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Streit ums Alte Testament

Das AT ist zweitrangig: Der Theologe Notger Slenczka bestreitet den kanonischen Rang des Alten Testaments. Denn es handelt nicht von Jesus Christus und richtet sich auch nicht an die Christen.
Von Stefan Seidel
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Steht das Neue Testament für Christen über dem Alte Testament? Darüber streiten derzeit die Theologen. Bild: Mose-Darstellung in der St. Nikolaikirche Constappel bei Meißen © Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Das AT ist zweitrangig: Der Theologe Notger Slenczka bestreitet den kanonischen Rang des Alten Testaments. Denn es handelt nicht von Jesus Christus und richtet sich auch nicht an die Christen. 

Der öffentliche Streit um die These Notger Slencz­kas, das Alte Testament (AT) habe keine kanonisch-normative Bedeutung für die Kirche mehr, hat sich zwar beruhigt. Doch gelöst ist er nicht. Denn Slenczka hat seine Position nun noch einmal ausführlich in Buchform begründet – und wird damit weiter für Konfliktstoff sorgen. Was genau besagt seine These? Nachdem der jüdisch-christliche Dialog herausgearbeitet hat, dass der Bund Gottes mit Israel nicht aufgekündigt ist und das AT in erster Linie als Zeugnis des Bundes Gottes mit seinem Volk zu lesen ist, könne das AT nicht mehr christlich vereinnahmt werden: es ist eben kein Zeugnis von Christus im engeren Sinn. Luthers einstige Sichtweise, dass das AT Chri­stus (vor-)verkündigt, werde heute von der Kirche nicht mehr vertreten, so Slenczka, der dazu das EKD-Vorwort zur Lutherbibel 2017 zitiert.

Diesen neue Konsens in Theologie und Kirche bezeichnet Slenczka als eindeutigen »Bruch mit dem Schriftverständnis der Christenheit bis ins 20. Jahrhundert hinein«, die das AT christologisch verstand. Wenn das AT dem Judentum gilt, gebe es für Christen »kein Recht, sich auf diese Texte als Grund und Norm ihres Lebens im gleichen Rang neben den Texten des Neuen Testaments zu beziehen«.

Wenn kein christologischer Sinn im AT steckt, müsse vielmehr nach dem nicht-christologischen Sinn gesucht werden – dieser habe dann aber keine kanonische Bedeutung mehr, die eben den Christusbezug voraussetzt. Vielmehr könne das AT als »Apokryphe« (»verborgene Schrift«) ein wichtiger Sinnlieferant jenseits des christologischen Bezugs sein. 

Notger Slenczka: Vom Alten Testament und vom Neuen. Beiträge zur Neuvermessung ihres Verhältnisses. EVA 2017, 506 S., 44 Euro.

Die ganze Schrift ist heilig:  Für den Theologen Christoph Markschies gehört das Alte Testament weiterhin zum Kanon. Denn das Christentum gibt es nur mit seinen jüdischen Wurzeln.
Für Christoph Markschies bleibt das Alte Testament ein integraler Bestandteil des christlichen Bibelkanons. Denn »allein durch die Schrift« werden wir selig – und »die Schrift« meine die ganze Schrift Alten und Neuen Testaments. Die ganze zweiteilige Bibel sei die normative Grundlage der Kirche. Die Einheit der einen Bibel gebe es nur in Vielfalt.

Der jüdisch-christliche Dialog habe gezeigt, dass der ganze vielfältigen Reichtum der Schrift gemeinsam mit den jüdischen Glaubensgeschwi­stern zu entdecken ist. Dieser Reichtum der ganzen Bibel dürfe nicht verkürzt werden auf wenige biblische Bücher, einige Evangelien und den Römerbrief beispielsweise, gar das Neue Testament als einzigen im eigentlichen Sinn kanonischen Bibelteil.

Im AT stecke vielmehr ein »Verheißungsüberschuss« (Erich Zenger), der durch Jesus Christus nicht erschöpft sei. Ob nun die jüdische oder die christliche Erlösungshoffnung stimmt, werde Gott am jüngsten Tage klären.

Die neue Lektion besteht in der Wiederentdeckung, dass Jesus Jude war. Und dass das Christentum – laut Paulus – »in den Ölbaum (des Volkes Israel) eingepfropft« wurde. »Wer aber nur auf einen Baum eingepfropft wurde, sollte Wurzel und Stamm nicht exklusiv für sich beanspruchen«, so Markschies.

Es sei klar, »dass eine schlichte Reduktion von Kernbeständen christlicher Theologie der falsche Weg ist, um im Angesicht des Judentums (...)christliche Theologie zu betreiben.« Im Blick auf den einen Kanon der christlichen Bibel aus Altem und Neuem Testament sei das – von vereinzelten Stimmen abgesehen – immer deutlich gewesen. 

Christoph Markschies: Reformationsjubiläum 2017 und der jüdisch-christliche Dialog. EVA 2017, 128 S., 15 Euro.

