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Die Geburt des Christentums aus der CO2-Narkose

Historiker Johannes Fried beweist, dass Jesus die Kreuzigung überlebt hat
Olaf Schmidt
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Der Verdacht, bei Jesu Auferstehung sei Betrug im Spiel gewesen, ist so alt wie der Glaube an die Auferstehung selbst. Auch die Annahme, ein anderer sei an seiner Stelle gekreuzigt worden oder er habe seine Hinrichtung scheintot überlebt, ist ein alter Hut.

Jetzt legt Johannes Fried, bis zu seiner Emeritierung Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Frankfurt am Main, eine weitere Variante der Scheintod-Hypothese vor. In seiner Abhandlung »Kein Tod auf Golgatha« erklärt er die Auferstehung medizinisch: Infolge der Folterungen und der Kreuzigung sei Jesus in eine narkoseähnliche Ohnmacht gefallen, so dass man ihn für tot gehalten habe. Der Soldat, der ihm mit der Lanze die Seite öffnete, rettete ihm damit unabsichtlich das Leben: »Der Stich in die Seite […] ließ das Wasser-Blut-Sekret abfließen; er wirkte wie eine Entlastungspunktation und linderte die Atemnot. Die verzögerte Sauerstoffzufuhr im Hirn sorgte zwar für eine noch anhaltende Ohnmacht und ließ Jesus noch tot erscheinen […].« Im Grab erwachte Jesus, erholte sich von seinen Verletzungen und zeigte sich den Jüngern. Allerdings hatten die Christen für den leiblichen Jesus keine Verwendung mehr. Für sie war er ja in den Himmel aufgefahren. Fried vermutet, Jesus habe sich noch eine Weile als Wanderprediger jenseits der römischen Grenzen herumgetrieben. Womöglich haben sich seine Ideen im Orient verbreitet – wird nicht auch im Koran behauptet, er sei nicht am Kreuz gestorben? Fried erklärt nicht allein die Geburt des Christentums aus der CO2-Narkose, im Nachgang hat Jesus auch gleich den Islam »auf die Schiene gesetzt«.

Zurück zur Scheintod-Hypothese: Für sich genommen ist Frieds Beweisführung durchaus schlüssig; Sherlock Holmes hätte seine Freude an ihm gehabt. Leider beruht sie auf reichlich fragwürdigen Voraussetzungen: Fried hält die Schilderung der Kreuzigung im Johannesevangelium für einen Augenzeugenbericht, und er glaubt, einen zweitausend Jahre alten Fall mit denkbar ungünstiger Überlieferungslage medizinisch rekonstruieren zu können.

Glaubt er das tatsächlich? Einerseits lässt Fried keine Gelegenheit aus, auf den spekulativen Charakter seiner Untersuchung hinzuweisen. Andererseits trägt er seine Erkenntnisse ziemlich apodiktisch, mit aufklärerischem Aplomb vor. Fried ist merklich verliebt in seinen eigenen Scharfsinn und gefällt sich in der Rolle des Advocatus Diaboli. Von seinem »Schriftchen« erhofft er sich denn auch, wie er im Vorwort schreibt, »endlosen Widerspruch und Feindschaften«.

Doch bislang hat sich kein namhafter Historiker oder Theologe zu einem solchen Widerspruch hinreißen lassen. Warum auch? Der eigentliche Skandal besteht am Ende darin, dass ein so angesehener Verlag wie C. H. Beck sich nicht zu schade ist, einen derartigen Kokolores zu veröffentlichen.

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