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Heilig oder historisch?

Theologen drehen jeden Satz in der Bibel um auf der Suche nach historischer Wahrheit. In Kirchgemeinden können das viele nicht nachvollziehen – auch ein Grund für die jüngsten innerkirchlichen Debatten.
Andreas Roth
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Was haben die Weihnachtsgeschichte, die Schöpfungserzählungen und die Übergabe der Zehn Gebote an Mose gemeinsam? Sie gehören zu den Kerntexten christlichen Glaubens – und sind, glaubt man historisch-kritischen Forschungsergebnissen, in Wirklichkeit wohl nie geschehen.

Seit der Zeit der Aufklärung klopfen Theologen ausgehend von Deutschland die Bibel Satz für Satz ab, fragen historisch-kritisch nach den Umständen ihrer Entstehung, ihrer Echtheit, sogar nach mündlichen Vorläuferquellen. Und entscheiden so mit dem Werkzeug wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeiten, was Gotteswort ist – und was nur der jeweiligen Zeit geschuldet.

»Doch die Gemeindepraxis hat sich sehr weit entkoppelt von der akademischen Theologie«, sagt der Plauener Schulpfarrer Falk Klemm. »Die historisch-kritische Theologie schafft Distanz zur Bibel. Gemeindeglieder haben Trost in ihr erfahren und plötzlich sollen sie über sie urteilen.«

Klemm ist einer der Sprecher der Sächsischen Bekenntnisinitiative, die sich gegen die Öffnung von Pfarrhäusern für gleichgeschlechtliche Partnerschaften wendet. Die harte Debatte um die Haltung der Bibel zur Homosexualität hat hier eine ihrer Wurzeln: Viele Theologen sehen sie historisch-kritisch in der Zeit ihrer Entstehung begründet und damit als überholt an – viele konservative Christen in den Gemeinden verstehen das nicht.

Die Bekenntnisinitiative fordert deshalb Alternativen zur historisch-kritischen Theologie in den Ausbildungsstätten der Landeskirche. »Die historisch-kritische Methode geht aus ideologischen Gründen von dem Aberglauben aus, dass Gott in der Geschichte gar nicht direkt eingreifen kann. Das ist methodischer Atheismus«, kritisiert Falk Klemm. Wunder oder echte Prophetie? Die seien unter rationaler Perspektive undenkbar. »Die historisch-kritische Methode muss aus der Bevormundung durch die Vernunft herauskommen. Dann haben wir wieder Gott direkt«, fordert der Pfarrer.

Studierende mit einer konservativen Frömmigkeit haben auch an der Leipziger Universität mit der historisch-kritischen Methode zu kämpfen. »Das ist für sie oft ein schockierendes Moment«, weiß Cornelius Voigt, Studienassistent des konservativen Leipziger Theokreises. »Ich habe selbst auch großen Gewinn aus der historisch-kritischen Methode gezogen«, sagt Voigt. »Aber sie ist fast die einzige Methode in der universitären Theologie – da würde ich mir mehr Alternativen wünschen.«

Die gibt es vor allem außerhalb des historisch-kritischen Mutterlandes Deutschland. Amerikanische Theologen versuchen in der kanonischen Exe­gese, biblische Texte stärker von ihrer Stellung in der Bibel her zu verstehen. Aus der französischen Literaturwissenschaft kommt die Idee, die Geschichten der Bibel wie Erzählungen zu analysieren. Und dann gibt es noch die fundamentalistische Bibelauslegung.

»Jede Methode braucht Kritik und Ergänzungen«, sagt Sachsens Landesbischof Carsten Rentzing. »Den Mut dazu wünsche ich mir an den Theologischen Fakultäten – aber dafür sind sie in akademischer Freiheit selbst zuständig und diese Debatten sind in ihnen auch schon angekommen.«

Er selbst habe als Theologe immer historisch-kritisch gearbeitet und diese Methode als Segen empfunden, weil sie auch von Irrtümern befreie, betont der Bischof. »Man muss die Vernunft gebrauchen, um die Heilige Schrift zu verstehen – aber eine Verkündigung wird nur möglich sein, wenn man die Schrift selbst zu Wort kommen lässt neben den wissenschaftlichen Erkenntnissen.« Für den Landesbischof ist das kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander.

