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Deutsch ohne Feindschaft

Patriotismus: Wie kann man deutsch sein, ohne dass Misstöne aufkommen? In ihrem Buch »deutsch, nicht dumpf« plädiert Thea Dorn für eine aufgeklärte Bejahung der eigenen Wurzeln.
Von Tomas Gärtner
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Thea Dorn
Patriotin mit Weitblick: Thea Dorn. Die Schriftstellerin und Philosophin gilt als Erkunderin der deutschen Seele. © Foto: Karin Rocholl

Thea Dorn wagt sich in einen Irrgarten mit Dornenhecken und Fallgruben. Wer wie die 47-jährige Schriftstellerin aus Berlin solch heikle Begriffe wie »Heimat«, »deutsche Nation«, »Patriotismus« gar zu beschreiben versucht, landet derzeit schnell in der politisch ganz rechten Ecke. Ihr indes gelingt das Kunststück, souverän auf dem schmalen Grat der Mitte zu balancieren. So wird ihr Buch »deutsch, nicht dumpf« zu einer Fundgrube kluger Gedanken für all jene, die nichts von der Selbstverleugnung deutscher Eigentümlichkeit in einer multikulturellen Melange halten – und dennoch offen für Zuwanderer aus fremden Kulturen sind.

Deutsche Identität knüpft sie an Kultur. »Der deutsche Mythos, eine Kulturnation zu sein, ist älter als der Nationalstaat.« Ihr Buch sei ein im besten Sinne »bildungsbürgerliches Buch«, wie sie es selbst bei dessen Vorstellung in Dresden nannte. Sie führt darin Streitgespräche mit Ideologen von linksaußen bis extrem rechts – inhaltlich und nicht mit der verbreiteten Methode, den Gegner mit schlichtem Moralismus zu erledigen. Dies tut sie mit solcher Lust am Argumentieren, in einer lebendigen, präzisen und bildkräftigen Sprache, dass die Lektüre zum intellektuellen Vergnügen wird. Hier leuchtet das Lessingsche Licht der Aufklärung.

Die Grenzen für den politischen Meinungsstreit sieht sie mit dem Grundgesetz gezogen. Innerhalb dieses Rahmens seien mehr Positionen legitim als es »politische Korrektheit« vorschreibt. Deren Verfechter haben es in ihren Augen vielfach überzogen. Mit ihrer Hysterie gefährdeten sie selbst den gesellschaftlichen Frieden. Dazu zählt sie auch den »begrifflichen Murks«, den Verfechter einer »gerechten Sprache« mit großem Binnen-I oder noch absurderen Sprachmanövern praktizieren.

In der Flüchtlingspolitik hält sie es weder für sinnvoll, sich allein an den Bedürfnissen der Wirtschaft zu orientieren noch ausschließlich an sozialer Bedürftigkeit von Migranten. Europa müsse stattdessen Freiheitskämpfern gegen autoritär-reaktionäre Regimes einen sicheren Hafen bieten. Die Ehrlichkeit gebiete es Politikern, zuzugeben, dass Deutschland nicht unbegrenzt Menschen aus anderen Ländern aufnehmen könne. Der »Notfall« vom Herbst 2015 dürfe nicht zum Normalfall erklärt werden. Auch hier hält sie Extrempositionen für nicht hilfreich: »Die Alternative ›Trutzburg Europa‹ versus ›radikal offene Grenzen‹ ist falsch und lotst den politischen Dialog in gefährlich aufgewühlte Gewässer.«

Für die Voraussetzung einer liberalen und offenen Gesellschaft hält Thea Dorn etwas, was uns bei allen Unterschieden miteinander verbindet – ein ethisch-kulturelles Fundament. »Wie aber können wir auf Verbindendes hoffen, wenn wir das Verbindliche ächten?«, fragt sie.

Religion lässt sie bei alldem weitgehend aus dem Spiel. Wohl ist ihr Jesus Christus über das Christentum hinaus Ahnherr aller abendländischen Demut. Doch geht es um Gesellschaft und Kultur, rät sie zum Verzicht auf übergeordnete Instanzen: »Wer sich im politischen Diskurs auf ›die Natur‹ oder ›Gott‹ als letztes Argument beruft, stellt sich selbst außerhalb des Spielfeldes, das unser Grundgesetz vorgibt.« Göttliche Maßstäbe seien Sache des Einzelnen, keiner Partei, pflichtet sie dem Journalisten Lorenz Jäger bei.

