Mit Bischöfen auf Achse

Abgefahren: Fast 38 Jahre war Frank Bergmann Fahrer für das Landeskirchenamt. So hat er Mitglieder der Kirchenleitung aus ungewöhnlicher Perspektive kennengelernt.
Von Tomas Gärtner
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Frank Bergmann hat im Dienstwagen des Landeskirchenamtes seit 1983 mehrere Bischöfe und andere kirchenleitende Persönlichkeiten gefahren. © Tomas Gärtner

Auf stundenlangen Autofahrten öffnet mancher sein Herz. So hat Frank Bergmann sächsische Landesbischöfe und Oberlandeskirchenräte von einer Seite kennengelernt, die sie in der Öffentlichkeit nie zeigten. Seit fast 38 Jahren ist er Fahrer im Landeskirchenamt. Unfallfrei. Ein Wunder, für das er dankbar ist. Ende Oktober beendet der 61-Jährige seinen Dienst.

Seine erste Fahrt am 18. Januar 1983 führte nach Leipzig. Landesbischof Johannes Hempel (1929–2020) bekam dort die Ehrendoktorwürde verliehen. Ihn brachte er auch während der Montagsdemonstrationen im Oktober 1989 im weißen Lada in die Leipziger Nikolaikirche. »Er war sehr angespannt«, erinnert er sich. Er sah, wie Polizisten die Menschenmassen mit Plastikschildern abdrängten, spürte Angst in sich hochkriechen.

Draußen sei Johannes Hempel stets als Respektsperson aufgetreten. »Im Auto war er ein anderer. Da ist er aus sich herausgegangen, war locker und hat Späße gemacht.« Einmal, als er ihn Sonntag früh zu einem Gottesdienst abholte, habe Hempel ihm zugeraunt: »So früh schläft Oberwachtmeister Meier noch. Da können Sie ruhig etwas schneller fahren.«

Auf der Rückbank des Dienstwagens, den Frank Bergmann durch Berlin steuerte, berieten Landeskirchenamtspräsident Kurt Domsch (1928–1999) und Konsistorialpräsident Manfred Stolpe (1936–2019) ihre Gesprächsstrategie, um einen Mann freizubekommen, der aus politischen Gründen im Gefängnis saß. »Domsch besaß großartiges diplomatisches Gespür«, erinnert sich Bergmann. Beeindruckt habe ihn, wie Domsch und Johannes Cieslak, Präsident der Landessynode, sich um Angelegenheiten ihrer Kirche fetzen, ja anbrüllen konnten, aber eine halbe Stunde später beim Bier zusammensaßen.

Oberlandeskirchenrat Folkert Ihmels (1928–2019) hat er neben sich im Polski Fiat, später im Lada das Gesicht vor Schmerzen verziehen sehen. Spätfolgen seiner Kinderlähmung. »Aber gerade weil er das durchgemacht hatte, konnte er sich sehr gut in andere Menschen hineindenken.« Einmal rutschte er auf einem blank gebohnerten Fußboden aus und schlug hin. »Von da an bin ich bei jeder Treppe vor ihm gegangen, um ihn notfalls auffangen zu können.«

»Es sind kleine Dinge, auf die man als Fahrer achten muss.« Der eine brauchte eine Klammer am Sicherheitsgurt, der andere eine Decke über die Knie gegen die Kälte, für einen Dritten musste der Deutschlandfunk im Autoradio eingestellt sein. »Wenn das da war, funktionierte alles.« Ein gutes Miteinander sei das gewesen. Hier habe er Anerkennung bekommen für das, was er leistete. Was er in seiner Kindheit als Schüler oft vermisste.

Landesbischof Volker Kreß hat er als väterliche Persönlichkeit erlebt. »Eine Seele von Mensch.« Am meisten leiden hat er ihn gesehen, wenn er im Kollegium überstimmt wurde, von jenen, die seine Ansichten nicht teilten.

Sein furchtbarstes Erlebnis: Februar 1997. Er war gerade auf Dienstfahrt in Hofgeismar, als ihn die Nachricht erreichte, Oberlandeskirchenrat Roland Adolph und seine Frau Petra seien ermordet worden. Mit kaum einem anderen habe er auf den vielen Fahrten im Dienst-Audi so viel Spaß gehabt. »Er hatte das Ohr an der Basis«, sagt er über ihn. »Ich weiß nicht mehr warum, aber ich habe mir einen Anzug gekauft und bin Schlittschuhlaufen gegangen.«

Als Chauffeur brauche man ein gutes Gespür für den Gemütszustand anderer. Holte er einen Landesbischof Sonntagmorgens 6 Uhr zum Gottesdienst ab, war der selten gesprächig. »Dann habe ich sein erstes Wort abgewartet.« Manchen Bischof hat er vergnatzt erlebt oder todmüde nach einer aufreibenden Sitzung. »Was die manchmal abzuhalten hatten. Wenn ich wusste, dass es nicht an mir lag, hatte ich Verständnis. Ich habe sie gebeten, offen zu sagen, wenn ihnen was nicht passt. Ich bin auch bloß ein Mensch.«

Anfang der Achtziger hatte er seine schrittweise Degradierung im Betrieb erlebt. Er hätte Abteilungsleiter werden können, wäre er in die SED eingetreten. »Das habe ich abgelehnt.« Von da an stellten sie ihn kalt. Die Bewerbung als Kraftfahrer im Landeskirchenamt war der Ausweg. »In der DDR hatten wir ja nichts zu lachen. Aber was haben wir während der Dienstfahrten gelacht«, sagt Bergmann. Mittlerweile habe sich das geändert. »Heute sind viele so angespannt. Zugeschüttet mit Terminen.«

Carsten Rentzing habe er als freundlichen, bescheidenen Menschen erlebt, der fest im Glauben steht. Regelmäßig habe er sich nach Bergmanns behindertem Sohn erkundigt. Und aufmerksam zugehört, wenn der Fahrer von der DDR erzählte. Wenn es sein musste, ist Frank Bergmann auch mal die Nacht durchgefahren oder stark erkältet bei 20 Zentimeter Neuschnee. »Sie haben mir ihr Vertrauen geschenkt, mich als Mensch anerkannt. Ich hab gespürt, das kommt von hier«, sagt er und tippt auf die linke Brustseite.

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