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Geschwister können ein Geschenk sein

Anselm Grün möchte mit seinem neuen Buch »Geschwisterbande« in Geschwistern die Sehnsucht nach einer gelingenden Beziehung wecken
Von Karin Ilgenfitz
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In jedem Menschen steckt ein bisschen Jakob und ein bisschen Esau. Die beiden Brüder aus der Bibel stehen für »die vitale und die schlaue Seite, für die helle und die dunkle Seite, für das Männliche und Weibliche in uns«, schreibt Anselm Grün. Der Benediktinerpater geht in seinem Buch »Geschwisterbande« anfangs auf verschiedene Geschwister der Bibel ein. Jakob und Esau sind ein Beispiel für gelungene Versöhnung zwischen Brüdern. Dass sich die beiden nach dem Kontaktabbruch wieder versöhnen können, liegt auch daran, dass sich Jakob seiner dunklen Seite gestellt hat.

Weniger beispielhaft ist die Beziehung zwischen Kain und Abel. Die Bibel erzählt, dass der erstgeborene Kain seinen jüngeren Bruder im Zorn erschlagen hat. Weiter heißt es, dass Kain viele Nachkommen zeugte. Abel dagegen blieb kinderlos. »Das heißt aber auch, dass wir alle Nachkommen Kains sind und uns diese Problematiken des Erstgeborenen und des Geschwisterneides von Anfang an in die Wiege gelegt sind«, so Anselm Grün. Er verweist auf den Kinderarzt Karl König, der davon ausgeht, dass jeder Erstgeborene etwas von Kain an sich trage, jeder Zweitgeborene Züge Abels habe. Da mag etwas dran sein, so Grün. Die Rolle in der Geschwisterreihe mag Auswirkungen auf die Person haben. »Aber niemand wird dadurch für sein ganzes Leben festgelegt.«

Anselm Grün hat viel Erfahrung mit dem Thema Geschwisterbeziehungen. Zum einen hat er selbst sechs Geschwister. Zum anderen ist es ein häufiges Thema in den vielen Seelsorgegesprächen, die er führt. Mit seinem Buch will er aber weniger die problematischen Beziehungen und ihre psychischen Ursachen beschreiben. Sein Hauptanliegen ist es vielmehr, die Sehnsucht nach einer gelingenden Beziehung untereinander zu wecken. Denjenigen, die an Konflikten leiden, versucht er Wege aufzuzeigen, wie sie mit schwierigen Beziehungen umgehen können. Außerdem ermutigt er verfeindete Geschwister, sich zu versöhnen.

Die Beziehung zu Schwestern und Brüdern ist etwas ganz anderes als die zu Freunden. Freunde sucht man sich aus. Geschwister aber hat man. Und sie sind die Menschen, die einen von Anfang an begleiten. »Im Kreis der Geschwister lernt man die wichtigsten Schritte ins Leben«, so Anselm Grün. »Aber gerade weil man schon seit frühester Kindheit mit den Geschwistern zusammen ist, entstehen daraus auch viele Konflikte.« Wenn diese Konflikte nicht bearbeitet werden, kann später kein gutes Miteinander wachsen.

So kann Versöhnung dann gelingen, wenn die Geschwister einander auf Augenhöhe begegnen. Konflikte entstehen oft dadurch, dass jeder vor dem anderen etwas darstellen und sich im besten Licht zeigen will, ist Anselm Grün überzeugt. Jeder Mensch hat seine Schattenseiten. Wenn jemand die Schwester oder den Bruder bekämpft, bekämpft er damit auch oft die eigene Schattenseite. Das, was man bei sich selbst nicht annehmen kann, wird auf den Bruder oder die Schwester übertragen. Der andere sei demnach wie ein Spiegel, in dem man die eigene Wahrheit erkennen könnte. Doch vielen Menschen fällt es schwer, sich mit ihrer eigenen Wahrheit auszusöhnen. »Sie wollen den Spiegel lieber zertrümmern, damit er sie nicht an die eigenen Schwächen erinnert.« Der Benediktinerpater sieht einen wichtigen Schritt zur Versöhnung darin, dass man sich den eigenen Schattenseiten stellt – so wie das die Bibel von Jakob und Esau berichtet.

Und da ist noch die Geschichte von Josef und seinen Brüdern. Es scheint nachvollziehbar, dass die Brüder eifersüchtig waren auf Josef, der von seinem Vater bevorzugt wurde. Also beschließen sie ihn zu töten. Nur einer war dagegen, so verkauften sie ihn als Sklave nach Ägypten. Doch Gott verwandelt dieses Schicksal. Am Ende bewahrt Josef seine Brüder vor dem Verhungern und sie versöhnen sich. »Versöhnung ist nur möglich, weil die Brüder ihre Tat bereuen«, sagt Anselm Grün. »Die Geschichte will in uns die Hoffnung nähren, dass auch Geschwisterkonflikte, selbst wenn sie lange dauern, geheilt werden können.«

Weiter zeigt Anselm Grün auf, was Eltern dazu beitragen können, damit sich Geschwister vertragen. »Geschwisterbande« ist ein hilfreiches Buch für alle, die sich für das Thema interessieren.

Anselm Grün: Geschwister­bande. Eine ganz besondere Beziehung. bene Verlag, 192 ­Seiten, 18 Euro.

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