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4 Lesermeinungen zu Streit ums Alte Testament
Gert Flessing schreibt:
08. November 2017, 17:28

Das Alte Testament gehört sehr wohl zum Kanon.
Es ist jenes Buch, das Jesu Leben prägte, mit dem er aufwuchs und in dem er die Grundlage für das fand, was er den Menschen, von Gott her sagen wollte.
Wie oft zitiert er es, um dann zu sagen: "Ich aber sage euch..."
Wie will man Jesus, sein Leben, sein glauben, selbst die Feindschaft, die er, im eigenen Volk, erfahren musste und sein Sterben, verstehen, wenn man es nicht auf den Hintergrund dessen versteht, was Fundament des Alten Bundes ist?
Wer den Zusammenhang aufgibt, der wird, am Ende, alles verlieren.
Gert Flessing

Johannes schreibt:
10. November 2017, 17:18

Lieber Herr Flessing,

dazu habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Weil ich die Erfahrung mache: Es gibt Christen, für die ist die Hebräische Bibel kanonisch, wenn eine Aussage ihnen in den Kram passt. Wenn aber das dort stehende mosaische Gesetz von ihnen etwas Unerfreuliches verlangt, ist es plötzlich durch das NT oder Jesus oder Paulus aufgehoben. - Ist es nun insgesamt kanonisch oder insgesamt nicht kanonisch? oder ist es ins Belieben gesetzt?
Johannes Lehnert

Gert Flessing schreibt:
10. November 2017, 22:06

Lieber Herr Lehnert,
zunächst einmal freue ich mich, von Ihnen lesen zu dürfen. Damit meine ich nicht nur doe obigen Zeilen, sondern auch das, was über den Kinderhafen in Lindenau lesen konnte.
Das alte Testament ist, in meinen Augen, zunächst einmal die Glaubensurkunde des jüdischen Volkes. Sie zeugt von der Liebe Gottes zu seinem Volk.
Sie zeugt ebenso von dem Versagen dieses Volkes und der daraus entstandenen Not.
Aber eben auch von der Barmherzigkeit, die, trotz allen Versagens von Menschen, diese Menschen nicht aufgibt.
Das ist doch gerade der Hintergrund für Jesu Kommen. "Zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel".
Johannes schreibt: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf."
Es geht nicht darum, ob uns etwas in den Kram passt.
Eigentlich sagt der alte Bund auch, das wir Gott lieben sollen und unseren Mitmenschen, wie uns selbst. Auch da lesen wir, dass Gott barmherzig und gnädig ist.
Jesus kam nicht, um Gottes Gesetz außer Kraft zu setzen, sondern zu erfüllen.
Er erfüllte es, indem es diejenigen, die ihn ablehnten, nicht verdammte, sondern das Leiden ertrug, das sie ihm bereiteten, weil es eben nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn ging, sondern darum, die zu lieben, die Feinde wurden.
Nur dadurch können wir, in diesem Kreuz, uns befreit erleben.
Wenn wir das eine weg nehmen würden, würde das andere entwertet.
Mich hat das Alte Testament immer bewegt, auch wegen seiner wilden Geschichten. Aber auch, weil es uns einen unendlich geduldigen Gott vor Augen führt. Auch, weil es da um Gerechtigkeit unter uns geht.
All das ist wichtig und, für mich, nicht aufgebbar.
Nur aus der Gesamtheit des Kanon, der natürlich immer wieder der theologischen Arbeit und der Auslegung harrt, haben wir die Gesamtheit dessen, was uns Gott an Weisheit und Heil schenkt.
einen gesegneten Abend.
Ihr
Gert Flessing

Johannes schreibt:
12. November 2017, 19:19

Lieber Herr Flessing,

da bin ich ganz bei Ihnen. Mir ist sicher, dass Jesus mit und aus der Hebräischen Bibel gelebt hat, und keinesfalls gekommen ist, sie durch ein "Neues Testament" zu ersetzen, eher, um das Gesetz zu verschärfen. "Ich aber sage euch...". Deswegen ärgern mich ja auch diejenigen, die sich aussuchen, was ihrer Auffassung von Gesetz entspricht und die Einhaltung dessen dann als besonders christlich ansehen - andernseits aber ebenso wesentliche Dinge ad acta legen, weil sie ihnen nicht passen. Nur um ein Beispiel zu nennen: At. Propheten erzürnen sich oft über die Ungerechtigkeit der Reichen; und dann gibt es in "Gottes eigenem Land" eine christliche Lehre, die besonderen Reichtum als besondere Gnade Gottes ansieht, und dabei vergisst, dass Reichtum verpflichtet zum Handeln für das Wohl aller. - Die "Christen" soll es übrigens auch in unseren Gefilden geben, die den Grundgesetz-Grundsatz, dass Reichtum verpflichtet, als Verpflichtung zu dessen Vermehrung verstehen. - Tröstlich ist, dass Jesus nicht nur gekommen ist, das Gesetz zu verschärfen, sondern es zugleich zu erfüllen.
Danke für Ihr Ernstnehmen meines Engagements für Kinder, die es nötig haben, angenommen zu werden. Kleine Bemerkung am Rande: Die beiden angestellten Sozialarbeiterinnen heißen Trost und Kraft - passt doch?

Mit freundlichem Gruß
Johannes Lehnert

Tageslosung

Der HERR wird den Armen nicht für immer vergessen; die Hoffnung der Elenden wird nicht verloren sein ewiglich.

(Psalm 9,19)

Wir werden beim Herrn sein allezeit. So tröstet euch mit diesen Worten untereinander.

(1.Thessalonicheralonicher 4,17-18)

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