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443 Lesermeinungen zu Heilig oder historisch?
Britta schreibt:
08. Januar 2016, 11:24

Lieber Herr Flessing,
ich schrieb es schonmal, daß ich eine alte Predigtsammlung eines Mittweidaer Pfarrers von 1787 erworben hatte. Und wenn ich diese Predigten aus einer Zeit lese, wo es die HKM, die ja ein überwiegend deutsches Phänomen sein soll, noch nicht gab, dann fühle ich mich geborgen in Gottes Wort - ein Gefühl, das es in der heutigen Zeit, wo (fast) jeder Pfarrer eher Hobbypolitiker als Verbreiter der frohen Botschaft ist, noch nie in einer Predigt aufkam.
Sicher wirken mehrere Umstände daran, und sicher hat die HKM auch ihre (begrenzte) Daseinsberechtigung, aber irgendwo bleibt ein Mysterium für den der glaubt. Und dieses Mysterium ist unabhängig von der jeweiligen Tagespolitik. So hat man den Eindruck, die Kirchen sind 5. Kolonne für einen rotgrünen Zeitgeist und biegen sich - auch mit Hilfe der HKM - die Bibeltexte so hin, daß Tagespolitik im jeweils politisch korrekten Sinne als gottgewollt erscheint. Diesen Eindruck habe nocht nur ich, wo man mit interessierten Menschen spricht, wird einem sowas erzählt!
Viele Grüße
Britta

Beobachter schreibt:
08. Januar 2016, 12:10

Liebe Britta,
genau das , was Sie beschreiben ist doch einer der Haptgründe dafür, warum sich so viele Menschen abwenden und woanders nach geitlicher Heimat suchen!
Gruß Joachim

Thomas schreibt:
09. Januar 2016, 10:52

Liebe Britta,
es tut mir ehrlich gesagt leid für Sie, wenn Sie derart schlechte Erfahrungen mit aktuellen Predigten machen. Wie müsste denn eine "heutige" Predigt sein, damit diese Sie erreicht? Vielleicht könnten Sie die von Ihnen erworbene Sammlung auch digital verfügbar machen - so könnte sich vielleicht auch eine Diskussion um "gute" Predigten etablieren...?!? Vielfalt kann die Diskussion in jedem Fall nur bereichern!

In zwei Punkten habe ich trotz des Verständnisses für ihre persönliche Unzufriedenheit eine abweichende Meinung:
1) Einerseits entstand die HKM im 18. Jahrhundert, sie könnte also 1787 durchaus schon Einfluss gehabt haben. Vielleicht sogar mehr als heute, weil es eben den Reiz des Neuen hatte. Ohne schriftlichen Beleg fühle ich mich wohler, dieses Aspekt weder als pro noch als contra aufzunehmen.
2) Gottes Wirken im und durch die Menschen ist m.M.n. für uns unverfügbar - daher können sich die Kirchen auch nicht "verbiegen". Auch die Zwölf waren nicht immer einer Meinung was richtig sei, was man tun müsse, was man Glauben kann und was nicht. Deshalb trete ich immer für einen Dialog und Meinungsvielfalt ein - nur Gott allein kann sehen, ob es ein richtig oder falsch gibt und falls ja bei wem.
Und weil ich so mein Problem mit zu stark politisierten Predigten habe habe ich vor knapp 2 Jahren eine Strichliste begonnen: Real hatten 80% keinen Bezug zur Tagespolitik. Dennoch sind mir die anderen 20% viel stärker in Erinnerung, weil ich mich so darüber geärgert habe...

Viele Grüße,
Thomas
PS: Haben Sie in den diversen Online-Predigtsammlungen vielleicht doch ein paar Predigten gefunden, die Sie ansprechen?