Was sie nicht daran hindert, sich in Sachen ihrer Vorstellung eines nicht bornierten Patriotismus unter anderem auf den evangelisch-lutherischen Pfarrer Wilhelm Abraham Teller zu berufen, der 1793 das Konzept eines »vernünftigen«, »gebildeten« Patriotismus entwickelte.

Ohne Patriotismus geht es für sie nicht. Sie ist sich wohl bewusst, dass Nationalstaaten keine Lämmer sind und zu reißenden Bestien werden können. Daher braucht es einen Rahmen – die Verfassung. »Das einzige Mittel, unsere Gesellschaft vor einer noch gravierenderen und irgendwann nicht mehr zu kontrollierenden Spaltung zu bewahren, scheint mir das Bekenntnis zur Nation zu sein. Und zwar nicht in einem völkisch-ethnischen, sondern in einem verfassungsrechtlichen, sozialsolidarischen und kulturellen Sinn.«

Thea Dorn: deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. Knaus Verlag. 334 S., 24 Euro.

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19 Lesermeinungen zu Deutsch ohne Feindschaft
Britta schreibt:
06. Juni 2018, 19:53

Nunja, wer sich aus Bewunderung nach Adorno nennt, dessen Haß auf Deutschland ja kein Geheimnis ist, und ohne dessen mitbegründete Frankfurter Schule es keine 68er und Grünen gäbe, läßt schon aufhorchen, wenn er sich plötzlich um Patriotismus kümmert. Vielleicht unter diesem Aspekt ein lesenswertes Buch?

Johannes schreibt:
07. Juni 2018, 18:29

Sehr richtig: Der Charakter einer Schriftstellerin, die in Achtung vor Adorno ihr Pseudonym wählte, wird dadurch deutlich: Hasst Adorno ja Deutschland und ist an dem Verfall unseres Landes zusammen mit seinen 68ern schuld. Unter diesem Aspekt sollte man das Buch lesen? - Da wird schon vor der Lektüre der Teufel an die Wand gemalt: Das gefällt mir!
J.L.

Gert Flessing schreibt:
08. Juni 2018, 9:36

Lieber Herr Lehnert,
ich wusste nicht, dass der Name dieser Frau nicht ihr Name ist. Aber, wie es aussieht, sind Pseudonyme heute gang und gebe.
Ist es überhaupt eine Frau?
Aber ich habe eh das Gefühl, nicht gebildet genug zu sein, für so manche Diskussion.
Ich gebe zu, das ich Adorno nicht kenne. Er gehört wohl auch zu denen, von denen Marx sagt, dass sie die Welt unterschiedlich interpretiert haben.
Die 68iger habe ich ebenso wenig für eine philosophische Bewegung gehalten, eher für eine langhaarige und aufmüpfige Randnotiz des wohlstandsgesättigten westjugendlichen Bürgertums.
So bin ich vermutlich bei Plato und dem mühsamen Aufstieg aus der Illusion zur Realität, stecken geblieben.
Ich versuche Christ zu werden, indem ich Liebe übe und mich Gott anvertraue. Vermutlich hat das Herr Adorno nicht so gemacht.
Ich bin Deutscher, weil ich nun einmal hier geboren wurde und dankbar für das bin, was unser Land mir und anderen, an Möglichkeiten bietet.
Ich verstehe nicht, wie Menschen ihr Vaterland hassen können. Man kann unter bestimmten Auswüchsen leiden, wie ich das auch in der DDR tat. Aber mir war, als mensch, dessen familiäre Wurzeln tief in der deutschen Geschichte verankert sind, immer bewusst, dass auch die DDR nur "ein Vogelschiss" in der Geschichte sein wird. Deshalb habe ich das Regime verachtet, mein Vaterland aber nie gehasst. Im Gegenteil - ich habe alles getan, um es zu bewahren und als es wieder zur Einheit fand, hat mich das schon stolz gemacht.
Ich finde in der Besprechung des Buches nichts wieder, was mich dazu verleiten könnte, dass diese Frau, wie immer sie wirklich heißen mag, unser Vaterland hassen könnte.
Aber, wie gesagt, vielleicht bin ich nicht gebildet genug dafür.
Gert Flessing

