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Kirchenasyl ist keine Rettung

Andreas Roth
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Es scheint wie eine Insel in einem Meer aus moralischen Strudeln: Das Kirchenasyl als Rettung vor all den schweren Fragen, vor die uns die Flucht von Hunderttausenden vor Elend und Gewalt stellt. Doch diese Rettung gibt es nicht.

Und auch das Kirchenasyl ist keine. Das hat das Oberlandesgericht München letzte Woche klar festgestellt. Zwar darf ein Flüchtling nicht dafür bestraft werden, dass er Schutz in einer Gemeinde suchte – davor schützt ihn ein Abkommen der beiden großen Kirchen mit dem Bundesamt für Migration. Aber: »Es gibt kein Sonderrecht für Kirchen«, urteilte der Richter. Der Staat muss ein Kirchenasyl nicht dulden.

Und das ist richtig so. Einmal, weil auch nur der Anschein eines kirchlichen Sonderrechts den demokratischen Rechtsstaat unterhöhlen würde. Der basiert auf dem Grundsatz der Gleichbehandlung aller – da darf es keine Ausnahmen geben. Die Feinde des Rechtsstaats warten nur darauf.

Und zum anderen, weil das Kirchenasyl eine gefährliche Illusion nähren kann: Als gäbe es einen leichten Ausweg aus den großen Fragen der Wanderungsbewegungen nach Europa. Offene Grenzen für alle Menschen in Not wären christlich – oder würden Deutschland und Europa an der Aufnahme weiterer Millionen Menschen zerbrechen? Um den am schwersten Leidenden mit begrenzten Möglichkeiten zu helfen, müssten dann nicht weniger schwer Leidende schnell wieder gehen? Von den großen Fragen globaler Ungerechtigkeit ganz zu schweigen.

Alle Antworten darauf treffen Menschen schwer. Christen und Kirchenobere scheuen sie deshalb. Doch sie drängen. Draußen vor den Toren Europas, weit weg von jedem Kirchenasyl, warten Millionen auf sie.

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2 Lesermeinungen zu Kirchenasyl ist keine Rettung
Gert Flessing schreibt:
11. Mai 2018, 22:10

Lieber Herr Roth,
Kirchenasyl ist ein zu wertvolles Gut, als das es verschleudert werden sollte. Es kann (!) eine letzte Rettungsleine sein.
Niemand hat Anspruch darauf und niemand wird dadurch letztlich "sakrosankt".
Wären offene Grenzen für alle Menschen in Not wirklich christlich? Ich habe da so meine Zweifel. Denn für sein Leben ist zunächst einmal jeder selbst verantwortlich.
Er kann nicht von anderen verlangen, dass sie seine Fehler oder jene, die in seinem Land gemacht wurden, gerade biegen.
Ich glaube nicht, das Deutschland oder Europa an den Flüchtlingen zerbrechen. Auch nicht, wenn noch eine Million und noch eine...
Aber Deutschland und Europa würden sich verändern. Sie würden sich nicht zum Besseren verändern.
Denn jene Menschen, die kommen, bringen nicht nur ihre Hoffnungen mit, sondern auch ihre Begrenzungen und Fehler.
Die Gesellschaft, die wir kennen, scheint mir jetzt schon auf dem Wege der Veränderung.
Sie hat ihre Gelassenheit verloren. Sie hat damit ein Stück Kraft eingebüßt, die nötig ist, um mit den kommenden Problemen fertig zu werden.
Sie ist ruppiger geworden. Das sieht man auf Schulhöfen und auch auf Plätzen, auf denen Menschen sich begegnen. Früher war es nicht nötig, auf öffentlichen Plätzen ein Alkoholverbot auszusprechen.
Nicht alles davon hat mit den Wanderern zu tun, die vor diesem oder jenem davon wandern wollen.
Aber sie scheinen mir ein Katalysator zu sein, der manches schneller und härter sichtbar macht.
Wenn ich an die Zukunft meiner Enkel denke, wird mir manchmal sehr kalt. Aber auch sie werden in Gottes Hand sein. In was für einer Welt sie sein werden, ist eine andere Frage.
Gert Flessing

Manfred schreibt:
13. Mai 2018, 9:20

Sehr geehrter Gert Flessing,
DANKE für ihre richtigen Gedanken.
Leider werden die Menschen/Parteien/Organisationen immer mehr, welche nur ihren Standpunkt mit allen Mitteln verteidigen wollen (gleich welcher ideologischen Richtung sie angehören).
Zuhören will kaum noch EINER, geschweige sich mit den auch sachlich vorgetragenen Argumenten, inhaltlich und seriös auseinandersetzen.
Die meisten älteren Menschen können noch zuhören, weil es zu ihrer Erziehung im Elternhaus dazugehörte.
(ich weiß jetzt nicht, ob der Begriff „Elternhaus“ inzwischen gegen irgendetwas verstößt?)
Ich hoffe sehr, dass dieses Zuhören irgendwann wieder ein Normalzustand werden könnte (auch wenn es zurzeit nicht den Anschein hat).
MfG Manfred

Quelle
DER SONNTAG, Nr. 19 | 13.5.2018 Artikel drucken Artikel im ePaper anzeigen

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