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Jesus kommt zu uns als Fremdling

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Epheser 2, Vers 19
Jens Ullrich
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Diakon Jens Ullrich war 19 Jahre Jugendwart im Kirchenbezirk Aue. Seit 1. Mai arbeitet er in der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. © Steffen Giersch

Die Zahl 68,5 Millionen ist eine Zahl aus dem »Schwarzbuch der Menschheit«: Jeder 110. Mensch ist weltweit auf der Flucht: rechtlos, heimatlos – ein Fremdling. Darunter sind auch Christen. Viele flüchten in höchster Lebensgefahr. Nur wenige finden neue Lebensorte, bleiben aber meist nur geduldete Gäste, oftmals ausgegrenzt und angefeindet. Wem das zu global ist – »Man kann ja schließlich nicht die ganze Welt retten!« –, der schaue mal lokal und mutig ins »Schwarzbuch der Kirche«. Kennen Sie die Fremdlinge und Gäste Ihrer Kirchgemeinde? Wenn nicht, könnte es sein, dass diese Andersgläubigen und Andersartigen der Ausgrenzung und Anfeindung bereits gewichen sind.

Der Verfasser des Epheserbriefs macht im Blick auf die Erwählung der Heiden deutlich: Unser Gott ist ein Gott aller Völker und Menschen (Kapitel 3, Vers 6). Deshalb hat niemand aufgrund seiner Herkunft oder Leistung, Taufe und Bekehrung irgend ein Recht, sich über andere zu erheben. Denn wie Fremde waren auch wir, die wir jetzt Christen sind. Wir waren wie Gäste auf der Durchreise. Allein durch Christus haben wir ein Privileg: Wir sind nicht mehr von Gott Entfremdete, sondern Mitbürger eines Reiches, das vielfältig, multikulturell und international ist.

Dem Misstrauen und der Ablehnung von Menschen anderer Kultur oder Überzeugung hat Jesus gelebte Liebe entgegengesetzt. Er hat ihnen gezeigt, dass ausnahmslos alle bei Gott wertgeschätzt sind und erwartet werden. Fakt ist: Jesus kommt zu uns als Fremdling. Geben wir dem Heimat, der uns Heimat gibt; aber bitte nicht nach dem Motto: »Fühlen Sie sich wie zuhause, aber benehmen Sie sich nicht so.«

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6 Lesermeinungen zu Jesus kommt zu uns als Fremdling
Gert Flessing schreibt:
11. Juli 2018, 14:25

Lieber Herr Ulrich,
Fremdlinge und Mitbürger. Dieser Gegensatz kann verlockend sein. Aber diese Verlockung birgt auch eine Gefahr in sich. Es ist die Gefahr, zu vergessen, um was es Paulus geht und wie, für ihn, aus Fremdlingen Mitbürger werden.
Sie, wir werden zu Mitbürgern der Heiligen und Gottes Hausgenossen durch die Gnade, die uns in Jesus, dem Christus geschenkt wird.
Es geht, auch heute, nicht darum, sich über andere zu erheben. Aber es geht um die Frage, ob wir begreifen, das wir diese Gemeinschaft nur unter dem Kreuz Jesu finden.
Wer "in Christus" ist, ist Hausgenosse Gottes. Gottes! Das hat mit unserem Haus, unserer Beheimatung, hier auf Erden, wo wir wahrlich immer nur Gäste sind, nicht viel zu tun.
Es stimmt nicht, das Jesus zu uns als Fremdling kommt. Er kommt zu uns als Erlöser, als Befreier aus den Ängsten dieser Welt. Er kommt zu uns, als der, in dem wir Gnade finden.
Wir sind, weil wir ihm folgen wollen, bereit, anderen Menschen offen zu begegnen und auch einladend. Aber es gibt auch da Regeln, und es gibt auch da Grenzen. Alles andere wäre Wischiwaschi.
Gert Flessing

Sina Hennig schreibt:
15. Juli 2018, 18:04

Welche Regeln und Grenzen gibt es in der christlichen Nächstenliebe? Wenn ich Kommentare wie den Ihren lese, weiß ich was „konservatives“ Christentum bedeutet. Das ist nicht meine Art des Glaubens. GOTT segne Sie und alle Menschen dieser Welt. Und das meine ich aus der Tiefe meines Herzens.

