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Mit Liedern Welten bewegen

Liedermacher Stephan Krawczyk gab der DDR-Bürgerrechtsbewegung eine Hymne – und legt bis heute den Finger in Wunden
Thomas Mayer
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Stephan Krawcyk, geboren 1955 in Thüringen, lebt als Schriftsteller, Komponist und Liedermacher in Berlin und ist alleinerziehender Vater. Als DDR-Dissident wurde er 1988 mit seiner damaligen Frau Freya Klier ausgewiesen. © Foto: Eveline Kolatschek

Ein Buch von Stephan Krawczyk trägt den Titel »Feurio«. Der Begriff stammt aus der »Feuerwehrsprache«, historisch verbindet sich damit die Meldung eines Brandes. Dieser Dichter und Liedermacher meldet ja immer wieder »Brände«: die der Seele, die der Menschen.

In seinen Jugendzeiten in der DDR ging er zunächst den vorgegebenen Weg und studierte Konzertgitarre an der Musikhochschule Weimar. Durch Elternhaus und weitere sozialistische Beeinflussung im Singeklub der FDJ – Krawczyk gewann sogar den höchst offiziellen Chansonwettbewerb – war ihm vermittelt worden, die DDR sei ein menschenwürdiges Land.

Daran zu glauben, wurde ihm, vor allem während des Dienstes in der Nationalen Volksarmee, unmöglich. Zudem hatte ihm 1983 der stellvertretende Kulturminister verboten, in seinen Programmen Lieder zu singen, die er zu Texten von Andreas Reimann komponiert hatte.

Ein Gedicht hieß »Utopia«, der Begriff, so Krawczyk, war aus dem Wortschatz der SED gestrichen. Auch war Reimanns Dichtung nicht gerade parteikonform. Der Liedermacher hielt sich nicht an die Order »von oben«, weil er den Genossen die Kompetenz absprach, sich in die Dramaturgie seiner Programme einzumischen. Und so kam Krawczyk vom sozialistischen Weg ab und erhielt schon bald Berufsverbot.

In dieser Zeit begann seine Beziehung mit Freya Klier, die bis zum Jahr 1992 halten sollte. Die beiden Künstler traten nur noch in Kirchen auf, weil es andere Möglichkeiten für sie nicht mehr gab. Trotzdem wollten sie in der DDR bleiben. Eine Ausreise, die den Aufsässigen und Unbelehrbaren seitens des Staates schnell gewährt worden wäre, wollten sie nicht.

Die Westmedien berichteten über sie. Krawczyk erlangte trotz des staatlich verfügten Maulkorbes eine ureigene Identität, die es, wie er bestätigt, so in seinem Leben nie wieder gab. Pfarrer wurden für den Atheisten wichtige Verbündete, auch Christoph Wonneberger von der Lukaskirche in Leipzig. Zweimal trat Krawczyk im Leipziger Osten auf, dort wo die Lebensszenerie besonders trostlos schien. Die Kirche war bis über den letzten Platz hinaus besetzt. Als das Lied »Wieder stehen« erklang, war Gänsehautstimmung zu spüren. Es wurde zur unerklärten Hymne der DDR-Bürgerrechtsbewegung: »Lang genug auf Eis gelegen, lang genug umsonst geheult, muss die starren Glieder regen, eh der Frost ins Herz sich beult …« (...)

Stephan Krawczyk bekam einmal von einer polnischen Autorin ein Buch gewidmet. Sie schrieb für ihn: »Für eine der schönsten Seelen Berlins.« Und als er in wendländischer Provinz ein Konzert gab, lautete die Überschrift in der Lokalpresse: »Der Erleuchtete«. – »Was willst’n mehr …!?«

Auszug aus dem Buch von Thomas Mayer: Hier stehe ich … 30 Lebensbilder von Menschen mit Haltung. Evangelische Verlagsanstalt 2016, 254 S., 19,90 Euro.

 
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