Britta schreibt:
09. Januar 2016, 21:55

Lieber Thomas,
vielen Dank für etliche interessante Beiträge, die Sie hier schrieben. Es ist eine Idee, die Predigtsammlung, zumindest in Teilen zu digitalisieren, zumal ich bisher - selbst in unserem Kirchenarchiv - kein zweites Exemplar fand. Vielleicht würde sie manch anderem auch Trost, Hoffnung und Gottvertrauen schenken.
Daß HKM schon eine Rolle beim Verfassen der Predigen spielte, glaube ich eigentlich nicht. Ich denke, daß diese Methode eher nach der Französ. Revolution seine Urständ feierte.
Daß Kirchen für die Tagespolitik eingespannt werden, war doch eigentlich immer schon mehr oder weniger der Fall, und gerade heutzutage habe ich häufig den Eindruck, daß sie noch politisch korrekter als der Staatsfunk auftreten. Hinzu kommt, daß gerade bei Predigten unseres Pfarrers oftmals die Fakten nicht stimmen, und wenn man das als normaler Zuhörer schon merkt... In seinen Predigten kommt Tagespolitik zu 100% vor.
Allerdings muß ich mich korrigieren: ich gehe gern mal in umliegende Gemeinden in den GD, in einem Nachbardorf bei uns hat ein neuer Pfarrer angefangen, rhetorisch vielleicht kein Volkstribun, aber ich hatte sofort den Eindruck, er meint, was er sagt und fühlte mich auch nicht tagespolitisch bevormundet sondern hatte meine Gedanken beim Bibeltext. Da werde ich wiedermal hingehen.
Onlinepredigtsammlungen lese ich ziemlich selten, wäre aber doch vielleicht ein Gedanke.
Viele Grüße
Britta

Gast schreibt:
07. Januar 2016, 23:18

Bester Herr Rau, Sie hatten hier mal einen, der Ihnen und anderen in unangemessener Geduld und Langmut alles erklärt hat. Versucht hat. Von dem hätten Sie sich mal ein paar Texte kopieren sollen. Ich hab das gemacht. In einem Text hat er das erklärt. Kann natürlich sein, daß er auch nur ne Blindschleiche war. Trotzdem. Auch, wenn es Ihnen nich hilft, schadts ja nix. Jawoll.