Gert Flessing schreibt:
16. Juli 2018, 8:07

Liebe Frau Hennig,
Nächstenliebe kennt keine Grenzen, denn sie ist, getrieben von der Barmherzigkeit, zu der uns Jesus ruft, dort zu finden, wo ein Mensch Liebe braucht.
Nächstenliebe kennt aber Regeln. Zum einen gilt immer, das wir unseren Nächsten lieben sollen, wie uns selbst. Wer sich nicht selbst liebt, der kann, auf Dauer, den anderen Menschen auch nicht wirklich lieben.
Wer meint, er müsse sich im Dienst für den Nächsten "selbst verbrennen", wie es mir, vor vielen Jahren, ein Kollege sagte, der brennt aus.
Es gibt auch die Regel, das Nächstenliebe abwägt, was denn wirklich hilfreich für den anderen ist. Auch da gibt es Unterschiede. Ein Alkoholiker wird sich wohl, wenn man ihm eine Flasche Schnaps gibt, gewiss geliebt und angenommen fühlen …
Ich habe, vor einigen Tagen, einen der Bettelbriefe bekommen, vor denen das GAW, im letzten Sonntag, gewarnt hat. Es waren wirklich berührende Zeilen, wenn man sie das erste Mal liest.
Zu den Regeln der Nächstenliebe gehört, so etwas mehr, als einmal zu lesen.
Wir haben, in unserem Ort, Flüchtlinge aufgenommen. Wir haben viel getan, um ihnen die Integration leicht zu machen, als Kirchgemeinde mit Krabbelgruppe und Ersthilfe bei Kleidung u.a. bis zu Privathilfe, die Familien begleitet.
Es gibt die Regel, für die Menschen offen zu sein. Aber als unsere Kleidersammlung verwendet wurde, um wöchentlich neue Kleidung zu holen, anstatt die alte mal zu waschen, haben wir das nicht mehr machen können.
Sie sehen, ohne Regeln kann auch Nächstenliebe nicht funktionieren.
Gert Flessing

Sina Hennig schreibt:
16. Juli 2018, 17:45

Lieber Herr Flessing, natürlich sollen Sie sich nicht ausbrennen. Das hat etwas mit Ihrer Psyche und nicht mit Regeln und Grenzen zu tun.
Und statt die Kleiderausgabe zu stoppen, wäre es vielleicht sinnvoller, den Menschen das Waschen der Wäsche zu erklären. Klingt vielleicht trivial, ist aber durchaus denkbar. Glauben Sie mir, ich habe mit Flüchtlingen Erfahrungen seit Jahren und habe auch beruflich mit Ihnen zu tun. Ich weiß, dass nicht alle Menschen gut sind, aber das bremst much nicht in der Ausübung meiner Hilfe und Nächstenliebe. Das haben die vielen „guten“ Menschen nicht verdient. Auch ich habe manchmal dunkle Momente, aber gerade diese durchzustehen und an das Gute zu glauben, das ist, denke ich, der Sinn. Ich wünsche Ihnen viel Kraft!

Marcel Schneider schreibt:
12. Juli 2018, 18:13

Lieber Jens Ullrich, wie gerne lese ich von Ihnen. Es ist ein Segen, dass Sie in einer anderen Landeskirche Ihr Glück gefunden haben.
Ich wünsche Ihnen und Ihrem Mann Alles Gute und freue mich, dass der SONNTAG Sie zu Wort kommen lässt.

Johannes schreibt:
31. Juli 2018, 15:18

Da bei Lifeline-Artikel die Kommentarfunktion geschlossen ist, zitiere ich hier zum Thema Flucht:

"❗ES IST UNFASSBAR UND MACHT WÜTEND: Auf Anweisung der sogenannten libyschen Küstenwache hat gestern abend ein Italienisches Schiff 108 gerettete Menschen nach Libyen zurückgebracht (!) – in ein Land, in dem die Menschenrechte nicht geachtet werden und es keine Möglichkeit gibt, Asyl zu beantragen oder Schutz zu erhalten. Das verstößt eindeutig gegen die Genfer Flüchtlingskonvention.❗
"Proactiva Open Arms" berichtet, dass das italienische Schiff "Asso Ventotto" die Menschen auf der Flucht in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste aufgenommen und nach Libyen deportiert hat. Das ist schrecklich und menschenverachtend!
Dies ist der erste illegale sogenannte "Push-Back" seit Jahren und ein schlimmes Zeichen! Für eine ähnliche Aktion wurde Italien 2012 vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt (#Hirsi).
Es ist unglaublich, dass europaweit immer mehr Menschen auf die Straßen gehen gegen die unmenschliche Abschottungspolitik und die Entscheidenden scheint das absolut null zu interessieren – im Gegenteil: es wird immer schlimmer & rücksichtsloser gehandelt!" (Seebrücke - Schafft sichere Häfen)
Johannes Lehnert

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