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Endlich wach werden

Literatur: Der Schriftsteller Patrick Roth über das Geheimnis der Weihnacht, die Verbindung von Literatur und Religion und was für ihn Glaube bedeutet.
Das Gespräch führte Stefan Seidel
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Der Schriftsteller Patrick Roth verfasste im Jahr 2004 die moderne Weihnachtsgeschichte »Lichternacht« für die Wochenzeitung DIE ZEIT, die zwei Jahre später im Insel-Verlag als Buch erschien. In der Geschichte steht eine Brücke im Mittelpunkt, die zum Begegnungsort von Himmel und Erde wird. Vieles relativiert sich angesichts des offenen Himmels. © Foto: Matthias Cameran

In »Lichternacht« erzählen Sie eine moderne Weihnachtsgeschichte, in der Liebe und Sehnsucht, Schmerz und Erlösung nahe beieinander sind. Worin liegt für Sie das Geheimnis der Weihnacht?

Patrick Roth: Sie sagen ganz recht: Wir feiern ein Geheimnis an diesem Tag. Stellvertretend für alle Tage. Denn die Erscheinung des Numinosen (deutsch: des Göttlichen), das in uns offenbart, also: wirklich werden, »Fleisch werden« will, ist nicht kalendergebunden. Manchen ist das alles so »geheim«, kommt so heimlich daher, dass sie’s nicht wahrnehmen. Das Wesentliche des Symbols bleibt unentdeckt, unter Äußerlichkeit vergraben.

Was ist das Wesentliche des Symbols der Weihnacht?

Mitten in der Nacht tiefsten Alltags, das heißt doch: in unserer Verlorenheit an die »zehntausend Dinge« dieser Welt, wird etwas geboren, das uns Richtung weist aus dem Chaos des Kommerzwahns, der Oberflächlichkeit und allgemeinen Auflösung. Und ob wir’s erkennen, ist letztlich eine Sache auf Leben und Tod – wie es die lukanische Weihnachtsgeschichte beschreibt. In »Lichternacht« ging es mir darum, diesen Aspekt – dass es hier um alles geht – wieder erfahrbar zu machen. Der Leser soll erleben: die Sekunden auch der Gewalt und Größe, in die dieses Geheimnis sich kleidet, wenn es aus dem Nebel des Alltags heraus plötzlich vor uns steht.

In der Erzählung »Lichternacht« blitzt zeichenhaft auf, dass Erlösung geschehen kann, dass der Tod kein Ende ist, sondern eine Brücke. Vermag Literatur für Sie eine solche quasireligiöse Funktion zu erfüllen?

Ob Literatur das vermag, ist fraglich. Außer Frage steht für mich, dass sie sich daran wagen muss. Ich halte es für die höchste Aufgabe der Literatur – jeglicher Kunst –, sich an den Moment des Numinosen heranzutasten, hinzuführen, ihn als erfahrbare Wirklichkeit zu bezeugen. Mit intellektuellen Mitteln allein ist das nicht möglich. Auch wenn die Kunst scheitert, vielleicht scheitern muss, kann gerade mit dieser Niederlage der entscheidende Splitter in uns schießen. Eine Sekundenvision etwa. Und dann liegt es an uns – an unserer Treue zu ihr, das ist: an unserem Glauben, an unserem Vertrauen auf die Wirklichkeit jener Vision – und am eingeschossenen Sinn selbst, ob dieser Einfall, dieses »Gesicht«, dieser Traum: einen Tag lang, eine Krise hindurch, das ganze Leben bestimmend oder, wie im Falle des Paulus, über Generationen hinweg ein ganzes Zeitalter lang nachwirkt.

Betrachten Sie Ihre Literatur – beispielsweise »Lichternacht«, »Die Christus Trilogie« oder auch »Sunrise – Das Buch Joseph« – als eine Art Fortschreibung der Bibel, in dem Sinne, dass Sie biblische Motive verwenden und ihrer Wahrheit trauen?

Ich verwende die biblischen Motive nicht. Sie verwenden mich. Konkret: Wenn ich am Morgen mit einem Traum erwache, ihn untersuche, der Bedeutung seiner Bilder für mich nachspüre, dann kann es sein, dass ich Details oder Szenen darin entdecke, die so auch in biblischen Geschichten aufscheinen. Wer hat diese Bilder gemacht? Die meines Traums und die in der Bibel? Doch nicht ich, doch nicht die biblischen Autoren. Der Künstler oder Autor kleidet nur aus, er »trägt aus«, was ihn im Innersten gepackt hat. Das Faszinosum selbst aber hat er nicht »gemacht« – es macht ihn, es treibt ihn, verführt ihn, lässt ihn irregehen und finden. Fatal und gefährlich wird es, wenn er sich dauerhaft damit identifiziert, das heißt sich der Tatsache unbewusst bleibt, dass dieses Faszinierende ihm nicht gehört.

