Das sanfte Genie

Kunst und Kirche: Der Maler und Architekt Raffael hat die Bildsprache der Kirche geprägt und geniale Werke geschaffen. Am Karfreitag vor 500 Jahren starb er – nur 37-jährig.
Von Christian Feldmann
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Fresko »Die Schule von Athen«
Eines der berühmtesten Werke Raffaels: Das Fresko »Die Schule von Athen« (1511) in der Stanza della Segantura im Vatikan. © Foto: Wikipedia

Irgendwann im Jahr 1508 kam ein unbekannter 25-jähriger Provinzmaler namens Raffaello Sanzio in Rom an. Raffael, wie er bald nur noch genannt wurde, stammte aus Urbino. Dort hatte er in der Werkstatt seines Vaters und dann in Florenz eine Menge gelernt. Offenbar so viel, dass ihm der Papst ziemlich rasch die Ausgestaltung seiner Privatgemächer übertrug. Der Aufsteiger aus der Provinz soll anmutig und ein angenehmer Gesellschafter gewesen sein, anders als der abgehobene Leonardo da Vinci oder der mürrische Michelangelo. »Grazia«, Anmut, wird ihm denn auch in den zeitgenössischen Zeugnissen bescheinigt. So malte er auch seine Porträts von Adeligen und jungen Mädchen, Geldleuten und Kirchenfürsten: sanfte Gesichter, offener Blick. Und so malte er vor allem auch die Madonna, immer wieder, dutzende Male. An die Stelle der ikonenhaften Strenge traten Zärtlichkeit und Melancholie. Aus ruhigen Landschaften und lockeren Wölkchen treten Mütter hervor und bringen den Himmel auf die Erde.

Die Herzen müssen ihm zugeflogen sein, wohl auch das des zu Jähzorn neigenden Papstes Julius II. Er ließ Raffael in seinen Privaträumen freie Hand. Am bekanntesten ist das Fresko »Schule von Athen« in der Stanza della Segnatura geworden – zehn Meter breit und in 45 Tagen vollendet. Vor einer architektonischen Kulisse, die an die gerade entstehende Peterskirche erinnert, sind Philosophen, Ethiker, Geographen, Mathematiker in einer erregten Debatte begriffen. Man erkennt Ptolemäus mit der Weltkugel, Euklid mit einem Zirkel, Pythagoras, Sokrates, Aristoteles; Michelangelo soll Heraklit verkörpern und Leonardo den großen Platon.

Klar, dass der Schöpfer solcher Panoramen eine Blitzkarriere machte – zumal er enorm fleißig war, sein bescheidenes Auftreten beibehielt und die neu entwickelte Kunst der Druckgrafik nutzte: Der Kupferstecher Raimondi verbreitete Raffaels Entwurfszeichnungen in großen Auflagen. Doch je berühmter und reicher er wurde, desto mehr geriet Raffael auch in Konkurrenz zu den anderen Stars der Kulturszene. Michelangelo beschuldigte ihn gar der Werkspionage.Auf so eine Idee konnte man durchaus kommen. Unter Experten gilt Raffael bis heute als scharfer, stets lernwilliger Beobachter, der Zeittrends und Impulse seiner Rivalen unbefangen aufgriff, freilich nie einfach nachahmte, sondern weiterentwickelte und in seinen eigenen unverwechselbaren Stil einschmolz.

Wie er jedes Engelchen, jede Dienstmagd, jeden römischen Soldaten auf seinen Altarbildern und Historiengemälden zum Individuum gestaltete, mit zahllosen kleinen Eigenheiten in der Mimik, Körperbewegung, Kleidung, das war einzigartig. Seine lebhaften Farben, seine subtile Ausdruckskraft, seine Virtuosität, was Sujets, Formate, Maltechniken betraf, das alles entzückte die Zeitgenossen und riss den Künstlerbiografen Giorgio Vasari zu dem Urteil hin: »Naturgetreuer als die Natur selbst!«

Heute weiß man, dass wohl niemand seiner Kollegen Bildkompositionen und Figurenaufbau sorgfältiger vorbereitet hat als Raffael. Vor der eigentlichen Malarbeit experimentierte er unermüdlich mit Bewegung und Ausdruck seiner Figuren, platzierte sie einmal da, einmal dort auf der Leinwand, benutzte Kreide, Kohle, Feder, Metall- und Silberstift. Die Umrisse seiner Skizzen pauste oder stach er von maßstabsgetreuen Kartons auf ein weiteres Blatt durch, wo dann Gesichter, Hände, Frisuren, Gewänder bis ins kleinste Detail ausgearbeitet wurden. Und doch wirken diese Gemälde, wenn sie fertig sind, so unbeschwert und leicht, manchen sind sie zu harmlos in ihren Entwürfen einer idealen Welt, auf der es fast immer ruhig und friedlich zugeht.

1514, Raffael steht vor der Vollendung der »Stanzen«, stirbt Papst Julius II. Sein Nachfolger, der nicht minder kunstsinnige Leo X., überhäuft Raffael mit Aufträgen. Er soll weitere Gemächer im Vatikan ausmalen und Wandteppiche für die Sixtina entwerfen. Als sein Landsmann Bramante stirbt, halst ihm der Papst auch noch die Bauleitung der Peterskirche auf. Es ist die größte Baustelle Europas, und Raffael hat als Architekt bisher lediglich eine Loggia am Tiber und den Marstall des Bankiers Chigi entworfen. Doch er hat hervorragende Mitarbeiter und wunderbare Ideen für Fassaden und Ornamente. Weil er mittlerweile in Arbeit erstickt, muss Raffael auch die Ausführung seiner Entwürfe für die Räume im Vatikan und viele Details der Madonnen und Porträts seiner florierenden Werkstatt überlassen.

Am 6. April 1520, es ist sein 37. Geburtstag und ein Karfreitag – wie in diesem Jahr auch–, erliegt Raffael einem Fieberanfall. War es die Malaria? Es geht das Gerücht, in einer Wand des Apostolischen Palastes sei ein gefährlicher Riss aufgetreten. Wie müssen ihn die Menschen damals verehrt haben! Und geliebt.

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