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Sächsische Identität in Landeskirche bewahren

Ruhestand: Nach fast zehnjähriger Amtszeit wird Johannes Kimme als Präsident des Landeskirchenamtes verabschiedet. Ein Gespräch über den Ruf seines Amtes, Kirchenaustritte, die Strukturreform, Staatsleistungen sowie die Zukunft der Kirche.
Das Gespräch führte Uwe Naumann
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Abschied vom Amt: Dr. Johannes Kimme im Foyer des Landeskirchenamtes in Dresden. Seit 2010 ist er dort Präsident. Am 5. Juli, 18 Uhr wird er mit einem Gottesdienst in der Dreikönigskirche verabschiedet. © Steffen Giersch

Herr Kimme, Sie gehen in politisch unruhigen Zeiten in den Ruhestand. Wie blicken Sie auf die bevorstehende Landtagswahl?

Johannes Kimme: Ich blicke sehr gespannt auf die Landtagswahl. Ich sehe, dass es gut ist, dass wir in Deutschland eine Fünf-Prozent-Klausel haben. Denn es wird, wenn wir an die Weimarer Republik denken, unheimlich schwierig, eine stabile Regierung zu bilden. Und das ist nach der Landtagswahl eine der Hauptaufgaben. Aber ich denke, wir sind als Kirche gut beraten, uns hier parteipolitisch nicht in eine Richtung zu begeben. Der Vorwurf, dass wir sehr stark Richtung rot-grün zu verorten seien, da wollen wir die Kirche offen halten für das ganze Spektrum auf dem Fundament der Bibel und unseres Grundgesetzes.

Alle im Landtag vertretenen Parteien schließen Sie da mit ein?

Wir haben uns ja positioniert, dass wir sehr genau schauen, dass die biblischen Grundlagen und die Grundlagen der Menschenwürde aufgenommen werden. Und da sieht man, dass in einigen Parteien manches in Bewegung ist, und es heißt wachsam zu beobachten, in welche Richtung sich das personell und inhaltlich entwickelt. Ich rede nicht mit Parteien, ich rede mit Menschen oder auch mit manchen nicht.

Sehen Sie besondere Herausforderungen auch für die Landeskirche mit Bezug auf die Landtagswahl und die Zeit danach?

Sicher sehe ich die. Da gibt es die allseits virulenten Fragen wie etwa, ob die Staatsleistungen nach 100 Jahren endlich abzulösen sind. Wir haben uns in der EKD verständigt, dass wir da keine Einzelaktionen fahren. Aber der Bund hat den Auftrag, ein Gesetz zu machen.

Wie ist ihre persönliche Meinung zur Frage der Ablösung?

Das einfachste und gerechte wäre, wir bekommen die Grundstücke zurück, die wir vor 200 Jahren weggenommen bekommen haben. Ich war ja 18 Jahre lang Präsident des Landesamtes für Eigentumsfragen, ich weiß, worum es da geht. Da wo Rückgabe nicht möglich ist, kann man auch an gleichwertige Ersatzgrundstücke denken. Wenn auch das nicht ist, wird man wohl über einen langen Zeitraum der finanziellen Ablösung denken, damit die Landeshaushalte nicht überfordert sind. Das sind die Rechtsgrundlagen.

Halten Sie es für realistisch, dass Sie die Ablösung noch erleben?

Das kommt darauf an, wie lange ich noch lebe. Das Thema ist natürlich jetzt besonders im Fokus. Aber es ist auch ein Problem, dass eine Ebene das Gesetz machen muss, und eine andere Ebene das dann bezahlen soll – wenn es denn auf Geld hinauslaufen sollte.

Die Prognosen zur Mitglieder- und Kirchensteuerentwicklung sind nicht so positiv. Trotzdem geht es der Kirche besser, als sie vorhergesagt hat.

Wir haben in den letzten zehn Jahren das Glück gehabt, dass die Konjunktur sehr gut gelaufen ist. Dadurch hat sich das Pro-Kopf-Aufkommen der Kirchensteuer beachtlich entwickelt. Wir sehen aber in Studien, dass die demographische Entwicklung nur zur Hälfte zu künftigen Mindereinnahmen beiträgt. Die andere Hälfte ist die Austrittsproblematik. Das betrifft Männer stärker als Frauen und betrifft besonders den Zeitpunkt des Berufseintritts. Das muss für die Zukunft ein Arbeitsfeld sein, gerade im Bereich der Berufsschulen und Nicht-Akademiker.

