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Auf das Jota kommt es an

Von Olaf Schmidt
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Von jeher beklagen Schulmeister und andere Sprachpfleger den Verfall des Deutschen. In der Tat: Heutige Abiturientinnen und Abiturienten beherrschen Rechtschreibung und Grammatik oft nur unzulänglich; die Kommasetzung ist zu einer Geheimwissenschaft herabgesunken. Das ist betrüblich. Aber womöglich kommt es noch schlimmer: Der Literaturkritiker Karl Kraus war etwa davon überzeugt, dass sich bereits im geringsten Kommafehler der Verfall einer ganzen Epoche offenbare: Wer mit der Sprache nachlässig umgeht, geht auch mit der Welt nachlässig um. Ist der Gedanke so abwegig?

Das Jota – das »i« – ist der kleinste Buchstabe des griechischen Alphabets (siehe Matthäus 5,18). Aber Theologen wissen, dass ein einziges Jota durchaus den Lauf der (Kirchen-)Geschichte beeinflussen kann. Im 4. Jahrhundert stritten die Christen darüber, ob Jesus Gott dem Vater wesensgleich oder nur wesens­ähnlich sei. Im Griechischen heißt das eine »homooúsios«, das andere »homoioúsios«. Die beiden unversöhnlichen Positionen haben sich also nur durch ein Jota unterschieden. Übrigens ging es nicht bloß um einen Streit unter Gelehrten, es kam darüber sogar zu gewaltsamen Ausschreitungen in vielen Städten des römischen Reiches. Nach allem empfiehlt sich also auch und gerade in Fragen der Sprachpflege Gelassenheit. Letztlich ist ja die Rechtschreibung nur Mittel zum Zweck: sich möglichst verständlich auszudrücken. Unser größtes Sprachgenie sah das ähnlich. »Mir«, bemerkt Goethe einmal, »war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig. Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an; sondern darauf, daß die Leser verstehen, was man damit sagen wollte!« Immerhin kann die Rechtschreibung dabei helfen.

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