Westblick auf die DDR

Kirche in der DDR: Landesbischöfin a. D. Ilse Junkermann untersucht in Leipzig, wie Kirche in der DDR gelebt wurde – und welche Impulse für heute daraus gewonnen werden können. Im Interview verrät sie auch, warum sie nicht Bischöfin in Sachsen wird.
Uwe Naumann
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Landesbischöfin a. D. Ilse Junkermann
Vom Bischofssitz in die Forschungsstelle: Landesbischöfin a. D. Ilse Junkermann leitet seit September die Forschungsstelle »Kirchliche Praxis in der DDR. Kirche (sein) in Diktatur und Minderheit« an der Universität Leipzig. © Jan Adler

Frau Junkermann, Sie sind mit Ihrer Forschungsstelle im September leise gestartet. Warum haben Sie noch nicht für Schlagzeilen gesorgt?

Ilse Junkermann: Meine Arbeit hat wenig Spektakuläres. Es geht um das, was in der DDR-Kirche entwickelt worden ist, in der Diktatur- und Minderheitssituation. Erstmal sehe ich einen großen Forschungsbedarf.

Sie forschen selbst?

Ich habe nicht die Aufgabe, selber zu forschen. Ich leiste Vorarbeiten für Forschung, so dass ich auf Tagungen oder in kleinen Gruppen präsentieren kann, welche Themenfelder und welches Material es gibt. Die Resonanz zu unserer Auftakttagung war schon hoch: Wir hatten 120 Menschen eingeladen und die Hälfte davon ist gekommen. Es haben sich auch schon viele Menschen hier gemeldet, mir Unterlagen geschickt oder möchten sich mit mir treffen.

Sie sind Theologin und mit Ihrer Forschungsstelle angegliedert an die Praktische Theologie. Was ist der Unterschied zur Kirchengeschichtsforschung?

Es geht um eine historisch informierte Praktische Theologie, so hat es Wolfgang Ratzmann in seiner Festrede genannt. Und eine praktisch-theologische Kirchengeschichte. Wir fragen, was die Gemeinden und die Theologie heute beschäftigt. Unser Ziel ist, dass auch die Stimmen aus der DDR-Kirchengeschichte da hineinklingen – und nicht nur die westdeutschen.

Wie ist Ihre Bilanz nach 100 Tagen?

Ich denke, dass ich schon ziemlich weit gekommen bin. Ich erstelle eine Bibliographie zum Forschungsstand, ich identifiziere Themen für die Forschung. Da geht es um Einzelthemen aber auch um Querschnittsthemen, etwa das Kirchenverständnis in der DDR, die Kirche als Lerngemeinschaft. Oder auch Kirche für Andere, für Nichtchristen, heute ein hochspannendes Thema. Denn für ostdeutsche Verhältnisse ist das EKD-Mitgliedschaftsrecht eine viel zu hohe Schwelle. Das ist eben auch ein Aspekt dieser Forschungsstelle: Mit heutigen Fragestellungen nach anderen Antworten in der Kirchengeschichte der DDR und ihrer Praktischen Theologie zu suchen.

Haben Sie einen Themen-Schwerpunkt?

Ich finde verschiedene Themen spannend. Mir ist aufgefallen, dass einzelne Personen eine überragende Rolle gespielt haben, die mutig waren in ihrem Glauben und ihrer Theologie. Ich denke da zuerst an Heino Falcke, aber auch an den sächsischen Synodenpräsidenten Johannes Cieslak. Menschen, die für andere gerade in der Diktatur eine wichtige Orientierung waren, das ist ein Thema. Ein anderes ist das Verständnis von Kirche für Andere in der Tradition der Bekennenden Kirche.

Im Gegensatz dazu hatten Sie im Westen immer die Kirche als Volkskirche.

Ja, mit meinem westlich geprägten Blick sehe ich das Besondere. Die Kirche in der DDR lehnte sich stark an die Barmer Theologische Erklärung an: Unser Auftrag ist es, Christus zu bekennen, ganz deutlich unsere Mitverantwortung in der Gesellschaft zu sehen und Abschied zu nehmen von einem hierarchischen Kirchenbild hin zu einer gleichen Gemeinschaft aller. Dieses Bild ist wieder aktuell, allerdings auch weil finanzielle Ressourcen zurückgehen und nicht um der vielen Gaben willen, die brach liegen.

Die Situation der Kirche in der Minderheit war vor allem überlagert durch die Situation der Diktatur in der DDR. Wie können trotzdem Konzepte und Ideen von damals für heutige Herausforderungen in einer Demokratie genutzt werden?