Wenn zu Weihnachten gefeiert wird, dass Gott Mensch wurde, dann kommt auch Kreuz und Auferstehung in den Blick. Welche Bedeutung haben Erlösung und Auferstehung für Sie und wie kann davon gesprochen werden?

Das sind riesige Themen! Da würde ich Sie gerne auf meine »Christus Trilogie« verweisen. »Lichternacht« hat im Übrigen dasselbe Thema, auch »Magdalena am Grab«. »Kreuz« und »Auferstehung« sind es offensichtlich, die mich festhalten. Für mich sind sie nicht nur historische, sondern psychische Realitäten. Hier haben Sie das große Gegensatzpaar, in dessen Spannungsfeld sich unsere Individuation, unsere Bewusstseinsentwicklung abspielt. Als Urbilder sind »Kreuz« und »Auferstehung« ewig. Das heißt aber auch: sie sind und wirken jetzt.

In »Lichternacht« beschreiben Sie ein warmes Mauthäuschen auf der Brücke, in das sich die Hauptfigur Joe hineinrettet. Er findet dort »eine neue Welt, eine Insel im Sturm, ganz für sich und allen Zeiten trotzend, komme, was da wolle«. Ist das eine Beschreibung dessen, was Glaube ist?

Ich erinnere mich an einen Rat des Ignatius von Loyola, wenn es um große Entscheidungen geht. Wenn wir uns fragen: Wie finde ich, was wichtig ist im Leben?, lautet seine Antwort – ich paraphrasiere: »Indem ich mir vorstelle, ich wäre in meiner Todesstunde.« Aus solcher Schau aufs Leben fragt er sich: War dies oder jenes wichtig? Und handelt dann entsprechend im Leben. Das heißt: Auf solcher imaginierten »Todesstunden-Insel« wird uns die Entscheidung für dies oder gegen jenes leicht. Jetzt fällt das Unwichtige weg. Hier sind wir endlich wach, ganz bei uns, nicht mehr in dieses »Märchen« eines Lebens verstrickt, wie »man« es kollektiv lebt. In solchen lichten Inselsekunden – sie scheinen zeitlos – wird das Individuum neu geboren.

Sehen Sie, das ist die »Weihnacht-Insel«, die Joe mit dem Einlass ins Mauthäuschen jener Brücke betritt. Von hier aus betrachtet, löst sich das Problem der Schuld auf, die wir im Alltag so unbedingt jemandem zuweisen wollen. Das ist Joes Erfahrung – in jenem äußersten Moment. Es ist nichts von ihm Gemachtes, es ist Gnade. Wenn er nun der Gnade gemäß handelt, seine Erfahrung als Auftrag versteht, den er treu zu verwirklichen sucht, ist es gelebter Glaube.

In Ihrer Literatur spielen Symbole, auch Traumsymbole eine große Rolle. In »Lichternacht« ist es die Braut, der Ring, die Brücke. Welche Bedeutung haben diese Symbole für Sie?

In meiner Geschichte könnten sie den Leser zur Erinnerung auch an eigene Träume führen. Das Brückenmotiv zum Beispiel taucht häufig in Träumen auf. Oft ist es auch eine große Straße oder Straßenkreuzung, deren Überquerung unser Traum als schwer oder gefährlich darstellt. Das ist nur eine Variation desselben Motivs. In der Bibel finden sie es als »Durchquerung des Roten Meers« oder als Josuas Zug durch den Jordan ins Gelobte Land.

Meist steht, wer vom Gang über Brücke oder Kreuzung träumt, im realen Leben vor einem »größeren Schritt« – einer Prüfung etwa, einer beruflichen Entscheidung oder Heirat, wie es in »Lichternacht« ja der Fall ist. Das »andere Ufer«, das erreicht werden soll, käme dann einer höheren, umfassenderen, überlegenen Bewusstseinsstufe im Leben gleich. Von dort aus sähe die Welt nicht mehr aus wie zuvor. Gerade das macht die Überquerung auch beängstigend.

Der Schriftsteller und Regisseur Patrick Roth, geboren 1953, lebt in Mannheim und hat über drei Jahrzehnte in Los Angeles verbracht. Roth machte sich zunächst als Regisseur und später als Autor einen Namen. Bekannt wurde er durch seine Erzählungen »Riverside«, »Johnny Shines« und »Corpus Christi«, die soeben als »Die Christus Trilogie« im Wallstein Verlag neu erschienen sind. Darin verbindet er kunstvoll im filmischen Stil biblisch-mythische Stoffe mit heutigen Lebenswelten und -fragen.

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