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Das schwere Kreuz der Kopten

Terror gegen Christen: Die Palmsonntag-Anschläge auf koptische Christen offenbaren das schlimme Los der Christen im Nahen Osten: ihre Zukunft ist gefährdet. Von uns fordern sie nicht nur Gebete.
Von Stefan Seidel
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Trauer, Wut und Tränen: Koptische Christen im ägyptischen Alexandria bei der Beerdigung von Gemeindegliedern, die Opfer des Anschlags vom Palmsonntag geworden sind. © Reuters/Amr Abdallah Dalsh

Es ist Palmsonntag, morgens gegen halb neun, als sich der koptische Christ Kyrellos Boutros mit seiner Familie auf den Weg zum Gottesdienst in die St.-Markus-Kathedrale von Alexandria macht. Es ist ein besonderer Gottesdienst, der koptische Papst Tawadros wird erwartet.

Als sie ankommen, platzt die Kirche aus allen Nähten. Boutros’ Frau geht mit den Kindern zum Kindergottesdienst in die Unterkirche. Kyrellos ergattert einen Stehplatz beim Hauptgottesdienst. Nach der Predigt ist er müde, holt Frau und Kinder ab. Sie verlassen die Kathedrale gegen halb zwölf und gehen in das Haus des Schwiegervaters, das gleich nebenan steht. Sie lassen die Kinder beim Großvater, gehen einkaufen. Dann um 12.30 Uhr der schreckliche Anruf: Eine Bombe ist explodiert vor der Kathedrale. »Es war schrecklich, wir waren weit weg von den Kindern und wollten nur noch zu ihnen«, erinnert sich Boutros im Gespräch mit dem SONNTAG. Als sie bei der Kathedrale ankommen, bietet sich ihnen ein Bild des Horrors: »Alles war ein Chaos, überall gab es Scherben, Blut, Opfer und keine Polizisten weit und breit.« Für die Kinder liegt seither ein Schatten auf der Seele. »Sie haben die Explosion gehört und miterlebt, sie sind traumatisiert und haben schreckliche Angst«, berichtet der 39-jährige Familienvater, der als Deutschlehrer am Goethe-Institut von Alexandria arbeitet.

Die Bilanz dieses blutigen Palmsonntags: 17 Tote bei dem Selbstmordanschlag vor der St.-Markus-Kathedrale Alexandria und 27 Tote bei einem Bombenanschlag in der koptischen Kirche der Stadt Tanta. Hinzukommen über einhundert Verletzte. Zu den Angriffen bekannte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

Umgehend drückte EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm sein Beileid gegenüber Papst Tawadros aus: er sei in Gedanken und Gebeten bei den Familien und Angehörigen der Opfer und bei der ganzen koptischen Kirche. Am Ostermontag soll ein ökumenischer Trauergottesdienst in Hamburg stattfinden.

Für Kyrellos Boutros kam der Anschlag indessen nicht überraschend. »Es ist nicht der erste Anschlag auf Kopten und es wird nicht der letzte sein, es ist klar, dass die Kopten ein bevorzugtes Ziel für den IS sind«, erklärt er. Das Schlimmste aber sei, dass das der Regierung von Präsident al Sisi bewusst sei und sie trotzdem wenig dagegen tue. Angst und Wut seien groß unter Kopten. »Wir sind verzweifelt, fühlen uns unsicher, die meisten wollen das Land verlassen«, sagt Boutros.

Den Hass der Islamisten erklärt er sich damit, dass die Christen beim Militärputsch 2013 auf der Seite von al Sisi standen, weil sie sich von ihm Schutz vor den Muslimbrüdern erhofften. Nun aber bezahlen die Chri­sten mit ihrem Blut für den erbitterten Konflikt zwischen Militär und Muslimbrüdern. »Die Regierung von al Sisi ist die Schlimmste für alle Minderheiten. Sie kann und will wahrscheinlich niemanden schützen«, so Boutros.

Auch der Ägypten-Experte Reinhard Thöle von der Universität Halle-Wittenberg sieht die Kopten in einer doppelten Opferrolle: »Sie müssen als Ventil und Spielball herhalten bei den inner-islamischen Kämpfen zwischen den Machthabern und den Muslimbrüdern.« Die gemäßigten Muslime wollten die Christen nicht zu stark schützen, um sich nicht den Vorwurf auszusetzen, nicht muslimisch genug zu sein. Und für die fanatischen Islamisten seien die Christen ein Feindbild im Kampf um die Vormacht.

Kyrellos Boutros wünscht sich von den westlichen Christen, dass sie die Asylbemühungen christlicher Flüchtlinge aus dem Orient unterstützen. Von den Politikern erhofft er sich, dass sie Druck auf die Regierung von al Sisi ausüben, damit diese mehr und effektiven Schutz für alle Minderheiten in Ägypten gewährleistet. Vor allem aber sollten wir beten, beten, beten.