Das diskutieren wir gerade. Es gibt keine direkte Übertragbarkeit. Aber eine erste Antwort auf diese Frage ist die Suche nach Mustern, etwa Rüstzeiten oder wie die Bildung der Persönlichkeit durch die Beschäftigung mit der Bibel geschieht. Es gab und gibt hier geradezu einen Hunger nach Bibelarbeiten. Das ist so ein Muster, eine Lebenslinie von Kirchesein.

Sie suchen für Ihre Arbeit auch Zeitzeugen und Nachlässe von wichtigen Kirchenleuten. Mit wem möchten Sie gern noch sprechen?

Ich habe als Nächste jene ins Auge gefasst, die beteiligt waren am christlich-jüdischen Gespräch. Ich bin auch an Zeitzeugen interessiert, die andere Gottesdienstformen entwickelt haben. Ein früherer Jugendpfarrer erzählte mir, dass er wegen seines Umzugs seine 500 Predigten weggeworfen hat. So etwas gilt es zu sichern, Nachlässe und Quellen zu sammeln. Wir sind da sehr in Verzug.

Sie sind ja offiziell im Wartestand, aber Sie »warten« gar nicht, sondern leiten diese Forschungsstelle.

Die Forschungsstelle ist keine richtige Stelle, auch keine Kirchenstelle. Wartestand ist immer dann, wenn es keine Stelle gibt. Ich hatte zunächst gedacht, ich könnte als Springerin in einem Kirchenkreis arbeiten. Aber wer will in seinem Kirchenkreis eine ehemalige Bischöfin haben?

Wir haben hier in Sachsen eine freie Bischofs-Stelle.

So hat neulich auch jemand zu mir gesagt. Aber ich bin zu alt – und jetzt sehr glücklich in der neuen Aufgabe hier. Dort wird jemand gebraucht mit längerer Perspektive, der oder die das Amt der Einheit mit Kraft angeht.
Vor meiner Zeit als Landesbischöfin war ich Personaldezernentin in Württemberg. Wenn ein Pfarrer gerade nach Konflikten gehen musste und es eine hohe Personalisierung gab, haben wir gute Erfahrungen mit dem »interim ministry« gemacht, ein Modell aus den US-amerikanischen Kirchen. Dabei ist ganz klar, dass jemand für den Übergang nur ein Jahr da ist, bei einem Kirchenpräsidenten auch zwei Jahre. Damit das System wieder von der Personalisierung weg zu seinem Auftrag und seinen Aufgaben kommt. Für ein Bischofsamt ist das noch nicht erprobt worden. Es muss auch jemand sein, der aus der jeweiligen Kirche kommt und der darin Erfahrungen hat.

Fehlt Ihnen das Pfarramt?

Ja, sehr. Ich freue mich, dass ich zu Gottesdiensten eingeladen werde und seit dem 4. Advent kooptiertes Mitglied des Predigerkonvents hier in der Universitätskirche bin.

Sie werden von der EKM bezahlt, haben beste Kontakte in das Gebiet. Wird es Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Nein, es geht um alle östlichen Gliedkirchen. Ich habe in Dresden mit dem Lückendorfer Arbeitskreis gesprochen, werde auch andere Orte in Sachsen besuchen, im neuen Jahr dann auch Mecklenburg und Berlin und weiter. Die Sachkosten der Forschungsstelle teilen sich die VELKD, UEK und EKD (siehe oben rechts). Damit haben sie erklärt, dass die ganze Ost-Geschichte auch unsere gemeinsame Geschichte ist. Langsam wächst in den Leitungsgremien das Bewusstsein, dass die Situation im Osten tatsächlich durch eine andere Geschichte gekommen ist und nicht, dass man dem Westen um zehn Jahre voraus ist.

Haben Sie noch einen Wunsch oder Traum für Ihre Arbeit hier?

Mein Traum ist das Modell »congregational studies« aus den USA. Das ist bei uns kaum bekannt. Darin geht es um die empirische Erforschung der Lebensphasen von Gemeinden, was baut Gemeinden auf, wodurch verlieren sie an Lebendigkeit und so weiter. Wenn wir das hinbekämen zusammen mit der empirischen Erforschung von Geschichte, das fände ich sehr spannend.

Die Realität ist: Die Forschungsstelle, das sind nur Sie.

Naja, es gibt noch Theologieprofessor Alexander Deeg, der intensiv mitdenkt und diskutiert, und eine studentische Hilfskraft. Und es gibt viele Interessierte, die zwar nicht meine Mitarbeiter sind, aber die helfen beim Sammeln, Vernetzen und Impulsegeben.

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