunkohletagebau liegt, erläutert Pfarrerin Ulrike Franke vom Kirchspiel Regis-Breitingen, die dem Verein angehört. Seitdem die evangelische Kirche in der Nähe vor Jahren weggebaggert wurde, konnte die evangelische Gemeinde das katholische Kirchgebäude für Gottesdienste nutzen. Und zu DDR-Zeiten habe es hier in den 1980er-Jahren Umweltgottesdienste gegeben, so Franke. »Wir wollen als Christen für dieses Thema sensibilisieren, weil wir glauben, es ist unser Auftrag, es ist höchste Zeit.« Die Kirche soll weiterhin ein Ort des Gebets bleiben, entwidmet werden soll sie auf keinen Fall. Jetzt laufen Verhandlungen, in welcher Rechtsform der Verein das Gebäude und das Land übernehmen kann.

Erste Ergebnisse der Vision sind bereits sichtbar: Im Pfarrgarten leuchtet eine vor drei Jahren angelegte Blumenwiese mit regionalen Pflanzen in den herrlichsten Farben. Sie bietet den Bewohnern des Insektenhotels und des benachbarten Bienenstocks Nahrung. Auf einem Landstück nebenan soll ein Bereich für Permakultur entstehen, also für mehrjährige Mischkulturen, die sich umweltschonend gegenseitig ergänzen und in die der Mensch nur schonend eingreift. Wie das Ganze funktioniert, erläuterten den Bischöfen Cäcilia Reiprich, Christin Müller und Conny Scheffler vom Verein. Anschließend wurden die Bischöfe selbst aktiv: Mit Akkubohrern bearbeiteten sie Holzscheiben für ein Insektenhotel, welche sie zusammen mit Regio-Saatgut nach Meißen mitnahmen.

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