Angst vor Kontrollverlust erzeugt Verschwörungstheorien

Das sagt der Jenaer Forscher Matthias Quent. Durch Soziale Medien verbreiten sie sich demnach besonders schnell.
(epd)
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© Rainer Sturm / pixelio.de

Das Gefühl des Kontrollverlusts ist nach Auffassung des Jenaer Rechtsextremismusforschers Matthias Quent ein wesentlicher Faktor für den Erfolg von Verschwörungstheorien während der Corona-Krise. "Verschwörungstheorien tauchen immer dann auf, wenn es um gesellschaftliche Großereignisse geht", sagte Quent am Mittwochabend bei einer Online-Veranstaltung der Evangelischen Akademie im Rheinland in Bonn. Insofern sei es nicht überraschend, dass im Zusammenhang mit der weltweiten Corona-Pandemie vermehrt Verschwörungstheorien kursierten. Sie dienten dazu, den von manchen Menschen empfundenen Kontrollverlust zu kompensieren.

"Verschwörungstheorien bieten Klarheit, Kohärenz, Eindeutigkeit, wo Durcheinander und Komplexität ist", stellte der Gründungsdirektor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena fest. Ausdruck des individuellen Kontrollverlusts sei etwa die Erzählung von einer angeblich geplanten Zwangsimpfung. Diese Behauptung verbreitete sich, obwohl sie nicht stimmte.

Erzählungen über die angeblich wirklichen Hintergründe der Pandemie seien Ausdruck des Wunsches nach einer zentralen Instanz, die das Chaos aufhebe und den Ereignissen einen Sinn gebe, erklärte Quent. Bei der Corona-Pandemie komme hinzu, dass sie auf internationaler Ebene ähnliche Reaktionen bei den Regierungen hervorgerufen habe. Damit entstehe bei vielen Menschen das Gefühl, dass eine übergreifende Kontrollinstanz dahinterstecke.

Typisch sei auch die Personalisierung der angeblichen Bedrohung, die impliziert, dass eine oder wenige Personen die Fäden in der Hand hielten. So geriet etwa der Microsoft-Gründer Bill Gates in den Fokus von Verschwörungstheoretikern, weil er sich mit seiner Stiftung für die Entwicklung eines Impfstoffes gegen das Corina-Virus einsetzt.

Der Eindruck, dass es einen Zuwachs an Verschwörungstheorien gebe, werde durch Studien nicht bestätigt, sagte Quent. Die Zahl sei eher rückläufig, weil die Menschen insgesamt gebildeter seien als noch vor Jahrzehnten. Allerdings verbreiteten sich die Erzählungen durch die Nutzung der Sozialen Medien heute viel schneller. Zudem könnten Anhänger von Verschwörungstheorien mit Hilfe der Sozialen Medien weitreichende Netzwerke aufbauen und eine große Öffentlichkeitswirkung erzielen.

Vielfach funktioniere die Verbreitung auch nach Marketing-Prinzipien. "Verschwörungstheorien sind eine Geld-Druckmaschine." Inhaltliche Argumente gegen Verschwörungstheoretiker seien wenig erfolgreich, sagte Quent. Vielen Anhängern von Ideologien gehe es nicht darum, dass die Erzählungen plausibel seien. "Sondern es geht vor allem darum, dass sie dem widersprechen, was der Mainstream denkt."

Grund sei das ausgeprägte Misstrauen gegenüber Institutionen und der Regierung. Je klarer die Mehrheit der Bevölkerung - auch auf Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse - eine bestimmte Politik unterstütze, desto stärker verhärte sich eine Minderheit, die davon abweiche. Bei dieser Gruppe handele es sich vor allem um Menschen mit autoritären Orientierungen und rechtsradikalen Tendenzen.

Verschwörungstheorien könne durch den Aufbau von Vertrauen entgegengetreten werden, erklärte Quent. Wichtig sei auch die Stärkung der Medienkompetenz junger Menschen.

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