Liebe Britta, Sie haben den Text von Bastl zur HKM gelesen. Ich halte ihn für einen Beitrag zur Mythologisierung. Nun versuche ich, etwas zur Entmythologisierung beitragen. Ich bitte die anwesenden TheologInnen, mir das nachzusehen und mich zu korrigieren. Besonders Herrn Maier bitte ich darum (Sie wissen ja, was es mit der Methode auf sich hat, dass man sie mit verschiedenen Voraussetzungen nutzen und mit ihr zu verschiedenen Ergebnissen kommen kann.).
Erst einmal: Die HKM ist nicht die Wurzel allen Übels. Mit ihr bricht nicht der Zweifel an der Bibel in die Kirche ein. Von Anfang an gab es Fragen und Spannungen, mit denen ChristInnen umgehen mussten. So hat Origens etwa eine Erwiderung auf Celsus geschrieben und die Bibel verteidigt, indem er eine bestimmte Auslegungsmethode verwandte – gegen die Luther sich dann stellte, weil sie vielleicht zu dominant war.
Abaelard schrieb ein Buch “Sic et none”. Darin sammelte er Texte der Bibel und Zitate der Kirchenväter, die sich widersprachen. Daran sollte das dialektische Denken geschult werden. Und natürlich sollten die Widersprüche aufgelöst werden – mit bestimmten Methoden.
Nun aber zur Sache. Die HKM ist EINE Methode zur Bibelauslegung neben anderen. Sie ist aber die einzige mit “objektiven Kriterien“. Das heißt, alles was sie macht, ist prinzipiell überprüfbar. Sie stellt einen Werkzeugkasten zur Verfügung. Wer will, kann die Werkzeuge nehmen und damit arbeiten. Alle anderen können das überprüfen. So weit diese Bild.
Jedes Ergebnis muss sich also rechtfertigen. Es geht nicht um freischwebende Meinungen. Das zeigt natürlich eine Einschränkung. Existenziell kann mich etwas ganz anders treffen, etwas, was wissenschaftlich unhaltbar ist. Was interessiert mich die Wissenschaft, wenn Gott zu mir spricht. Aber er spricht dann zu mir, das ist kein Maßstab für andere.
Nun also die Werkzeuge – nicht vollständig und nicht unbedingt in der richtigen Reihenfolge:
Die erste Frage: Welcher Text gilt denn? Wir haben kein einziges Original der biblischen Schriften. Dafür gibt es viele Abschriften, die teilweise nicht übereinstimmen. Also versuchen WissenschaftlerInnen festzustellen, welcher Text dem Original am nächsten kommt – das gilt für die Übersetzer der Schlachterbibel, der Elberfelder, Luther u.s.w. Es gibt eine Textgrundlage, die von die meisten ForscherInnen und ÜbersetzerInnen benutzt wird. Im NT ist das zur Zeit wohl die 27. Auflage des Nestle/ Aland. In dem Buch steht der nach heutigen Kenntnissen wahrscheinliche Text. In einem Handapparat werden Varianten angegeben, die auch möglich sind. Aber eine letzte Sicherheit über den Text gibt es nicht. Neue Funde werden eventuell neue Textgrundlagen ermöglichen. Für das AT gilt gleiches, allerdings ist nach meinem Wissen die Grundlage noch unsicherer. Am Ende dieses Schrittes haben wir einen Text, der als Grundlage der Übersetzung dient.
In einem nächsten Schritt wird gefragt: Was ist das eigentlich für ein Text? Ist das eine historische Geschichte? Oder ein Märchen? Oder ein Gleichnis, ein Gedicht, ein Tatsachenbericht, Hofberichterstattung, … Je nach dem, was wir da vor uns haben, müssen wir entscheiden, wie wir den Text zu verstehen haben. (Sie haben meine Rilkegedichte gelesen. Als Systematischer Theologe werde ich da manchmal schlucken. Der Dichter lacht über mich und sagt: Ein Gedicht darf das!) Wir kennen alle die Geschichte von Rut. Naomi hatte zwei Söhne Machlon und Kiljon, deren Namen können wir übersetzen mit Halbtod und Fasttod oder Jämmerlich und Kümmerlich. Wenn wir diese Namen so hören, wird klar, dass dies nicht eine historische Geschichte ist. Welche Mutter nennt ihre Kinder so. Also fragen wir, was ist das für ein Text? Was für eine Gattung? Denn wenn wir wissen, was für eine Gattung wir vor uns haben, wissen wir auch, wie dieser Text eine Botschaft transportiert. Dann stellt sich nicht mehr die >Frage: Wörtlich oder nicht? Vielmehr: Wie ist der Text angemessen zu verstehen. Gilt natürlich auch bei den Schöpfungstexten.
Ein nächster Schritt versucht festzustellen, ob der Text eine längere Überlieferungsgeschichte hatte – mündlich und schriftlich und ob verschiedene Schichten (Quellen) übereinanderliegen. Beispiel: Wie viele Tiere sollte Noah mit auf die Arche nehmen? Je ein Paar? Da würden die meisten ja sagen. Steht auch da. Es steht aber auch da, dass Noah von den reinen 7 Paar und von den unreinen 1 Paar mitnehmen sollte (schließlich opfert er ja nach den Landung). Das ist ein Beispiel von sehr vielen. Daneben gibt es Texte, die ähnlich sind und an verschiedenen Stellen auftauchen – etwa 2. Mo. 20 und 5. Mo. 5: die Zehn Gebote. Sie sind sehr ähnlich, haben aber auch sehr deutliche Unterschiede. Vor allem die Begründung des Sabbatgebotes unterscheidet sich (auf die Frage habe ich nie eine Antwort bekommen). Und nun fragen wir uns, warum das so ist. Vielleicht sind das zwei Texte aus verschiedenen Zeiten, die jeweils ihren Zeitgeist atmen? Egal, zu welchem Ergebnis man kommt – die Frage stellt sich. Bei den Evangelien wird das noch deutlicher. Wenn man Matthäus, Markus und Lukas vergleicht, gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den gleichen Texten und es gibt Texte, die jeweils nur einer hat (Hirten oder Weise oder gar nichts) – von Johannes ganz zu schweigen. Also fragt man nach den Quellen. Gottes Geist? Dann hätte er ein ganz schönes Verwirrspiel gespielt – vielleicht, um mich zu Fall zu bringen? Vielleicht gibt es auch andere Gründe. Egal, zu welchen Ergebnissen man kommt – die Frage stellt sich.
Abkürzend: Es wird nach Brüchen im Text oder nach Kittungen von Brüchen gefragt (Stilwechsel, Wortwahl, …) gefragt, um festzustellen, wer und wann die Texte zusammengestellt hat und wann (Lukas: Mit Fleiß gesammelt und aufgeschrieben).
Es wird gefragt, welche Traditionen im Text verarbeitet werden. Paulus hat viele Begriffe seiner Zeit aufgegriffen, die bei den Zuhörern natürlich etwas ausgelöst haben (Selektion ist nach Auschwitz ein belasteter Begriff). Das muss man wissen, um klarzukriegen, w,ie etwas gemeint oder verstanden wurde.
Es gibt noch ein paar andere Schritte. Am Ende hat einen Text zum Übersetzen, den man in seiner Entstehung angemessen würdigen und verstehen kann. Das ist dann Aufgabe der Hermeneutik (Hermes schämz sich immer noch). Und in der Homiletik soll das ganze dann in unsere Welt transferiert werden – also in eine Welt, die dem Text vollkommen fremd ist und der der Text vollkommen fremd ist. Wenn es gut geht, haben wir Texte, die uns etwas sagen und die wir je neu verstehen müssen – das gilt für die Schlachterbibel, die Elberfelder, für Luther und so weiter. Die neumodischen Übersetzungen finde ich persönlich unverträglich. Und wer das AT lesen will, greife bitte zur Zunz-Bibel oder zur Übersetzung von Buber/ Rosenzweig, weil die jüdischen Geist atmen.
Die Ergebnisse müssen sich deutlich machen lassen. Es geht nicht um Gefühl und Befindlichkeit. Wenn es so etwas wie objektiv gibt, dann bei der Methode – wobei nicht das Ergebnis feststeht. Zwei können also zu verschiedenen Ergebnissen kommen. Aber die Schritte müssen sie nachvollziehbar darlegen.
Diese Methode leistet sehr viel für das Verständnis der Bibel. Sie ersetzt aber nicht den lebendigen Umgang mit ihr. Und ich persönlich kenne keinen Theologen, der den letzten Satz bestreitet.