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3 Lesermeinungen zu Das schwere Kreuz der Kopten
Gert Flessing schreibt:
13. April 2017, 11:33

Ja, es ist nicht der erste Anschlag auf Kopten und es ist gewiss nicht der letzte.
Es ist der ägyptischen Regierung nicht gelungen, die Islamisten, von denen die Moslembrüder ja nur eine Gruppe sind, in die Schranken zu weisen.
Die Christen bieten sich an, die Regierung immer wieder heraus zu fordern. Jeder Anschlag auf die Kopten ist ein Hieb gegen die Regierung al Sisi.
Können und wollen wir, hier in Europa, wirklich die Christen, die unter den Angriffen islamischer Fundamentalisten leiden, unterstützen? Wollen wir ihnen helfen?
Bisher waren es eher Lippenbekenntnisse, die von Politikern kamen. sie kommen immer dann, wenn es wieder Tote gab.
Ich frage mich freilich, was die Politik wirklich tun kann. Sie kommt mir eigentlich recht hilflos vor. Ein echtes Druckmittel gibt es kaum, um al Sisi dazu zu zwingen, die Kopten besser zu schützen.
Vor allem aber wird dessen Lage um so prekärer, je mehr er sich für die Christen einsetzt. Er wäre nicht der erste Präsident, der eines unnatürlichen Todes gestorben ist.
Vor allem aber ist doch die Haltung unserer Gesellschaft, vor allem in ihrer Führungsschicht, mehr als ambivalent, wenn es um irgend etwas geht, was mit Islam zu tun hat.
Das gilt auch für unsere Kirche.
Wir reden über irgend welche Gemeinsamkeiten und die "Vorkämpfer des wahren Islam" lachen darüber und lassen es krachen.
Wir, hier, werden morgen für die koptischen Christen beten, die dem Kreuz Jesu sehr, sehr nah sind und denen das Leid und der Schmerz der Nachfolge weniger fremd sind, als uns hier.
Gert Flessing

Britta schreibt:
18. April 2017, 10:37

Ja, wir sollten nicht vergessen, daß einst in Nordafrika und im Levante die ersten christlichen Länder bestanden. Deren schlimmes Schicksal sollte uns zu Wachsamkeit und den nötigen Konsequenzen mahnen. Zudem sollten wir offen für unsere christlichen Brüder und Schwestern gerade aus diesen Gebieten sein, nicht aber für deren Peiniger. Wenn man dann aber sieht, daß diese Peiniger in den deutschen Sozialstaat einwandern, daß diese Kontrolle über Flüchtlingsheime übernehmen und die Christen dort erneut schikanieren, dann fragt man sich: wo ist unsere Kirche in dieser Situation? Bedeutet die propagierte unbeschränkte Nächstenliebe nicht auch einen Verrat an den geschundenen Christen, die zu allererst Grund zu Flucht haben? Wie echt ist unsere Kirche im Bezug auf verfolgte Glaubensgeschwister?
Und noch etwas fällt auf: bei den so gescholtenen "Machthabern" oder "Diktatoren" (um nicht "rechtmäßige Staatsoberhäupter" zu sagen) wie Mubarak, Gadaffi, Assad genossen die Christen wesentlich mehr Schutz als bei jenen, die der angebliche arabische Frühling nach oben gespült hat. Das sollte auch jedem zu denken geben! Und so laden wir dauernd wieder Schuld auf uns, obwohl wir angeblich Gutes wollen...
Das Mindeste, was jetzt zu tun ist, ist, für die bedrängten Glaubensgeschwister zu beten und ihre Bedrängnis in die Erwägungen zu unseren nächsten Taten einzubeziehen. Und strikt darauf zu achten, daß in unserer Heimat nicht ebensolche christenfeindliche Strukturen entstehen, wie diese, vor denen Christen fliehen müssen. Das zu verhindern, das ist wahre Nächstenliebe! Zumal selbst vehemente Befürworter des sog. Euroislams diesen als grundlegend gescheitert ansehen, so Bassam Tibi. Auch die Warner aus der islamischen Welt werden mehr: Hirsi Ali, Sabatina James, Imad Karim,....

Leserin schreibt:
18. April 2017, 17:25

Wenn doch wenigstens Trauern erlaubt wäre! Daher danke für das Gebet. Wie mir ein in der Flüchtlingsbetreuung Tätiger berichtete, treibt die ambivalente Haltung der Landeskirche verfolgte Christen in die Arme der Freikirchen, die sich hier eindeutiger und lauter positionieren (ob deren Verfolgungszahlen stimmen, kann ich nicht beurteilen).
Unsere jüdischen Brüder und Schwestern haben uns bzgl. Trauer einiges voraus: Letzte Woche wurde in Paris mit einer bewegenden Trauerfeier mit > 1000 Teilnehmern von der ermordeten jüdischen Ärztin Sarah Halimi Abschied genommen, die von ihrem muslim. Nachbarn misshandelt und aus dem Fenster gestossen wurde, auch wenn es zu einem möglicherweise antisemit. Motiv unterschiedl. Aussagen gibt. http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/28283
Auch die Messerattacke auf die britische Studentin in Jerusalem wird als Terrorattacke gewertet, obwohl der Täter möglicherweise psych. krank ist. "Ich bin voller Trauer..." , sagte Präsident Reuven Rivalin...http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/28292
Und was passiert hierzulande, wenn jmd. getötet wird, weil er ungläubig ist und dem Täter kein Geld für die Ausreise zum IS geben will (Sächs. Zeitung vom 6.3.14)? Anwohner werden als wahrnehmungsgestört, islamophob, angebl. bei Pegida diffamiert, wegen mangelnder Feindesliebe abgekanzelt, zur Beichte geschickt, weil sie es nicht verhindert haben, das ganze sozialpädagogische Handwerkszeug aus Antirassismusworkshops aufgefahren (warum muss ein Trauernder rassistisch sein?), Verallgemeinerung unterstellt, Kommentarlöschung, weil man seine Trauer ausdrückt... Wenn selbst die Kirche Trauern verbietet, dann ist das nicht mehr meine Kirche.

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