Der Austritt aus der Kirche muss ja vor dem Standesamt erklärt werden. Wäre es nicht besser, dass die Austrittswilligen dazu zur Kirche kommen, damit die Kirche wenigstens die Gründe erfährt und vielleicht auch noch ein Gespräch darüber führen kann?

Ich halte Gespräche für ganz wichtig. Es ist in der Regel ein langer Prozess, bis man in die Kirche eintritt, durchschnittlich zwölf Jahre von der Erstbegegnung mit Kirche. Ich denke, der Austrittsprozess ist nicht ganz so lang, aber er ist auch ein Prozess. Als Jurist sage ich, dass es notwendig ist, den Austritt beim Standesamt zu erklären, weil die Religionszugehörigkeit ein wesentliches Personenstandsmerkmal ist.

Aber es gäbe die Möglichkeit, den Austritt auch bei der Kirche zu erklären. In Bremen kann das so gemacht werden.

Der Staat hat das Bundesmeldewesen. Nach Melderecht muss es zum Standesamt kommen. Vielleicht hat sich in Bremen die Kirche verpflichtet, diese Angaben weiterzuleiten. Das weiß ich nicht.

Aber wäre das nicht eine Möglichkeit, mit den Menschen noch einmal ins Gespräch zu kommen?

Das bekommen wir ja relativ schnell mitgeteilt. Aber Sie sagen natürlich, dann ist es schon zu spät, wenn der Austritt erklärt wurde.

Genau.

Wir bekommen durchaus viele Unmutsbekundungen mit. Etwa, wenn auf dem Friedhof die Beisetzung nicht mehr im Familiengrab möglich ist. Ich habe auch schon selbst Menschen angerufen und gefragt, ob sie deswegen wirklich austreten wollen. Also Gespräche sind da immer wertvoll.

Austreten wollen auch ganze Gemeinden, nämlich aus der Strukturreform der Landeskirche.

Dieser zunehmende Individualismus, auf eigene Kraft und Rechte pochend, das macht mir Sorge. Ich bin immer erschrocken, wenn ich von Kirchgemeinden Briefe erhalte, wo drinsteht, wir kriegen das schon allein hin, ohne andere Gemeinden. Besetzt einfach unsere Pfarrstelle wieder. Aber die Solidarität mit anderen Gemeinden, die vielleicht ein Stück dieser Kraft brauchen könnten, kommt stärker abhanden.

Können Sie die Eigenständigkeit der Gemeinden auch positiv sehen?

Es gerät leicht aus dem Blick, dass die Pfarrer durch uns als Landeskirche zu 100 Prozent abgesichert sind. Als Präsident des Landeskirchenamtes muss ich mir aber auch die schwächsten Glieder anschauen. Und das sind im Hauptamtlichenbereich die Verwaltungsmitarbeiter. Denn pro Pfarrstelle sind hierfür nur 25 Prozent geplant. Dort müssen auskömmliche Anstellungsverhältnisse herauskommen.

Trotzdem bangt jede Gemeinde um ihre Identität.

Wir wissen um das Spannungsverhältnis. Deshalb haben wir vier Modelle angeboten und kein Zwangsmodell.

Wie häufig sind Sie in Gemeinden herumgekommen?

Leider weniger als ich es mir am Anfang vorgenommen hatte. Weil ich vor Ort das Problem habe, dass ich nicht allein für das Landeskirchenamt sprechen kann. Wir sind zehn Personen im Kollegium, die abstimmen. Und in Gemeinden produziere ich immer Spannungslagen, wenn ich auftrete und es heißt dann, der Präsident hat doch gesagt ... Das zwingt einen Präsidenten zu einer gewissen Mäßigung bezüglich der Vorfestlegung nach außen.

Sie können ja auch zum Hören in die Gemeinden fahren.

Das tue ich. Ich höre in alle Richtungen, wo ich hören kann.

Was hören Sie in Gemeinden über den Ruf des Landeskirchenamtes?

Es war mein Ansporn zu Beginn, diesen Ruf deutlich zu verbessern. Aber er scheint unausrottbar. Dabei ist die Stabsstelle für Kommunikation deutlich besser besetzt, Internetauftritte, Newsletter, alles ist in meiner Dienstzeit entstanden. Und trotzdem habe ich das Gefühl, man braucht den Buh-Mann da oben.

Wie erklären Sie sich das?