Au au au schreibt:
08. Januar 2016, 9:25

So eine Diskussion kann es auch nur in Sachsen geben: Heilig oder historisch? Das sind für mich keine Gegensätze. Es ist doch ein Zerrbild, dass nur wahr sei, was historisch zutreffen ist bzw. nur das wahr ist, wo das Numinose wirkt bzw. wortwörtlich dasteht. Was für ein schmales Wahrheitsverständnis ist das denn? Anders formuliert: Historisch-kritisch zu fragen unterminiert doch nicht die Wahrheit! Heilig bleibt die Bibel für mich vor allem dann, wenn ich sehe, wie Gott durch Menschen wirkt. Die Vernunft darf eingeschaltet bleiben. Was sollen denn schon wieder diese Gegensätze?

A.Rau schreibt:
08. Januar 2016, 11:38

Lieber Gast,

willkommen! Einerseits hatte ich schon überlegt, hier nach Ihnen zu rufen; andererseits bin ich nicht in Form und wollte eigentlich nur etwas spielen - und dann gleich diese Keule.

Der Punkt ist: Sie beschreiben in Ihrem Text nicht die Werkzeuge sondern die Ergebnisse, die mit den Werkzeugen der HKM erzielt werden sollen. Doch die sind ja gar nicht der Streitpunkt. Denn der lautet: Mit welchen Maßstäben, welchen Denkvoraussetzungen, welchem weltanschaulichen Vorverständnis "bearbeitet" ein Theologe den Text?

Siehe oben: "'Das ist methodischer Atheismus', kritisiert Falk Klemm." Theologie treiben. als ob es Gott nicht gäbe, habe ich auch schon öfters gehört. Wer der Überzeugung ist, "die Bibel ist nicht Gottes Wort", wird ganz andere Werkzeuge benutzen als der, der anderer Meinung ist. Wer meint, über Gott könne man nichts Sicheres wissen, wird ebenfalls theologisch anders arbeiten als der, der damit rechnet, dass Gott sich offenbart, d. h. in der Geschichte geredet und gehandelt hat.

Kurz: die HKM ist eine Methode, mit der B sein weltanschauliches Vorverständnis der Kirche aufdiktiert. Oder wie Eta Linnemann formuliert: "Ihre Anwendung ist keine Ausübung erlernter wissenschaftlicher Arbeit. Vielmehr wird durch die Initiation in in einen auf Vorurteilen begründeten Vorstellungskomplex das Denken reguliert, so daß es fortan in den durch die angeblichen Methoden vorgegebenen Bahnen verläuft. Das Prestige der Wissenschaft, das die Eingeweihten besitzen, macht die Adepten willig, die Initiation an sich vollziehen zu lassen."

