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»Frieden wächst, wenn man aufeinander zugeht«

Der weihnachtliche Weg zum Frieden geht über das Wagnis der Verwundbarkeit. Doch wie kann die Angst vor Verletzungen gezähmt werden?
Das Gespräch führte Stefan Seidel
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Hildegund Keul ist Theologieprofessorin an der Universität Würzburg. © Foto: Oliver Volke

Frau Keul, in Ihrem Buch deuten Sie Weihnachten als »Das Wagnis der Verwundbarkeit«. Was bedeutet das?
Hildegund Keul: In Jesus wird Gott Mensch und damit hoch verwundbar: ein neugeborenes Kind. Maria und Josef, die Hirtinnen und Hirten, die Sterndeuter sind bereit, dieses Kind in der Krippe zu schützen, sogar vor dem Diktator Herodes. Sie eröffnen dem Winzling Leben – und werden selbst zu starken, bis heute inspirierenden Vorbildern. Sie wachsen am Wagnis der Verwundbarkeit.

Gegenwärtig wird politisch eher auf Abschottung und Abgrenzung gesetzt. Wäre »Verwundbarkeit« der bessere Weg?
»Verwundbarkeit« bietet einen Schlüssel in vielen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Nehmen wir als Beispiel die Migration. Da stehen auf der einen Seite die Menschen, die nach Europa einwandern wollen, um einer äußerst bedrängenden Situation zu entfliehen – nagende Armut, bedrohliche Krankheit, politische Gefährdung. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die sich von dieser Flucht so Vieler in ihrer eigenen Verwundbarkeit angetastet sehen. Sie wollen ihre Lebensressourcen schützen – für sich selbst, für die eigene Familie, Gesellschaft oder Religion.
Diese Verwundbarkeit auf beiden Seiten hat zur Folge, dass Europa seine Grenzen geradezu gnadenlos absichert. Man schützt sich selbst vor Verwundung, indem man Andere der Verwundbarkeit aussetzt. Dabei nimmt man sogar die unzähligen Toten an den Grenzen Europas in Kauf. Im Anschluss an die Weihnachtsgeschichte nenne ich das die »Herodes-Strategie«: Andere verwunden, um selbst nicht verwundet zu werden.

Welche Alternative sehen Sie?
Frieden wächst, wenn man die eigene Angst vor Verwundung überwindet, aufeinander zugeht, Vertrauensvorschuss investiert und so tragfähige Beziehungen und Freundschaften begründet. Fürchtet euch nicht.

Doch wie geht man mit der Angst um, die ja dennoch da ist? Und wo ist die Grenze zum fahrlässigen Risiko?
Hier steht man vor einer Doppelfrage: Wo ist es notwendig, mich selbst und das Eigene vor Verwundung zu schützen? Und wo ist es um des Lebens willen notwendig, das Risiko einer Verwundung einzugehen? Fahrlässiges Risiko vermeidet man durch Selbstschutz. Genauso wichtig ist es, an der richtigen Stelle Verwundbarkeit zu riskieren. Die Angst hiervor kann man zähmen, indem man sich vor Augen hält, welchen Gewinn dieses Risiko verheißt – dass das eigene Kind gut aufwachsen kann; dass wir friedlicher miteinander leben; dass Gesellschaften besser miteinander zurechtkommen.

Kann man »Verwundbarkeit« lernen?
Die gute Botschaft ist: Wenn man sich verletzlich macht und sich öffnet, um das Leben anderer Menschen zu schützen, kann daraus neue Stärke und Lebendigkeit entstehen. So sieht die Lösung aus christlichen Sicht aus: wir riskieren eigene Verwundbarkeit in der weihnachtlichen Hoffnung, dass aus dem Wagnis neues Leben entsteht. So machen sich Eltern verwundbar, wenn sie sich für ein Kind entscheiden. Das muss sie nicht schwächen, vielmehr macht es ihr Leben reich.

Buchtipp: Hildegund Keul: Weihnachten. Das Wagnis der Verwundbarkeit. Patmos Verlag, 144 Seiten, 14 Euro.

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