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Im Ende der Anfang

Ostern: Was bedeutet die Auferstehung Jesu Christi? Wie ist das ewige Leben vorstellbar? Und: Sehen wir uns wieder? Der Theologe Jürgen Moltmann gibt Antworten.
Das Gespräch führten Wolfgang Noack und Rainer Brandt
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Denker des Glaubens: Der renommierte evangelische Theologe Jürgen Moltmann (93) in seinem Lesezimmer in seiner Wohnung in Tübingen (2015). Moltmann lehrte Systematische Theologie in Tübingen und wurde insbesondere durch seine Bücher »Theologie der Hoffnung« (1964) und »Der gekreuzigte Gott« (1972) weltberühmt. © Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Herr Moltmann, was ist aus Ihrer Sicht zu Ostern vor 2000 Jahren in Palästina geschehen?
Jürgen Moltmann: Die Jünger waren vom Kreuz geflohen, weil sie enttäuscht waren. Für sie hing Jesus ohnmächtig am Römerkreuz. Und die Frauen waren erschrocken und entsetzt, weil sie den Toten nicht mehr fanden. Damit ist ihr Weltbild von Leben und Tod erschüttert worden. Fünfzig Tage nach Ostern sind die Jünger dann wieder in Jerusalem und verkünden die Auferstehung Jesu Christi. Das war mit Todesgefahr verbunden, da sie in den Augen der Römer ja einem Terroristen nachgefolgt waren.

Ist Jesus an Ostern wirklich auferstanden?
Ja, ganz wirklich. Wirklicher als wir die Wirklichkeit der Welt sehen.

Zweidrittel der Menschen in diesem Land glauben aber nicht an die Auferstehung, eher vielleicht noch an eine Reinkarnation. Sie aber sagen, Jesus ist leiblich auferstanden.
Ja, und das ist der Anfang der Totenauf­erstehung. Die Jünger hatten nur die Erinnerung an sein Sterben und aus den Erscheinungen danach zogen sie den Schluss, dass Jesus von den Toten auferweckt sei. Auferweckung geht vor Auferstehung.

Was ist Auferweckung und was ist Auferstehung?
Wenn Sie morgens aufgeweckt werden, ist die Reaktion dann die Auferstehung. Auf Gottes Auferweckung hin, steht Jesus auf. Erstaunlich ist, dass dies schon bei den Propheten Israels so steht. Am Tag Gottes werden die Toten lebendig gemacht heißt es in Hesekiel 37. Jesus wurde von den Toten auferweckt, nicht als Ausnahme, sondern als Anfang. Er ist der Erstling der Entschlafenen, sagt Paulus.

War das Grab leer?
Das Grab war leer, sonst hätten die Jünger die Auferstehung Jesu Christi nicht verkündigen können. In Jerusalem hätten die Juden darauf verwiesen: Da liegt er doch im Grab, er ist nicht auferstanden.

Sie schrieben einmal, dass Verstorbene nicht in ein jenseitiges Todesreich eingehen, sondern in einer zweiten Gegenwart gegenwärtig sind. Trifft das so auch für Jesus zu?
Jesus ist in der ersten Gegenwart den Jüngern erschienen und in der zweiten Gegenwart uns. Im Wort der Verkündigung und im Sakrament ist er gegenwärtig.

Warum ist das für Menschen heute alles so schwer nachvollziehbar?
Das kann ich schwer sagen. Für mich bedeutet dies: im Ende der Anfang. Christi Ende war sein wahrer Anfang. Das erlebe ich mit meinen 92 Jahren immer wieder: Im Ende der Anfang.

Haben Sie das immer so gesehen oder hat sich das entwickelt?
Das hab ich erlebt, als ich ohne Hoffnung war, in dem ersten Jahr meiner Gefangenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Da habe ich in meinem Ende den Anfang mit Christus erlebt.

Es ist so schwierig sich die Auferstehung vorzustellen. Kommen dann alle Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben aus den Gräbern heraus? Das Gedränge könnte groß werden. Wie viel Endlichkeit hat Platz in der Unendlichkeit?
Das ist kein Problem.

Das heißt, wir können uns das nur nicht so richtig vorstellen?
Nein, wir werden nicht aus den Gräbern kommen. Die Auferstehung geschieht unmittelbar nach dem Tod.

Das müssen Sie erklären.
Christoph Blumhardt hat Sterbende getröstet und ihnen gesagt: es dauert nur eine Sekunde bis du auferweckt wirst.

Wo sind die Menschen dann, die auferweckt wurden?
Im ewigen Leben.

Ist das eine Parallelwelt? Sind das gleichzeitige Welten, sichtbare und unsichtbare?
Ja.

Wir haben keinen Zugang in diese Parallelwelt oder in diese Unendlichkeit.
Luther sagte einmal, der letzte Mensch, der gestorben ist, ist Gott genauso nah, wie der erste Mensch, der gestorben ist. Ewigkeit ist an jedem Todesende, es gibt keine Dimension der Zeit.

Sie sagen, die Auferstehung tritt unmittelbar nach dem leiblichen Tod ein. Was ist dann mit dem jüngsten Tag, an dem Gott richtet, die Lebenden und die Toten?
Das Gericht ist die Aufrichtung, die Aufrichtung des Lebens. Auferstehung der Toten hieß früher im Glaubensbekenntnis Auferstehung des Fleisches. Fleisch ist aber nicht nur körperlich gemeint, basar heißt es im Hebräischen und das meint alles Lebendige. Auferstehung bedeutet dann Auferstehung des ganzen Lebens, alles Lebendigen.