Wir sind im Landeskirchenamt schon schmal aufgestellt, haben hohe Spezialisierungen und fast jeder hat keinen richtigen Vertreter. Dadurch kommt es manchmal schon zu Verzögerungen. LKA – lange keine Antwort. Ich habe natürlich gelernt, wie der Ruf ist. Ich hatte gehofft, dass sich das wesentlich geändert haben wird. Nehmen Sie die Umsatzsteuer und den Datenschutz: Wir freuen uns nicht, dass die Kirchgemeinden bald umfangreiche Erklärungen abgeben müssen und möglicherweise Umsatzsteuer auf manches bezahlen müssen, was zuvor nicht war. Das sind Rahmenbedingungen, die wir nicht zu verantworten, aber denen wir uns zu stellen haben.

Die Strukturreform aber schon, die kommt aus der Kirchenleitung.

Die Zeit war sicher nicht so günstig, wenn wir immer wieder sagen müssen, dass die Struktur nicht dauerhaft trägt. Es braucht Zeit, um die Mitarbeiter mitzunehmen und die Prozesse erträglich zu gestalten. Und nicht zu vergessen, auch missionarische Stellen für neue Impulse zu schaffen.

Die Pfarrer haben im Unterschied zu den anderen Hauptamtlichen eine beamtenähnliche Stellung und Versorgung. Sehen Sie da angesichts der Haushaltsdiskussion Veränderungsbedarf?

In meiner Dienstzeit habe ich konsequent durchgesetzt, dass ich für über 40-Jährige nur noch privatrechtliche Anstellungsverhältnisse unterschreibe. Das sind in etwa unter 30 in meiner Amtszeit gewesen. Aber es ist schon ein anderes Verhältnis, wenn ich jemandem von Beginn an auf Lebenszeit abverlange, als Seelsorger immer da zu sein. Das sehe ich beim Richter genauso, ich war ja mal Richter. Das Amt des Pfarrers würde sonst zum Job werden. Ich finde, es ist unsere Stärke, dass wir uns das leisten.

Früher waren auch manche Kirchenmusiker in solchen Beamtenverhältnissen und sind es jetzt nicht mehr.

Das ist richtig. Aber der Kirchenmusiker ist nicht der Schlüsselseelsorger und der, der es aufrechterhalten muss. Da sehe ich schon erhebliche strukturelle Unterschiede des Pfarrers zum Verwaltungsmitarbeiter, Kirchenmusiker oder Gemeindepädagogen.

Der Kirchenbezirk Glauchau-Rochlitz hat sich gerade aufgelöst. Der Großkirchenbezirk Dresden-Pirna ist in der Diskussion. Wie ist Ihre Meinung zu diesem großen Modell?

Ich möchte jetzt nicht vorgreifen, aber ich glaube, man muss sich die Strukturen in Pirna noch einmal genau anschauen, damit man sieht, was passt wirklich zusammen. Einen Kirchenbezirk mit über 100 000 Gemeindegliedern, diese Größenordnung finde ich persönlich sehr kritisch.

Und wie lange wird die Landeskirche noch selbständig bleiben?

Wir haben eine Randlage. Ich persönlich, aus einem lutherischen Pfarrhaus stammend, würde ein Zusammengehen nur mit einer wirklich lutherischen Kirche überhaupt ins Auge fassen wollen. Und das wäre dann die bayerische Kirche. (lacht) Wir sind in der Größenordnung eine mittelgroße Kirche. Ich denke, Kirche hat etwas mit Heimat zu tun. Das ist auch in den Gemeinden so, aber dort kann es etwas leichter erweitert werden. Ich finde es sehr wichtig, dass die sächsische Identität auch in der Landeskirche bewahrt bleibt.

Was haben Sie sich für Ihren Ruhestand vorgenommen?

Natürlich wohne ich weiter in Dresden. Ich habe schon zwei Bücher geschrieben – ob da ein drittes dazukommt, werde ich sehen. Meiner Frau habe ich angedroht, dass wir die Grenzen Europas mit dem Wohnmobil abschnittsweise abfahren. Aber die Germania-Pleite hat unseren Flug nach Island gestrichen. Jetzt fahren wir erstmal an die Ostsee, wo meine Frau vier Konzerte gibt und ich lange Freizeit habe. Ich war nie krank, war nie zur Kur. Ich freue mich jetzt auf eine längere Zeit des selbstbestimmten Freiseins.

Und was möchten Sie Ihrem Nachfolger Hans-Peter Vollbach mit auf den Weg geben?

Keine Ratschläge. Nur Gottes Segen.

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