Johannes schreibt:
08. Juni 2018, 13:04

Lieber Herr Flessing,
das hat Britta ausgegraben: " ...hat sie in Anspielung auf den Philosophen Theodor W. Adorno gewählt." Britta weiß für ihr missliebige Personen immer etwas Ehrenrühriges. Für sie ist Theodor W. Adorno der böse Kopf der bösen '68er, die an der bösen Entwicklung Deutschlands seitdem schuld sind. Sie sieht das eben so, aber nicht sie allein, sondern viele andere, die für den unbefriedigenden Zustand unseres Landes ihren Sündenbock brauchen. Dass Adorno Deutschland gehasst hat, habe ich noch nie gehört und ist vermutlich eine Interpretation eines oder anderen Satzes, aus dem Zusammenhang gerissen... Dass Frau Christiane Scherer, wie sie mir bürgerlichem Namen heißt, Deutschland hasst, kann ich aus der Besprechung nirgendwo finden, und ich werde dem Angebot, es so zu lesen, auch nicht folgen. (meine kleine Bemerkung war Satire...)
Mit freundlichem Gruß
Johannes Lehnert

Johannes schreibt:
08. Juni 2018, 18:14

PS: Trotz mühevollem Googeln und Blättern in den wenigen Texten, in denen ich etwas über Adorno finde, steht nichts von seinem angeblichen Deutschlandhass, es sei denn, dass sein Hass auf Nazideutschland mit Deutschlandhass gleichgesetzt würde. Aber das wiederum traue ich nur denen zu, für die das 1000jährige Reich nur ein "Vogelschiss" in der deutschen Ruhmesgeschichte war...
J.L.

Britta schreibt:
11. Juni 2018, 21:45

Dann helfe ich Dir mal auf die Sprünge, lieber Johannes:
in Theodor W. Adorno: "Briefe an die Eltern" 1939 bis 1951. Herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003 wirst Du Zitate finden wie: "Also: möchten die Horst Güntherchen in ihrem Blut sich wälzen und die Inges den polnischen Bordellen überwiesen werden, mit Vorzugsscheinen für Juden." oder "Alles ist eingetreten, was man sich jahrelang gewünscht hat, das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot." etc.

Beobachter schreibt:
08. Juni 2018, 19:10

Auweia, das Wort "Vogeklschiß", darf man doch nun wirklich nicht verwenden! Das ist doch ganz rechts!

Johannes schreibt:
11. Juni 2018, 11:23

Was ist denn das nun wieder: "Vogeklschiß"?
Falls Sie das Wort von Gau.. (den Namen auszuschreiben, weigert sich mein Rechner, das klingt ihm zu sehr nach "Gauleiter" und kommt in seinem Rechtschreibeprogramm nicht vor!) meinen: Deswegen habe ich ja auch geschrieben: "...traue ich nur denen zu, für die das 1000jährige Reich nur ein "Vogelschiss" in der deutschen Ruhmesgeschichte war..." - zitieren darf man wohl noch, oder?
J.L.

Beobachter schreibt:
12. Juni 2018, 8:33

Euer Ehren, Sie waren gar nicht angesprochen, da Ihr Text noch gar nicht veröffentlich war! Ich hatte Gert Flesing vor dem Gebrauch des neuerdings böse rechten Wortes für einfachen Vogelkot gewarnt!

Britta schreibt:
15. Juni 2018, 12:35

Übrigens, lieber Johannes,
das Zitat mit dem "Vogelschiß" war auch komplett aus dem Zusammenhang, der das Gegenteil von dem aussagte, was mit dem herausgerissenen Zitat unterstellt wird. Nur, weil Du es doch immer so genau haben willst. Das inszenierte Skandälchen war übrigens eine gute Vertuschung zum ausgewachsenen BAMF-Skandal, zu dem die Bundeskanzlerin dezidiert Stellung nehmen müßte. Ja, so funktioniert Politik: Geschrei um nichts, um die wesentlichen Eckpunkte zu vertuschen. Mal sehen, was die Fußball-WM so alles vertuscht... Immerhin darf man sich zu dem Zeitpunkt mal in den Nationalfarben zeigen, ohne von bestimmten vaterlandslosen Gesellen angefeindet zu werden.

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