Von daher bitte ich Sie um einen zweiten Versuch, hier die Werkzeuge der HKM offenzulegen; aber wie gesagt, nicht das Ziel von deren Anwendung sondern die Werkzeuge selber und da besonders das weltanschauliche Vorverständnis.

Es hat mich gefreut!
A.Rau

Gast schreibt:
08. Januar 2016, 12:26

Na, mein Bester, da sollten Sie sich mal mit der kochenden Herzlosen zusammentun. Sie liegen mal wieder ein kleines bißchen daneben. In vielerlei Hinsicht. Die Herzlose liegt immerhin an einem Punkt richtig. Kann Ihnen also leider nicht helfen. Hätte aber auch keine Lust dazu.

A.Rau schreibt:
08. Januar 2016, 16:58

Na, mein Bester, diese Frau kann - nach allem was ich gehört habe - nicht nur hervorragend kochen, sondern hat auch mehr praktischen Lebensverstand als der gesamte Märchenwald zusammen. Mit ihr tue ich mich sehr gern zusammen! (In der Hoffnung, dass ich auch ein wenig vor ihren alles durchdringenden Augen bestehen kann???) Und das Herz ist ohnehin ein Thema, bei dem anonyme Schreiberlinge gar nicht mitreden können.

A.Rau

Käffchen schreibt:
10. Januar 2016, 0:07

Lieber Herr Rau,

die Werkzeuge der HKM wurden wunderbar ausführlich dargelegt. Man kann sie kurz auch auf den wissenschaftlich-fachbegrifflichen Nenner bringen:
Textkritik, Literarkritik, Motiv- und Traditionskritik, Form- und Gattungskritik, Überlieferungskritik, Kompositionskritik, Redaktionskritik, Zeit und historischer Ort der Entstehung eines Textes, Verfasserfrage. Das alles sind die Werzeuge, mit denen biblische Texte historisch kritisch untersucht werden können.

Zur Entstehungsgeschichte der Bibel: Die Bibel wurde nach historisch-kritischem Verständnis von vielen verschiedenen Menschen über viele Jahrhunderte hinweg geschrieben. Die aktuelle alttestamentliche Forschung geht heute davon aus, dass die meisten Texte des AT im Babylonischen Exil oder danach in der persischen und der helenitischen Epoche entstanden sind, also zwischen 597 v. Chr. und ca. 100 v. Chr.. Die biblischen Autoren haben im Übrigen in den Texten ihre Glaubenserfahrung aufgeschrieben. Die Bibel entstand dabei durch einen Prozess von Fortschreibung und Redaktion. Das heißt: Ein irgendwann aufgeschriebener Text, z.B. die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder durch neue Texttanteile ergänzt und so fortgeschrieben, man könnte auch sagen: weitergeschrieben (Man spricht hier wissenschaftlich auch von innerbiblischer Schriftauslegung). Irgendwann lagen dann verschiedene große Erzählzusammenhänge vor, die durch Redaktionen miteinander verknüpft wurden. Dabei zeigt das Beispiel von der Arche Noah, dass durch solche Redaktionen manchmal sogar in eine Geschichte verschiedene unterschiedliche Erzählstränge verwoben wurden. Deshalb kann man beim Lesen der Bibel heute auch mal über offensichtliche Widersprüche im Text stolpern.
Die Fortschreibung der biblischen Texte hörte zu dem Zeitpunkt auf, als der Kanon der Bibel unumstößlich festgelegt wurde. Von da an wurde die Schriftauslegung außerhalb der Bibel in den Kommentaren und auch Predigten vollzogen. Das Neue Testament ist im Grunde auch eine Fortschreibung des Alten Testaments außerhalb des Alten Testaments.

Soweit wie heutige Altestamentler die Entstehung der Bibel beschreiben. Sie und andere Kritiker der HKM müssen das nicht annehmen, das erwarte ich nicht. Aber ich wollte es Ihnen einmal aufschreiben.

Freundliche Grüße

Käffchen

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DER SONNTAG, Nr. 02 | 10.1.2016 Artikel drucken Artikel im ePaper anzeigen

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