Als was oder wie existieren die auferweckten Menschen dann?
Paulus spricht von einem geistlichen Leib. Das ist ein Leib, der vom ewigen Leben durchdrungen ist.

Glauben Sie, dass Sie Ihre vor zwei Jahren verstorbene Frau wieder treffen?
Ja, die Auferstehung der Toten ist personal gedacht. Jesus ist von den Toten auferstanden, und macht die, die sterben müssen, lebendig in der Hoffnung. Das hat aber auch noch eine ontologische Seite: in Jesu Auferstehung hat Gott den Tod überwunden und ewiges Leben ans Licht gebracht. Darum ist die Auferstehung Jesu der Anfang der Neuschöpfung der ganzen Welt.

Sehr persönlich gefragt: Wo glauben Sie, dass Ihre Frau jetzt ist?
Gegenwärtig. Sie ist gegenwärtig in der zweiten Gegenwart.

Wie würden Sie Jugendlichen diese Ihre Hoffnungsbotschaft sagen?
Im Ende der Anfang. Und: »We shall overcome, deep in my heart, I do be believe, we shall overcome someday.« Das ist die Auferstehungsbotschaft als Hoffnung.

Führt der Glaube an die Auferstehung aus der Welt hinaus oder in die Welt hinein?
Wenn ich gewiss bin, dass ich vom Tode auferweckt werde in das ewige Leben, dann kann ich mich hier in diesem Leben voll ausleben. Ich muss nicht meine Seele festhalten und muss mich nicht an irgendwelche Dinge klammern. Ich bin gewiss, wie Paulus sagt, das Korn muss in die Erde und muss sterben, dann wird es viel Frucht bringen.

Was passiert in dem Moment des leiblichen Todes? Wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Gehirnströme nicht mehr messbar sind?
Dann geht die Seele, gleich das Leben, über in den Ewigkeitszustand und wird erfüllt von Gottes Lebensgeist.

Haben diese zwei Welten, die jetzt gar nicht räumlich fixiert werden sollen, irgendetwas miteinander zu tun? Korrespondieren sie miteinander?
Ja in Christus. Er ist in die Welt gekommen, in diese Welt und ist in der neuen Welt auferweckt worden. Wir sind verbunden durch den Geist. Glauben heißt, in der Gemeinschaft Christi zu leben, an dem Leiden und der Verlassenheit Jesu teilzunehmen und an den Freuden der Auferstehung.

Gilt das für alle Menschen?
Objektiv für alle Menschen, subjektiv nur für die Glaubenden. Die Glaubenden erkennen etwas, was für alle Menschen gilt.

Das, was Sie über die Auferstehung sagen, gilt für Christen und gleichermaßen für Muslime, Nichtgläubige oder Angehörige einer afrikanischen Naturreligion.
Es gibt keine Nichtgläubigen. Gott glaubt an jeden Menschen. Das ist eine objektive Tatsache. Und der Mensch glaubt im Grunde, dass Gott an ihn glaubt.

Unabhängig von der Religion glaubt Gott an jeden Menschen?
Die Würde des Menschen ist unantastbar, das heißt sie ist heilig und von Gott gegeben.

Auch wenn ich selbst nicht glaube?
Ich vergleiche nicht den Glauben der Christen, der Juden, der Moslems oder der Hindus miteinander. Ich glaube, dass Jesus für alle Menschen gestorben ist, darum sind auch alle Menschen erlösungsfähig.

Es gibt aber doch Christen, die sagen, wer nicht glaubt, wird verdammt. Gibt es Verdammte?
Nein. Es gibt nur einen Verdammten: Jesus Christus, der in der Hölle gewesen ist, verdammt und verflucht von Gott. Er ist ein Fluch geworden für uns, heißt es im Galaterbrief Kapitel 2, Vers 20. Damit ist die ganze Verdammnis aufgehoben und die Hölle geöffnet.

Gibt es ein Hölle?
Die Hölle ist leer, man kann herausgehen. Wie auf der orthodoxen Ikone zu sehen ist, auf der Jesus Adam und Eva aus der Hölle herausholt. Das ist die Ikone, die ich täglich meditiere.

Wenn Sie sagen, Christus ist für alle gestorben, dann sagen andere Religionen, das Christentums erhebt sich über andere Religionen.
Nein, das Christentum erhebt sich nicht über andere Religionen. Alle Religionen haben einen Universalanspruch. Und Christen auch. Ich begegne einem Moslem aber anders, wenn ich mir vergegenwärtige, dass Christus auch für ihn gestorben ist. Das ist für mich eine Grundhaltung in der Begegnung mit anderen Menschen.

Sie haben über Ihren Glauben und ihre Theologie mit Gewissheit gesprochen. Menschen, insbesondere auch Jugendliche, tun sich schwer in dieser Klarheit zu glauben.
Das war aber zu allen Zeiten so. Diese Überzeugungen sind auch eine Entwicklung. Ich bin nun 92 Jahre, da bleiben die Gewissheiten und die Zweifel und die Ungewissheiten treten zurück.

Was würden Sie einem Jugendlichen heute dazu sagen?
Wage es, mit dieser Gewissheit zu leben und Du wirst neue Lebenserfahr­ungen machen.

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